Das Great Barrier Reef zeigt erstmals seit Jahren wieder eine Erholung, und der Grund dafür liegt nicht im Riff selbst, sondern in der Atmosphäre darüber. Nach der schwersten Massenbleiche seiner Messgeschichte legt die Hartkorallenbedeckung in der nördlichen Region um 16,7 Prozent zu, im zentralen Abschnitt um 10,2 Prozent. Verantwortlich ist ein verspätetes Wetterphänomen, das die Wassertemperatur im kritischen Fenster nach unten drückte. Zugleich registrieren die Forscher im Norden den Beginn einer Entwicklung, die dem Riff in den kommenden Jahren gefährlich werden könnte.
Das Great Barrier Reef erstreckt sich über rund 2.300 Kilometer entlang der Nordostküste Australiens und besteht aus etwa 3.000 einzelnen Riffen. Als zentrale Messgröße für seinen Zustand dient die prozentuale Hartkorallenbedeckung, also der Anteil der Riffoberfläche, der von lebenden riffbildenden Korallen bedeckt ist. Dieser Wert gilt weltweit als anerkannter Indikator, weil er sich standardisiert erheben und über Jahrzehnte hinweg vergleichen lässt. Erhoben wird er im sogenannten Manta-Tow-Verfahren, bei dem ein Taucher an einem Brett hinter einem Boot hergezogen wird und in Zwei-Minuten-Abschnitten Bedeckung, Bleichegrad und Fressfeinde protokolliert. Auf diese Weise lassen sich große Flächen in kurzer Zeit erfassen. Für die aktuelle Bilanz wurden zwischen August 2025 und Juni 2026 insgesamt 121 Riffe zwischen Cape York im Norden und Gladstone im Süden abgefahren.
Die Ausgangslage war denkbar schlecht. Die Massenbleiche des Jahres 2024 war die fünfte seit 2016 und führte im Norden zum stärksten Jahresrückgang, der dort jemals gemessen wurde. Eine Korallenbleiche entsteht, wenn erhöhte Meerestemperatur die symbiotischen Algen aus dem Gewebe der Koralle vertreibt, die das Tier mit Nährstoffen versorgen und ihm seine Farbe geben. Zurück bleibt das weiße Kalkskelett unter durchsichtigem Gewebe. Entscheidend ist dabei, dass eine gebleichte Koralle zunächst noch lebt und sich erholen kann, sofern die Hitzebelastung rechtzeitig endet. Wie stark solche Ereignisse inzwischen ausfallen, zeigt der Blick auf europäische Gewässer, wo die Wassertemperaturen im Mittelmeer neue Rekordmarken erreichen.
Die aktuellen Zahlen fallen je nach Abschnitt unterschiedlich aus. In der nördlichen Region zwischen Cape York und Cooktown stieg die durchschnittliche Hartkorallenbedeckung von 30 auf 35,1 Prozent, was einem relativen Zuwachs von 16,7 Prozent entspricht. Im zentralen Abschnitt zwischen Cooktown und Proserpine kletterte der Wert von 28,6 auf 31,6 Prozent und damit um 10,2 Prozent. Der Süden zwischen Proserpine und Gladstone blieb mit einem Rückgang von 26,9 auf 26,4 Prozent nahezu unverändert und liegt weiterhin unter seinem langjährigen Mittel von 29,3 Prozent. Über alle Riffe hinweg verzeichneten 28 Prozent einen Zuwachs, 56 Prozent blieben unverändert und 16 Prozent verloren Bedeckung. Nur drei der untersuchten Riffe lagen unter zehn Prozent, zwölf erreichten Werte zwischen 50 und 75 Prozent. Die Zusammenfassung des australischen Meeresforschungsinstituts spricht deshalb vom Beginn einer Erholung.
Ursache für die Atempause ist ein meteorologischer Zufall. Der Sommer 2025 und 2026 brachte der Region erneut überdurchschnittliche Meerestemperaturen, doch der Monsun setzte spät ein und blieb dann ungewöhnlich kräftig. Die dichte Bewölkung verringerte die einfallende Sonnenstrahlung erheblich, Regen und Durchmischung senkten die Temperatur der oberen Wasserschicht. Damit fiel die kumulierte Hitzebelastung, die in Grad-Heizwochen gemessen wird, deutlich niedriger aus als in den beiden Vorjahren. Eine großflächige Bleiche wie 2024 und 2025 blieb aus, die regional aufgetretene Bleiche im Norden und im Zentrum verlief milder. Bemerkenswert ist die Rolle solcher großräumigen Wetterlagen, denn auch die aktuelle El-Niño-Lage im Pazifik greift tief in Temperatur- und Niederschlagsmuster der gesamten Region ein.
Der zweite Teil der Bilanz fällt weniger erfreulich aus. Der Dornenkronenseestern wurde auf 27 der untersuchten Riffe direkt gesichtet, Fraßnarben fanden sich auf 77 Riffen und damit auf deutlich mehr Flächen, als tatsächlich Tiere beobachtet wurden. Schwere Ausbrüche registrierten die Teams zwar noch nicht, doch die steigenden Zahlen im Norden deuten nach Einschätzung der Fachleute auf den Beginn der fünften dokumentierten Ausbruchswelle seit den Sechzigerjahren hin. Ein einzelnes ausgewachsenes Tier kann pro Jahr mehrere Quadratmeter lebende Korallen abweiden. Hinzu kommen Süßwassereinträge durch Überschwemmungen sowie zwei tropische Wirbelstürme, darunter ein System der höchsten Kategorie, das im März über den Norden zog. Die meisten Erhebungen waren zu diesem Zeitpunkt bereits abgeschlossen, seine Folgen werden also erst die nächste Bilanz zeigen.
Einzuordnen ist der Zuwachs deshalb mit Zurückhaltung. Schnell wachsende, verzweigte Korallengattungen bauen Fläche binnen weniger Jahre wieder auf, sind aber besonders anfällig für Hitze und Stürme, während langsam wachsende, massive Arten Jahrzehnte für vergleichbare Zuwächse benötigen. Ein steigender Bedeckungswert kann also eine Riffgemeinschaft beschreiben, die insgesamt empfindlicher geworden ist als vor der Bleiche. Der aktuelle Bericht untersucht diesen Effekt erstmals im Detail und findet Verschiebungen zwischen den Korallentypen, die sich in der Gesamtzahl nicht abbilden. Mit dem Jahr 2026 umfasst die Messreihe 40 Jahre und gilt damit als eine der längsten kontinuierlichen Riffbeobachtungen weltweit. Sechs Massenbleichen seit 2016 stehen einem Riff gegenüber, das sich zwischen den Ereignissen bislang immer wieder erholt hat.