Recycling

Gebrauchte Babywindeln sollen Rohstoff werden

Robert Klatt

Einwegwindeln sorgen pro Minuten für 1.000 kg Müll. Ein Forschungsprojekt möchte deshalb mit Industriepartnern eine Kreislaufwirtschaft etablieren, die aus gebrauchten Windeln Rohstoffe erzeugt.

Wien (Österreich). In Deutschland werden laut Windel Bendel pro Tag etwa 8,4 Millionen Einwegwindeln aus Kunststoff genutzt. Neben dem hohen Rohstoffverbrauch sorgen die mehr als drei Milliarden Wegwerfwindeln auch für gigantische Müllberge. Dies bemerkte auch Sara Vecchiato Forscherin am Institut für Umweltbiotechnologie der Wiener Boku. Wie Vecchiato erklärt, sah die Wissenschaftlerin nach der Geburt ihrer Babys „wie viele Windeln verbraucht werden.“

Gemeinsam mit Wissenschaftlern des Austrian Centre of Industrial Biotechnology (Acib) sucht Vecchiato deshalb nach Möglichkeiten für eine lückenlose Kreislaufwirtschaft für Windeln. Zu den Fragen des Forschungsprojekts gehört unter anderem, die die Materialien gereinigt werden können, um sie danach wie in der Umwelt von Enzymen zerlegen zu lassen.

Proof of Concept in sechs Monaten

Derzeit steht das ehrgeizige Projekt noch in den Kinderschuhen, das Team hofft aber innerhalb der nächsten sechs Monate ein Proof of Concept vorstellen zu können, dass die generelle Machbarkeit des enzymatischen Recyclings von Windeln belegt. Industriell anwendbare Technologie werden in jedem Fall aber noch einige Jahre Entwicklungszeit benötigen.

Das Team um Vecchiato und Matthias Slatner, Open Innovation Manager am Acib sucht aktuell nach Partnern aus Wirtschaft, mit denen der industrielle Prozess später umgesetzt werden soll. Finanziert wird die derzeitige Grundlagenforschung aus Geldern des Comet-Programms von der Förderagentur FFG sowie vom österreichischen Klimaschutz- und Wissenschaftsministerium.

Eine Tonne Windelmüll pro Minuten

Wie Vecchiato erklärt, ist das „theoretische Potenzial der Idee riesig.“ In der Europäischen Union (EU) werden pro Jahr etwa 20 Milliarden Einwegwindeln verbraucht. Weltweit sorgen Windeln sogar für eine Tonne Müll pro Minuten. Derzeit wird ein Großteil davon entweder in Müllverbrennungsanlagen thermisch verwertet oder auf gigantischen Abfallbergen deponiert.

Wegwerfwindeln bestehen hauptsächlich aus Kunststoffen wie Polyethylen und Polypropylen, superabsorbierenden Polymeren (SAP) und Cellulosefasern. Laut Vecchiato „ist das Ziel des Projekts einen Cocktail an verschiedenen Enzymen zu entwickeln, der möglichst viele Stoffe im Materialmix einer Windel abbauen kann.“

Recycling von Windeln problematisch

Problematisch beim Recycling von Windeln ist laut Vecchiato, dass „Enzyme jeweils nur sehr spezifisch für eine Kunststoffvariante einsetzbar sind.“ Kürzlich entdeckten Wissenschaftler unter anderem Bakterien-Enzyme, die es ermöglichen den PET in seine grundlegenden Bestandteile zu zerlegen. Prinzipiell ist es also denkbar, dass auch für die übrigen Windelbestandteile passende Enzyme gefunden werden. Laut Slatner „ist bei wissenschaftlichen Screenings in diesem immer auch eine Portion Glück nötig.“

Einige Bestandteile von Windeln wie die Superabsorber könnten laut Vecchiato auch ohne enzymatische Zerlegung recycelt werden.

Mehrstufiger Prozess

Derzeit experimentieren die Forscher im Labor mit kleinen Proben, die in ein herkömmliches Wasserglas passen. Später soll ein industrieller Prozess folgen, in dem Windeln zuerst gewaschen werden. Die dabei abgetrennte Biomasse könnte zum Beispiel in Biogasanlagen zu Methan weiterverarbeitet werden.

Die Windeln würden anschließend zerkleinert und mit einer Enzymlösung vermengt werden. In Abhängigkeit von der Arbeit der Enzyme und den Materialien könnte der Abbauprozess ohne hohe Temperaturen bei Normaldruck in wenigen Tagen abgeschlossen sein. Dabei werden die Fasern die Glukose abgebaut, aus der in einem Fermentationsprozess Ethanol erzeugt werden kann.

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