Große Datenmengen analysiert

Gehirn altert schon durch wenig Alkohol oder Tabak stark

Robert Klatt

Ein Glas Wein oder Bier oder eine Packung Zigaretten pro Tag lassen das Gehirn stark altern. Das Alter des Organs steht im direkten Zusammenhang mit dessen Gesundheit.

Los Angeles (U.S.A.). Eine Reihe von Studien hat bereits Hinweise darauf erbracht, dass täglicher Alkoholkonsum auch bei geringen Mengen langfristig den Alterungsprozess des Gehirns beschleunigt. Weil die bisherigen Studien mit nur wenigen Probanden oder mit Mäusen durchgeführt haben, haben Wissenschaftler der University of Southern California den möglichen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und einer vorzeitigen Alterung des Gehirns im Rahmen einer Großstudie mit 17.308 Probanden erneut untersucht.

Die Studie basiert auf menschlichen Hirnscans, die im Rahmen einer britischen Langzeitstudie erstellt wurden. Die Probanden waren zum Zeitpunkt des Scans zwischen 45 und 81 Jahre alt. Es handelt sich dabei um eine der größten Sammlungen an Hirnbildern, die die Wissenschaft jemals analysieren konnte.

Künstliche Intelligenz ermittelt Alter der Gehirne

Die Hirnbilddaten analysierten die Wissenschaftler mithilfe einer künstlichen Intelligenz (KI), die das biologische Alter der Gehirne ermittelte. Im Anschluss wurde das von der KI ermittelte Alter mit dem tatsächlichen Alter abgeglichen und die Differenz mit dem täglichen Alkohol- und Tabakkonsum der Probanden in Relation gesetzt.

Laut der Publikation im Fachmagazin Scientific Reports zeige die Analyse, dass sowohl Alkohol als auch Tabak das Gehirn systematisch altern lassen. Mit jedem Gramm Alkohol, das ein Mensch pro Tag konsumiert, altert sein Gehirn pro Jahr zusätzlich um sieben Tage. Ein Glas Wein oder eine Dose Bier enthalten im Mittel 14 Gramm Alkohol. Die Gehirne der Probanden, die täglich Alkohol konsumieren, waren im Durchschnitt 0,4 Jahre älter als die Gehirne der Probanden, die nicht täglich Alkohol konsumierten. Noch stärker sind die Auswirkungen des Tabakkonsums. Probanden, die täglich eine Packung Zigaretten rauchen, hatten im Mittel ein 0,03 Jahre älteres Gehirn als Probanden, die nicht täglich Tabak konsumieren.

Große Datenmenge

Laut Lucina Uddin, Leiterin der Fakultät für Kognitions- und Verhaltensforschung an der University of Miami sind die Ergebnisse der Studie aufgrund der großen Datenmengen, die der Algorithmus ausgewertet hat, besonders wertvoll. „Früher haben wir für die Neurobildgebung vielleicht 20 oder 40 Hirnscans machen können, wenn wir Glück hatten. Heute kommen wir auf 200 oder 300. Aber das hier ist der größte Datensatz, den es je gab“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Die große Datenmenge erlaubt Rückschlüsse auf die gesamte Bevölkerung, nicht bloß auf die Probanden. Weil das Hirnalter im direkten Zusammenhang mit dessen Gesundheit steht, zeigt die Studie somit, dass täglicher Alkohol- oder Tabakkonsum sich negativ auf das Denkorgan auswirkt.

„Das Alter des Gehirns ist eine gute Art, herauszufinden, wie gut ihr euch um euer Gehirn gekümmert habt“, erklärt Uddin. „Ich bin 40, aber sieht mein Hirn vielleicht eher aus wie ein 50- oder 60-jähriges Hirn? Sehe ich jünger aus als ich bin oder älter. Der Unterschied von 0,4 Jahren war statisch gesehen signifikant. Wir nehmen an, dass täglicher oder fast täglicher Alkoholkonsum schädlich fürs Gehirn ist“, kommentiert Arthur Toga, Hauptautor der Studie die Ergebnisse.

Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-019-56089-4

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