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Nahrungskette

Atombomben-Fallout in Flohkrebsen im Marianengraben nachgewiesen

Radioaktive C-14-Isotope aus Atomwaffentests gelangen durch die Nahrungskette überraschend schnell in die Tiefsee. Die Wasserzirkulation würde für den Transport eigentlich mehrere hundert Jahre benötigen.

Washington (U.S.A.). Zwischen 1945 und der Mitte der 1960er Jahre sorgten Atombombentests der USA, der Sowjetunion und einiger anderer Staaten im Pazifik dafür, dass zahlreiche Inseln durch den radioaktiven Fallout unbewohnbar wurden. Außerdem gelangte radioaktives Plutonium und Cäsium in die Atmosphäre, was auch heute noch dafür sorgt, dass der Restanteil in der Stratosphäre um bis zu 100.000 Mal höher ist als in Bodennähe.

Auch der Anteil des radioaktiven Kohlenstoff-Isotops C-14 nahm durch die große Anzahl der Atomwaffentests deutlich zu und erreichte in den 1960er Jahren seinen Höhepunkt. Inzwischen nimmt der Anteil in der Atmosphäre durch die geringere Anzahl an Kernwaffentests zwar stetig ab, es wird aber immer noch 20 Prozent mehr C-14 gemessen werden als vor Beginn der Atomwaffentests. 

Marianengraben von Oberfläche abgeschnitten

Trotz der bleibenden Spuren der Atomwaffentests auf der Erde, gingen Wissenschaftler bisher davon aus, dass die Tiefsee davon nicht betroffen ist. Die Annahme beruht darauf, da zwischen dem Wasser und den Lebewesen in extremen Tiefen wie dem Marianengraben und den oberen Ozean-Bereichen nahezu kein Austausch stattfindet. Die meisten Stoffe benötigen mehrere hundert Jahre, um in Tiefen von 5.000 Metern und mehr abzusinken.

Ausnahmen davon bilden laut einer bereits 2017 im Fachmagazin Nature Ecology & Evolution veröffentlichten Studie zum Beispiel Umweltgifte wie polybromierte Diphenylethern (PBDE), die in Flohkrebsen im Marianengraben nachgewiesen wurden. Für die schnelle Verbreitung ist Plankton verantwortlich, das die Giftstoffe in geringen Tiefen aufnimmt und beim Absinken nachdem Tod in untere Wasserschichten verschleppt.

C-14 aus Atombombenexplosionen ebenfalls in Flohkrebsen entdeckt

Laut einer im Fachmagazin Geophysical Research Letters von Wissenschaftlern des chinesischen Guanzhou Instituts für Geochemie veröffentlichten Studie hat derselbe Effekt dafür gesorgt, dass auch radioaktive C-14-Isotope überraschend schnell in die tiefsten Regionen des Pazifiks gelangt sind. Zum Nachweis haben die Forscher Flohkrebse im Marianengraben und zwei weiteren extrem tiefen Punkten des Westpazifiks untersucht und zu Kontrollzwecken auch Sediment- und Wasserproben an den Fangorten der Tiere erhoben.

Eine Analyse von Flohkrebsen aus der Tiefsee und der Oberfläche zeigt im Körpergewebe der Tiere identische erhöhte C-14-Werte von 10 bis 65 Promille. Ning Wang erklärt, dass „die C-14-Messung der Tiefsee-Flohkrebse klar zeigt, dass eine Bombensignatur in den tiefen Ozeangräben vorhanden ist.“ Das an der Oberfläche durch die Atombomben freigesetze C-14 ist also nachweislich innerhalb weniger Jahrzehnte in die Tiefsee gelangt.

C-14 Werte im Wasser und Sediment nicht erhöht

Eine Analyse des Wassers und des Sediments in der Tiefsee zeigte, dass der Lebensraum der Flohkrebse keine erhöhten C-14-Werte besitzt. Die Wissenschaftler schlussfolgern daraus, dass die Flohkrebse gezielt frisches organisches Material suchen, das an der Oberfläche erst nach den Bombentests entstanden ist, sich dort mit C-14 anreicherte und erst dann in die Tiefsee ansank, wo es dann von den Flohkrebsen gegessen wird. 

Verantwortlich für die C-14-Anreicherung in den Flohkrebsen ist also nicht die natürlich auftretende Wasserzirkulation, die mehrere hundert Jahre benötigt, um Wasser in die Tiefsee zu bringen, sondern die Nahrungskette. Die chinesischen Wissenschaftler bezeichnen deshalb absinkende Organismenreste auch als „Expressfahrstuhl in die Tiefe“. Zusammenfassend erklären die Autoren der Studie, dass menschliche Aktivitäten überraschend schnell auch Ökosysteme in mehr als 10.000 Meter Tiefe beeinflussen können.

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