Die Weltnaturschutzunion IUCN hat erstmals alle flachen tropischen und subtropischen Korallenriffe der Erde nach den Kriterien ihrer Roten Liste der Ökosysteme bewertet. Von 127 untersuchten Riff-Ökosystemen gelten 122 als vom Kollaps bedroht, das ist die höchste Gefährdungsstufe. Für sie besteht ein extrem hohes Risiko, bis 2075 ihre riffbildenden Steinkorallen weitgehend zu verlieren. Ausschlaggebend sind Prognosen für künftige Meereshitzewellen, denn allein nach den Veränderungen der vergangenen 50 Jahre wäre nur knapp ein Viertel der Riffe so stark gefährdet. Die meisten Korallenriffe leben also noch, und ihre Zukunft hängt vor allem davon ab, wie stark sich die Ozeane weiter erwärmen.
An der Bewertung haben mehr als 250 Fachleute in zehn regionalen Teams mitgearbeitet. Koordiniert wurde sie von der IUCN, der Universität Melbourne und der Meeresschutzorganisation CORDIO East Africa, gemeinsam mit dem Global Coral Reef Monitoring Network. Wissenschaftlicher Leiter ist der Korallenforscher Mishal Gudka von CORDIO East Africa. Die Teams verbanden jahrzehntelange Beobachtungsreihen zu Korallen, Algen und Fischen mit Satellitendaten zur Meerestemperatur, Klimaprojektionen und Riffkarten. Insgesamt umfasst die Analyse 188.362 Quadratkilometer Korallenriffe in mehr als 80 Ländern und Gebieten. Die IUCN hat die Ergebnisse am Donnerstag in einer Mitteilung zur ersten globalen Riffbewertung veröffentlicht, zeitgleich mit der UN-Biodiversitätskonferenz COP17 im armenischen Eriwan.
Die Rote Liste der Ökosysteme funktioniert ähnlich wie die bekannte Rote Liste gefährdeter Arten, bewertet aber ganze Lebensgemeinschaften statt einzelner Arten. Erfasst wurden nur die lichtdurchfluteten Flachwasserriffe, die sich die meisten Menschen unter einem Korallenriff vorstellen. Tiefere Riffe und Kaltwasserkorallen gelten als eigene Ökosysteme und waren nicht Teil der Untersuchung. Ergänzend hat die IUCN kürzlich 892 riffbildende Korallenarten neu bewertet und 44 Prozent davon als vom Aussterben bedroht eingestuft. Die eine Liste fragt also, ob einzelne Arten verschwinden, die andere, ob Riffe als funktionierende Lebensräume verloren gehen.
Ein Riff-Ökosystem gilt als kollabiert, wenn es seine prägenden Merkmale verliert. Die Steinkorallen, die mit ihren Kalkskeletten das lebende Fundament des Riffs bilden, verschwinden dann fast vollständig, und Algen, Korallenschutt und Schwämme übernehmen den Meeresboden. In der Methodik ist diese Grenze konkret festgelegt: Bedecken lebende Steinkorallen weniger als fünf Prozent des Bodens, lagert das Riff praktisch keinen neuen Kalk mehr an und hört auf zu wachsen. Ein solcher Lebensraum bietet weit weniger Nahrung und Verstecke. Das trifft ganze Nahrungsnetze, von Muscheln und Seegurken bis zu Rifffischen, Meeresschildkröten und großen Räubern wie Haien.
Die Kategorie vom Kollaps bedroht, im Englischen Critically Endangered, beschreibt allerdings ein extrem hohes Risiko für die kommenden 50 Jahre, keinen bereits eingetretenen Verlust. Die meisten Riffe tragen nach Angaben der IUCN noch lebende Korallen und funktionieren weiterhin als Riff. Tatsächlich kollabiert ist bisher nur eines der 127 Ökosysteme, nämlich die Riffe der westlichen Galápagosinseln nach dem starken El Niño von 1982 und 1983. Für vier weitere Ökoregionen reichten die Daten nicht für eine vollständige Bewertung. Alle übrigen landeten in der höchsten Gefährdungsstufe, und sie decken zusammen 99,8 Prozent der untersuchten Rifffläche ab.
