Ursache für Demenz?

Langes Fernsehen reduziert die verbale Gedächtnisleistung

von Robert Klatt

Langes Fernsehen reduziert besonders bei alten Menschen die Leistung des verbalen Gedächtnis. Betroffene können Gesprächen schlechter folgen und sich Informationen nur kurz merken.

Weimar (Deutschland). In Deutschland schauen laut einer Studie des Marktforschungsunternehmens AGF Videoforschung Personen, die älter als drei Jahre sind im Durchschnitt pro Tag 217 Minuten Fernsehen". Die Auswirkungen dieses hohen Konsums sind in der Forschung umstritten, da hochwertige Fernsehinhalte einerseits die Sprachentwicklung und die Allgemeinbildung fördern können, anderseits das lange Sitzen vor der Fernsehern aber auch die Gesundheit negativ beeinflussen kann und die Entstehung von Übergewicht fördert. Außerdem haben neuseeländische Wissenschaftler laut einer im Fachmagazin Pediatrics veröffentlichten Studie belegt, dass lange Fernsehnutzung bei Kindern zu einem aggressivem, antisozialem Verhalten führen kann.

Neben Jugendlichen und Kindern gehören besonders Menschen im Rentenalter zu den Gruppen, die besonders lange vor dem Fernseher sitzen. Die Auswirkungen auf die Gesundheit der Senioren ist bis heute kaum untersucht. Indizien deuten aber daraufhin, dass langes Fernsehen die Gedächtnisleistung reduziert und die Entstehung von Alzheimer begünstigt.

Langzeitstudie bestätigt Abbau der Gedächtnisleistung

Wissenschaftler des University College London haben zur Überprüfung dieser Vermutung eine sechs Jahre dauernde Langzeitstudie durchgeführt, deren Ergebnisse im renommierten Journal Scientific Reports veröffentlicht wurde. Als Probanden dienten 3.590 gesunde Frauen und Männer ab 50 Jahren, von denen rund ein Drittel zu Studienbeginn noch einer Voll- oder Teilzeitarbeit nachgingen.

Zu Beginn der Studie wurden neben dem allgemeinen Gesundheitszustand auch die kognitiven Leistungen der Probanden bestimmt. Anschließend untersuchten die Wissenschaftler innerhalb des Studienzeitraums Veränderung und befragten die Probanden nach ihren Fernsehzeiten.

3,5 Stunden Fernsehen pro Tag verschlechtern verbales Gedächtnis deutlich

Die Analyse der Daten zeigt, dass die Dauer der täglichen Fernsehnutzung signifikante Unterschiede im verbalen Gedächtnis auslöst. Laut den Wissenschaftlern „hatten die Probanden, die mehr als 3,5 Stunden täglich fernsehschauten, nach sechs Jahren ein schlechteres verbales Gedächtnis als Teilnehmer mit geringerem TV-Konsum.“

Dies zeigte sich vor allem dadurch, dass die Senioren sich eine Liste mit Wörter deutlich schlechter merken konnten, als die Probanden mit geringerem TV-Konsum. Im Alltag sorgt eine verminderte Leistung des verbalen Gedächtnis dafür, dass Personen Unterhaltungen schlechter folgen können und Nachrichten wie Wegbeschreibungen oder Fahrplandurchsagen schneller vergessen.

Abbau des Gedächtnis unabhängig von anderen Einflussfaktoren

Laut den Studienautoren Daisy Fancourt und Andrew Steptoe sind die Ergebnisse unabhängig von weiteren Faktoren wie dem Alter, der Lebensweise und dem Gesundheitszustand, die ebenfalls die Leistung des Gedächtnis positiv oder negativ beeinflussen können. Zusätzlich bestätigt auch die Beobachtung, dass ein Zusammenhang zwischen der Länge des Fernsehkonsums und dem Rückgang der Gedächtnisleistung besteht, dass das lange Fernsehen die direkte Ursache der aufgezeichneten Gedächtnis-Defizite ist.

Welcher Prozess den Gedächtnisverlust im Gehirn auslöst, hat die Studie nicht untersucht. Die Forscher vermuten, dass „das laut Laborexperimenten wachere, aber weniger fokussiertem Gehirn“ dafür verantwortlich sein könnte. EEG-Untersuchungen zeigten, dass bei langer TV-Nutzung die für das Lernen verantwortlichen Alpha-Wellen weniger stark auftreten. Außerdem könnte Fernsehen visuellen und emotionalen Stress bei den Senioren auslösen, der das Gedächtnis ebenfalls negativ beeinflusst.

Fernsehen verdrängt andere Aktivitäten

Eine andere Erklärung sieht nicht den hohen TV-Konsum als direkte Ursache für die schlechtere Gedächtnisleistung, sondern geht davon aus, dass dadurch andere Aktivitäten, die einer Alzheimererkrankung vorbeugen wie zum Beispiel Lesen verdrängt werden. Laut den Wissenschaftlern wären „die beobachteten Effekte dann nicht vom Fernsehen selbst verursacht, sondern durch die verringerte Zeit, die Menschen dadurch mit gedächtnisfördernden Tätigkeiten verbringen.“

Anzumerken ist auch, dass die Studie nur die Dauer des Fernsehkonsums berücksichtigt hat. Ob unterschiedliche Programme die gleichen Auswirkungen auf die Gedächtnisleistung haben, wurde hingegen nicht untersucht.

Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-019-39354-4

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