468 Meter

Trockenheit legt über dem Gardasee ein versunkenes Zollhaus frei

 Dennis Lenz

Trockenheit legt über dem Gardasee ein versunkenes Zollhaus frei
(Symbolbild). Bei niedrigem Pegel treten im Valvestino-Stausee westlich vom Gardasee alte Mauerreste aus dem Wasser. Das Becken wird von einer 122 Meter hohen Bogenmauer aufgestaut und versorgt ein Wasserkraftwerk am Seeufer. Sinkt der Spiegel unter eine amtlich definierte Höhe, erscheint eine Zollstation aus dem 19. Jahrhundert. Der aktuelle Rückgang geht auf eine ausgeprägte Trockenheit in Norditalien zurück. (Foto: © Forschung und Wissen)

Im Bergland über dem Gardasee ist eine seit den frühen 1960er Jahren überflutete Zollstation wieder aus dem Wasser aufgetaucht. Sichtbar wird das Mauerwerk nur, wenn der Valvestino-Stausee eine exakt definierte Marke unterschreitet, die die italienische Talsperrenbehörde mit 468 Metern über dem Meeresspiegel beziffert. Zurückgehalten wird das Wasser von einer 122 Meter hohen Bogenmauer, die einen Speicher von 52 Millionen Kubikmetern bildet und ein Kraftwerk unmittelbar am Seeufer antreibt. Ausgelöst hat das Schauspiel eine anhaltende Trockenheit in Norditalien, deren Ausmaß sich in den amtlichen Wasserbilanzen des Po-Distrikts genau nachlesen lässt.

Wenige Kilometer westlich vom Gardasee liegt ein schmaler, fjordartiger Stausee, der in den meisten Reiseführern nicht vorkommt. Der Valvestino-Stausee erstreckt sich im Tal des Toscolano, eines Zuflusses zum Gardasee, und liegt fast vollständig auf dem Gebiet der Gemeinde Gargnano in der Provinz Brescia. Entstanden ist er erst durch eine Sperrmauer an der Engstelle Ponte Cola, die das Tal zwischen 1960 und 1962 verschloss. Mit dem Aufstau verschwanden nicht nur der Talboden, sondern auch Wege, Obstgärten und einzelne Gebäude unter der Wasseroberfläche. Für die Region war das ein tiefer Einschnitt, denn die gefluteten Flächen bildeten über Jahrhunderte den wichtigsten Durchgang zwischen dem Seeufer und den Bergdörfern des Vestinotals. Seither ist das Wasser in diesem Tal zugleich Energieträger und Archiv einer versunkenen Kulturlandschaft.

Der Wasserstand eines Speichersees, der Wasserkraft liefert, folgt nur teilweise dem Wetter. Die Betreiber füllen das Becken in niederschlagsreichen Monaten und während der Schneeschmelze und geben das Wasser gezielt ab, wenn Strom benötigt wird oder wenn Behörden zusätzliche Mengen für die Bewässerung der Ebene anfordern. Hinzu kommen planmäßige Absenkungen, die für Prüfungen an Mauer, Schiebern und Grundablässen nötig sind. Fällt in einem trockenen Jahr zusätzlich der natürliche Zufluss aus, überlagern sich beide Effekte und der Pegel sinkt weiter als in einem durchschnittlichen Sommer. Erst in diesem Bereich gibt der Beckengrund Konturen preis, die sonst dauerhaft unter Wasser liegen. Dass die globalen Süßwasservorräte messbar zurückgehen, verschärft diese Ausgangslage in vielen Gebirgsregionen Europas zusätzlich.

Warum das Zollhaus am Gardasee erst unter 468 Metern erscheint

Die Krone der Sperrmauer liegt 505 Meter über dem Meeresspiegel, die Überfallschwelle des Oberflächenauslasses bei 503 Metern. Wie die italienische Generaldirektion für Talsperren in ihrer technischen Beschreibung der Talsperre Ponte Cola festhält, treten die Reste der ehemaligen österreichisch-ungarischen Zollstation zutage, sobald der Seespiegel 468 Meter unterschreitet, und damit rund 35 Meter unter dem regulären Stauziel. Die Bogenmauer aus 21 Blöcken ist 122 Meter hoch, misst an der Krone 286 Meter und wurde zwischen Juli 1960 und Oktober 1962 errichtet. Gegründet ist sie auf Dolomit der Obertrias, in den ein Dichtungsschleier mehr als 60 Meter tief eingepresst wurde. Vom Speicher führt ein 5247 Meter langer Stollen zum Kraftwerk Gargnano, das vollständig in einer Kaverne am Westufer des Gardasees liegt.

Wie stark die Trockenheit die Speicher in Norditalien trifft

Der Sommer 2026 hat die Wasserbilanz im gesamten Einzugsgebiet des Po gedrückt. Nach dem hydrologischen Lagebericht der Flussgebietsbehörde des Po vom 21. Juli erreichte der Lago Maggiore einen Füllgrad von 14 Prozent, der Comer See 15 Prozent, der Iseosee 20 Prozent und der Idrosee lediglich 5 Prozent, während der Gardasee mit 53 Prozent deutlich besser dastand. Am Pegel Pontelagoscuro führte der Po 348 Kubikmeter pro Sekunde und blieb damit unter der Schwelle von 450 Kubikmetern pro Sekunde, ab der Meerwasser weiter in das Delta vordringt. Die Behörde stuft die Lage im Distrikt als mittlere Wasserknappheit ein, sofern kein nennenswerter Niederschlag fällt. Für die Lombardei wurde zuletzt ein Defizit der Wasserreserven von rund 40 Prozent gegenüber dem langjährigen Mittel ausgewiesen.

Was die Zollstation Lignago über eine verschwundene Grenze verrät

Das Bauwerk trug den amtlichen Namen Regio Casello di dogana di Gargnano und entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Zollstation Lignago kontrollierte den Personen- und Warenverkehr an der Grenze zwischen dem Königreich Italien und dem Habsburgerreich, die genau durch den nördlichen Teil des heutigen Beckens verlief. Über den Übergang liefen vor allem Holzkohle, Vieh und Alltagsgüter zwischen dem Seeufer und dem Vestinotal, und Schmuggel gehörte für die Talbewohner zum Alltag. Wie unumgänglich die Passage war, zeigt eine bis heute überlieferte Redewendung im westlombardischen Dialekt, die sinngemäß besagt, dass jeder früher oder später durch Lignago kommt. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs rückte die Staatsgrenze nach Norden, das Gebäude verlor seine Aufgabe und verfiel, lange bevor der Aufstau es überflutete.

Warum die Ruine kein verlässlicher Dürreanzeiger ist

Als Messgröße für die Trockenheit taugt das freigelegte Mauerwerk allerdings nur bedingt. Der Pegel eines Speichersees ist ein bewirtschafteter Wert, den der Betreiber auch für Wartungsarbeiten absenkt, weshalb die Ruine bereits in den Jahren 2014, 2021, 2022 und 2024 zu sehen war. Belastbare Aussagen über die Wasserknappheit liefern erst Kennzahlen wie Füllgrade, Abflüsse und standardisierte Indizes, die über mehrere Wochen gemittelt werden. Vergleichbare Szenen kennt man aus Mitteleuropa, etwa wenn ein niedriger Wasserstand die versunkenen Ruinen im Edersee freilegt und dort eine alte Brücke sowie Reste ganzer Dörfer erkennbar werden. Der eigentliche Wert solcher Funde liegt deshalb weniger in der Klimastatistik als in der Erinnerung daran, wie viel besiedelte Landschaft für die Stromerzeugung unter Wasser gesetzt wurde.

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