Jede Ökoregion wurde nach fünf Kriterien geprüft, die jeweils einen anderen Weg in den Niedergang abbilden. Gemessen wurden der Verlust an lebendem Riff in den vergangenen 50 Jahren, die Gefahr, dass ein kleines oder abgelegenes Riff durch einen einzelnen Wirbelsturm oder eine Bleiche ausgelöscht wird, die Belastung durch Meereshitzewellen in Vergangenheit und Zukunft sowie das Gleichgewicht zwischen Korallen, Algen und Fischen. Ein fünftes Kriterium, die direkte Berechnung der Kollapswahrscheinlichkeit mit Modellen, ließ sich nur für vier australische Ökoregionen anwenden. Nach dem Vorsorgeprinzip zählt für die Gesamteinstufung das schlechteste Ergebnis. Die Einzelergebnisse zeigen, wie vielfältig die Probleme sind. In 25 Prozent der Ökosysteme ist bereits ein großer Teil des lebenden Riffs verloren, 45 Prozent sind so klein oder isoliert, dass ein einzelnes Ereignis sie vernichten könnte. Die Hitze der vergangenen 50 Jahre gefährdet 77 Prozent, und in 63 Prozent ist das Zusammenspiel von Korallen, Algen und Fischen gestört.
Betrachtet man nur die beobachteten Veränderungen der vergangenen 50 Jahre, gelten 116 der 127 Ökosysteme als gefährdet, aber nur 30 von ihnen, also 24 Prozent, als vom Kollaps bedroht. Der Sprung auf 96 Prozent entsteht durch die Projektion künftiger Hitzewellen für die Jahre 2026 bis 2075. Die Forscher nutzten dafür das mittlere Szenario des Weltklimarats IPCC mit der Bezeichnung SSP2-4.5, das bis zum Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung um etwa 2,7 Grad Celsius erwarten lässt. Ein Szenario, das zum Pariser Klimaabkommen passt, stand für die Berechnung nicht zur Verfügung. Allein der Hitzestress würde unter diesen Annahmen 95 Prozent der Riff-Ökosysteme in die höchste Gefährdungsstufe bringen.
Gemessen wird dieser Stress in sogenannten Degree Heating Weeks. Der Wert summiert, wie stark und wie lange das Wasser innerhalb von zwölf Wochen über dem üblichen Sommermaximum liegt. Ab etwa vier Einheiten beginnen Korallen auszubleichen, weil sie die Algen in ihrem Gewebe abstoßen, von denen sie sich ernähren. Ab etwa acht Einheiten sterben sie in großem Umfang ab. Schnell wachsende Korallen brauchen nach einer schweren Bleiche typischerweise zehn bis 15 Jahre zur Erholung, andere Arten deutlich länger. In den 1970er Jahren trafen schwere Bleichen ein Riff höchstens etwa alle zehn bis 15 Jahre. Als Kollapsschwelle legten die Forscher fest, dass schwere Bleichen im Mittel alle drei Jahre auftreten oder sich drei Massensterben innerhalb von fünf Jahren häufen. Genau dorthin bewegen sich nach den Projektionen die meisten Riffe.
Dabei haben die Forscher berücksichtigt, dass Korallengemeinschaften robuster werden können. Für die Zukunftsrechnung orientierten sie die Hitzeschwellen an den Reaktionen der Riffe in den Jahren 2020 bis 2025 und setzten sie, wo es begründet war, nach oben, weil empfindliche Arten bereits ausgesiebt sind und sich manche Korallen an höhere Temperaturen anpassen. Auch die Schwelle für ein akutes Massensterben liegt höher als in früheren Bewertungen, weil mehrere Riffe zwischen 2015 und 2025 zwei schwere Bleichen in einem Jahrzehnt überstanden haben. Trotz dieser vorsichtigen Annahmen bleibt das Ergebnis eindeutig.
Betroffen sind auch die größten und artenreichsten Riffsysteme der Welt. In Australien, wo rund 36 Prozent der bewerteten Rifffläche liegen, gelten nach den bisherigen Beobachtungen 4 der 17 Ökoregionen als vom Kollaps bedroht, mit den Klimaprojektionen alle 17, einschließlich des Great Barrier Reef. In der Karibik sind alle zehn Ökoregionen schon nach den Beobachtungen gefährdet, sechs davon in der höchsten Stufe. Mit den Projektionen gilt das für alle zehn, darunter das Mesoamerikanische Barriereriff. Ostasien mit dem Korallendreieck, dem artenreichsten Meeresgebiet der Erde, zeigt dagegen, wie stark die Zukunftsprognose das Bild verändert. Hier ist die Korallenbedeckung im weltweiten Vergleich noch relativ hoch, und nach den Beobachtungen sind nur 5 der 25 Ökoregionen vom Kollaps bedroht. Mit den Projektionen sind es alle 25.
