Robert Klatt
Laut mehreren älteren Studien haben Veganer und Vegetarier ein höheres Depressionsrisiko. Eine umfassende Langzeitstudie mit 77.678 Probanden zeigt nun, ob tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Ernährung und Depressionen besteht.
Zürich (Schweiz). In Europa haben immer mehr Menschen eine pflanzenbasierte Ernährung. Die Wissenschaft untersucht deshalb zunehmend die physische und psychische Auswirkung, etwa die mentale Gesundheit von Veganern. Ein Großteil der Studien basiert jedoch darauf, wie sich die Probanden selbst als Vegetarier, Veganer oder Allesesser einordnen. Forscher der Universität Zürich (UZH) haben deshalb eine neue Studie erstellt, die genau erfasst hat, wie oft die Probanden Fleisch und andere tierische Lebensmittel tatsächlich konsumieren.
„Einige Studien haben einen Zusammenhang zwischen dem Verzicht auf tierische Produkte und Depressionen nahegelegt, und manche Influencer in sozialen Medien empfehlen den Verzehr von Fleisch, um Depressionen zu vermeiden. Frühere Studien konnten jedoch keinen Effekt auf Bevölkerungsebene schätzen oder die Voraussetzungen für Kausalität so prüfen, wie wir es in dieser Studie getan haben.“
Die Studie basiert auf Daten von 77.678 Menschen aus den Niederlanden, Deutschland und Australien. Die Teilnehmer der nationalen Langzeitstudien haben regelmäßig Fragebögen beantwortet, in denen sie angaben, wie oft sie Fleisch, Fisch und Geflügel essen. Zudem wurden standardisierte Fragen zum psychischen Zustand gestellt, vor allem, ob und wie oft die Personen sich im letzten Monat traurig, hoffnungslos oder energielos gefühlt haben.
Die wiederholten Befragungen über einen langen Zeitraum ermöglichten es, zu untersuchen, ob sich die Stimmung durch ein verändertes Essverhalten ebenfalls ändert. Wie die Forscher erklären, haben sie Einflussfaktoren auf die psychische Gesundheit, darunter das Alter, das Einkommen, das Bildungsniveau und das Geschlecht, ebenfalls berücksichtigt. Diese wurden in älteren Studien oft nicht einbezogen. Sie konnten so isoliert betrachtet, ob es einen Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Depressionen gibt oder ob dafür auch andere Einflussfaktoren verantwortlich sind.
Die Analyse zeigt, dass eine fleischfreie Ernährung das Depressionsrisiko nicht erhöht. Vegetarier und Veganer leiden demnach aufgrund ihrer Ernährung nicht öfter unter Depressionen als ähnliche Allesesser. Die Studie hat zudem verzögerte Effekte untersucht, etwa, ob ein Mensch, der ab einem bestimmten Zeitpunkt seinen Fleischkonsum reduziert, später ein höheres Depressionsrisiko hat. Sie konnten jedoch keinen Zusammenhang entdecken, laut dem ein geringerer Fleischkonsum in den Folgejahren zu mehr Depressionen führt.
„Das allgemeine Muster zeigt, dass der Verzehr von Fleisch im Grunde keinen Einfluss auf Depressionen hat, weder in die eine noch in die andere Richtung.“
Die Studie hat außerdem untersucht, ob eine Depression dazu führt, dass Menschen ihre Ernährung umstellen, und ob extreme Ernährungsstile das Depressionsrisiko beeinflussen. Laut den Daten führt eine Depression nicht dazu, dass Menschen währenddessen oder später ihre Ernährung überdurchschnittlich oft ändern. Ein extremer Ernährungsstil kann das Depressionsrisiko aber beeinflussen. Am geringsten sind die Depressionswerte bei Menschen mit einem mittleren Fleischkonsum.
„Bei sehr hohem Fleischkonsum gab es einen Anstieg der Depressionswerte, was darauf hindeutet, dass übermäßiger Fleischverzehr mit Depressionen zusammenhängen könnte.“
Die Forscher wollen nun untersuchen, wie die Ernährung auf spezifische psychische Erkrankungen beeinflusst.
„Wir halten die Ergebnisse dieser Studie für eindeutig in Bezug auf Fleischkonsum und Depression in der Allgemeinbevölkerung, aber es könnte bestimmte Untergruppen geben, bei denen ein Zusammenhang besteht, etwa Menschen mit Essstörungen oder Personen mit starker Angst in Bezug auf Umwelt- oder Tierrechte. Diese Gruppen würden wir gerne näher untersuchen.“
Die Ergebnisse der Studien sollen die Bevölkerung dabei helfen, bessere Entscheidungen bezüglich ihrer Ernährung zu treffen.
„Wir halten es für wichtig, dass Menschen ihre Ernährungsentscheidungen auf Grundlage von wissenschaftlichen Erkenntnissen treffen, und sind besorgt darüber, dass manche Entscheidungen auf unbegründeten Meinungen aus sozialen Medien beruhen und dadurch möglicherweise Schaden für Menschen, Umwelt oder Tiere entsteht. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse eine fundierte Grundlage für gute Ernährungsentscheidungen bieten.“
Quellen:
Studie im Fachmagazin Psychological Science, doi: 10.1177/09567976261426226