Robert Klatt
In Europa leben immer mehr Menschen vegan oder vegetarisch. Diese Entwicklung gefährdet Milliardeninvestitionen der Landwirtschaft, etwa in Ställe, die bald nicht mehr gebraucht werden könnten.
Leiden (Niederlande). In Deutschland hat der Anteil der vegan und vegetarisch lebenden Menschen seit der Mitte der 2010er Jahre kontinuierlich zugenommen. Inzwischen sind rund acht bis zehn Prozent der Bevölkerung Vegetarier und zwei bis drei Prozent Veganer. In Anbetracht dieser Entwicklung haben Forscher der Universität Leiden eine Studie durchgeführt, die untersucht hat, welche ökonomischen Auswirkungen der reduzierte Konsum von Fleisch und Milchprodukten auf die Landwirtschaft in Europa hat.
Wie die Forscher erklären, haben sie die Studie durchgeführt, weil in der Wissenschaft Einigkeit darüber besteht, dass der Konsum tierischer Produkte sinken muss, unter anderem, weil deren Produktion für große Umwelt- und Klimaschäden verantwortlich ist. Rindfleisch ist etwa laut einer Studie des Bard College bis zu 40-mal CO₂-intensiver als andere Proteinquellen.
Der sinkende Konsum von tierischen Lebensmitteln und der zunehmende Konsum von pflanzlichen Produkten führen jedoch zu einem ökonomischen Problem, weil viele Investitionen der Landwirtschaft in die Tierhaltung dadurch überflüssig werden. In der Ökonomie nennt man diese Vermögenswerte, etwa Ställe, die nicht mehr verwendet werden und dadurch deutlich früher als erwartet ihren wirtschaftlichen Wert verlieren, „stranded assets“.
Laut der Studie ist ein Großteil der landwirtschaftlichen Investitionen in der Europäischen Union (EU) direkt mit Nutztieren und Futtermitteln verbunden (78 %). Insgesamt stehen 158 Milliarden Euro unmittelbar im Zusammenhang mit der Tierhaltung und 100 Milliarden Euro mit der Futtermittelproduktion.
„Stranded assets sind nicht nur eine Theorie. Die meisten landwirtschaftlichen Investitionen konzentrieren sich auf die tierbasierte Produktion, insbesondere auf Milchprodukte und Futtermittel. Dies kann Landwirte davon abhalten, auf eine pflanzenbasierte Produktion umzusteigen.“
Um die Auswirkungen der veränderten Ernährungsgewohnheiten auf die Investitionen der Landwirtschaft zu untersuchen, haben die Forscher mehrere Szenarien modelliert. Das Modell zeigt, dass eine moderate Anpassung der Ernährung Investitionen der Landwirtschaft in die Tierhaltung in Höhe von 61 Milliarden Euro entwerten würde. Bei einer starken Veränderung läge der wirtschaftliche Schaden bei 168 Milliarden Euro und bei einer sehr starken Veränderung bei bis zu 225 Milliarden Euro. Wie hoch die tatsächlichen Schäden sind, hängt vor allem von der Geschwindigkeit der Ernährungsumstellung ab.
Die Forscher erklären, dass ein Großteil der landwirtschaftlichen Investitionen seinen Wert nicht plötzlich verlieren wird. Es besteht also ausreichend Zeit dazu, den Strukturwandel sinnvoll zu planen. Die Verluste lassen sich zudem durch die Umnutzung bestehender Gebäude reduzieren. Stallanlagen könnten etwa für den Anbau von Pilzen, die sich zur Produktion von klimafreundlichen Proteinen eignen, umgerüstet werden.
„Dies schafft Spielraum, um den Übergang angemessen zu steuern. Langfristig könnte die Lebensmittelproduktion sogar günstiger werden, allerdings nur, wenn Politik und Investitionen jetzt angepasst werden.“
In Anbetracht der Ergebnisse betonen die Forscher, dass gezielte Maßnahmen der Politik entscheidend sind, etwa schnellere Genehmigungen für die Umnutzung von Gebäuden und neue Möglichkeiten für das Abschreiben von Investitionen.
Quellen:
Pressemitteilung der Universität Leiden
Studie im Fachmagazin Nature Food, doi: 10.1038/s43016-025-01283-z