Schon heute setzen großflächige Meereshitzewellen in Asiens Ozeanen den Riffen zu. Ähnlich wie in Ostasien liegt der Fall im nördlichen Roten Meer. Die dortigen Korallen sind ungewöhnlich hitzetolerant, weshalb das Ökosystem nach den bisherigen Trends nur als gefährdet gilt, zwei Stufen unter der höchsten. Erst die Projektionen heben alle vier Ökoregionen des Roten Meeres und des Golfs von Aden in die höchste Stufe. Gerade solche Gebiete zeigen, dass die schlechte Gesamtnote vor allem eine Warnung vor der Zukunft ist.
Neben der Hitze spielen örtliche Belastungen eine große Rolle. In Ostasien, im westlichen Indischen Ozean, in der Karibik und in Brasilien gehört die Übernutzung bestimmter Fischgruppen zu den wichtigsten aktuellen Bedrohungen. Papageifische weiden Algen ab und halten Flächen frei, auf denen sich junge Korallen ansiedeln können. Zackenbarsche und andere Raubfische regulieren das Nahrungsnetz. Fehlen diese Fische, überwuchern Algen geschwächte Korallen, und das Riff erholt sich nach einer Hitzewelle schlechter. Als Funktionsverlust werteten die Forscher, wenn Papageifische auf zehn Prozent und Zackenbarsche auf 20 Prozent ihres ursprünglichen Bestands geschrumpft sind. Hinzu kommen Küstenbebauung, Abwässer, Massentourismus, häufigere Stürme und Massenvermehrungen des korallenfressenden Dornenkronenseesterns.
Die Autoren betonen, dass der Abstand zwischen 24 und 96 Prozent auch ein Handlungsspielraum ist. „Das Risiko eines Riffkollapses wächst, aber das muss ein Weckruf sein und kein Grund zur Verzweiflung“, sagt Mishal Gudka. Korallenriffe hätten gezeigt, dass sie sich von verheerenden Bleichen bemerkenswert gut erholen können. Ein Beispiel ist das Great Barrier Reef, wo die Korallenbedeckung nach der schweren Bleiche von 2024 wieder gestiegen ist. Die IUCN nennt außerdem Gebiete, die trotz wiederholter Hitzewellen noch reichlich Korallen und ein gesundes Verhältnis von Korallen, Algen und Fischen haben, etwa das nördliche Rote Meer, Papua-Neuguinea, den Westen von Kiribati und die Bermudas. Solche widerstandsfähigen Riffe sollen bevorzugt geschützt werden, weil sie für die Erholung anderer Gebiete wichtig sein dürften.
Örtliche Maßnahmen können Hitzewellen nicht verhindern, aber sie verschaffen den Riffen Zeit zur Erholung zwischen zwei Ereignissen. Dazu zählen größere Meeresschutzgebiete, die Erholung der Bestände von Papageifischen und Zackenbarschen sowie weniger Schmutz und Schwebstoffe von Land. Das Wiederanpflanzen von Korallen sieht die IUCN nur als Ergänzung, weil es aufwendig und im großen Maßstab unsicher ist. Den entscheidenden Hebel sieht sie in schnell sinkenden Treibhausgasemissionen. „Es ist nicht zu spät, den Korallenriffen eine Chance zur Erholung zu geben, aber dafür braucht es entschlossenes Handeln gegen den Klimawandel“, sagt IUCN-Generaldirektorin Grethel Aguilar.
Die Bewertung hat auch Grenzen. Sie ist ein Bericht der IUCN mit offengelegter Methodik, kein in einem Fachjournal begutachteter Artikel. Für einige Gebiete wie den Golf von Aden und Teile Nordbrasiliens gibt es nur wenige Messdaten. Die Ausgangswerte der 1970er Jahre mussten aus späteren Erhebungen, Literatur und Expertenwissen rekonstruiert werden, weil standardisierte Beobachtungen erst in den 1990er Jahren begannen. Zudem beruht die Zukunftsprognose auf einem einzigen Klimaszenario. Stärkerer Klimaschutz würde die Risiken senken, eine stärkere Erwärmung sie weiter erhöhen.
IUCN, Red List of Coral Reef Ecosystems
IUCN, Global Red List of Coral Reef Ecosystems: assessment methods
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