Das Fusions-Start-up Marathon Fusion aus San Francisco meldet, Quecksilber in Gold verwandelt zu haben, und zwar mit Neutronen aus Fusionsreaktionen. Die Rate soll zehnmal höher liegen als der bisherige Rekord am CERN. Belegt hat das Unternehmen die Aussage bislang nur mit Gammaspektren in Beiträgen auf X, ohne Angaben zur erzeugten Menge, zur Reinheit oder zur Neutronenquelle. Die zugrunde liegende Kernphysik ist dagegen gut bekannt, und ein Konzeptpapier des Teams rechnet vor, wie ein künftiges Fusionskraftwerk tonnenweise Gold liefern könnte.
Gold aus einem unedlen Metall herzustellen, war über Jahrhunderte das Ziel der Alchemisten. Mit Chemie ist das unmöglich, denn chemische Reaktionen ordnen nur die Elektronenhüllen von Atomen neu, der Atomkern bleibt unverändert. Welches Element ein Atom ist, entscheidet aber allein die Zahl der Protonen im Kern. Gold besitzt 79 Protonen, Quecksilber 80. Wer Quecksilber in Gold verwandeln will, muss also den Kern selbst umbauen. Das gelingt nur mit Kernreaktionen, etwa durch Beschuss mit energiereichen Neutronen, und genau darauf setzt Marathon Fusion.
Das 2023 gegründete Unternehmen entwickelt nach eigener Darstellung vor allem Technik für den Brennstoffkreislauf künftiger Fusionskraftwerke. In einem Beitrag auf der Plattform X schreibt das Team, es habe im vergangenen Monat „echtes, stabiles Gold“ aus Quecksilber erzeugt und dabei den Rekord des CERN um den Faktor zehn übertroffen. In der vergangenen Woche habe es zudem in einer Plasmazentrifuge Isotope angereichert. Als nächsten Schritt kündigt das Unternehmen einen eigenen Fusionsreaktor in San Francisco an.
Der Weg zum Gold führt über einen Umweg. Natürliches Quecksilber besteht aus mehreren Isotopen, also Atomsorten mit gleicher Protonenzahl, aber unterschiedlich vielen Neutronen. Etwa zehn Prozent davon entfallen auf Quecksilber-198. Trifft ein sehr schnelles Neutron einen solchen Kern, kann es zwei Neutronen herausschlagen. Fachleute sprechen von einer (n,2n)-Reaktion. Aus Quecksilber-198 wird dabei Quecksilber-197, ein instabiles Isotop mit einer Halbwertszeit von rund 64 Stunden. Es zerfällt durch Elektroneneinfang: Der Kern nimmt ein Elektron aus der Atomhülle auf, ein Proton wandelt sich in ein Neutron um, und es entsteht Gold-197, das einzige stabile Isotop des Goldes.
Die Reaktion setzt erst bei Neutronenenergien von etwa neun Megaelektronenvolt ein. Neutronen aus Kernspaltungsreaktoren sind dafür zu langsam. Bei der Verschmelzung von Deuterium und Tritium, zwei schweren Varianten des Wasserstoffs, entstehen dagegen Neutronen mit rund 14 Megaelektronenvolt. Sie bringen genug Energie mit. Prinzipiell ist die Umwandlung von Quecksilber durch schnelle Neutronen seit Jahrzehnten bekannt. Schon 1941 berichteten Physiker der Harvard University, dass beim Neutronenbeschuss von Quecksilber radioaktive Goldisotope entstehen. Neu an der Behauptung von Marathon Fusion ist also nicht das Prinzip, sondern die angebliche Rate und das Ziel, daraus eines Tages eine Produktion zu machen.
Als Beleg hat Marathon Fusion ein Gammaspektrum veröffentlicht. Es zeigt die Zahl der registrierten Gammaquanten in Abhängigkeit von ihrer Energie, gemessen 8, 20, 32 und 44 Stunden nach der Bestrahlung sowie ohne Probe als Hintergrund. Markiert sind Linien, die das Unternehmen Quecksilber-197 und dessen angeregtem Zustand zuordnet, außerdem eine Linie bei 279 Kiloelektronenvolt, die als Gold-197 im angeregten Zustand beschriftet ist. Die Signale werden von Messung zu Messung schwächer, wie es bei einem Isotop mit einer Halbwertszeit von einigen Dutzend Stunden zu erwarten ist. Das passt zu der Reaktionskette vom Quecksilber zum Gold.
Was das Spektrum nicht zeigt, ist ebenso wichtig. Es nennt weder die Masse des erzeugten Goldes noch die Zahl der Neutronen, die Bestrahlungsdauer oder die Größe der Probe. Die mit Gold beschriftete Linie bei 279,0 Kiloelektronenvolt liegt zudem nur 0,2 Kiloelektronenvolt neben einer Linie von Quecksilber-203, die das Diagramm ebenfalls verzeichnet. Auch woran sich der Vergleich mit dem CERN bemisst, ob an der Zahl der Goldatome pro Sekunde oder an der Gesamtmenge, bleibt offen. Welche Neutronenquelle zum Einsatz kam, geht aus den Beiträgen nicht hervor. Eine Fachpublikation oder eine unabhängige Bestätigung liegt bislang nicht vor. Die Messung ist damit eine Unternehmensangabe, kein überprüfter Befund.
Der Maßstab, an dem sich das Start-up misst, ist allerdings bescheiden. Im Jahr 2025 berichtete die ALICE-Kollaboration am Large Hadron Collider des CERN, dass bei knapp verfehlten Zusammenstößen von Bleikernen Gold entsteht. Die extrem starken elektromagnetischen Felder der vorbeirasenden Kerne können aus einem Bleikern drei Protonen herausschlagen. Auch die Fachleute aus Genf hatten damit Blei in Gold verwandelt, doch die Mengen waren verschwindend gering. Nach der Analyse entstanden während der zweiten Laufzeit des Beschleunigers von 2015 bis 2018 an den vier großen Experimenten rund 86 Milliarden Goldkerne, zusammen etwa 29 Pikogramm, also 29 billionstel Gramm. Die Kerne zerfielen zudem fast sofort, als sie auf Bauteile des Beschleunigers trafen.
Selbst eine zehnmal höhere Rate würde also nur Spuren von Gold liefern, die mit bloßem Auge nicht zu sehen wären. Der Unterschied liegt woanders: Am CERN ist das Gold ein Nebeneffekt, und es überlebt den Prozess nicht. Beim Weg über Quecksilber-197 entsteht dagegen stabiles Gold, das sich im Prinzip ansammeln und später chemisch vom Quecksilber trennen ließe. Ob die von Marathon Fusion erzeugte Menge dafür schon ausreicht, lässt sich aus den veröffentlichten Daten nicht beurteilen.
Größere Mengen versprechen erst die Pläne für ein künftiges Fusionskraftwerk. In einem 2025 auf dem Preprint-Server arXiv veröffentlichten, nicht begutachteten Konzeptpapier beschreiben Adam Rutkowski, Jake Harter und Jason Parisi von Marathon Fusion eine Schicht aus Quecksilber im sogenannten Blanket eines Tokamaks. Das Blanket ist die Hülle, die den Fusionsofen umgibt, die Neutronen auffängt und aus Lithium neuen Tritium-Brennstoff erbrütet. Weil die (n,2n)-Reaktion aus einem Neutron zwei macht, soll das Quecksilber zugleich Gold liefern und die Zahl der Neutronen für das Erbrüten erhöhen. Nach den Simulationen könnte eine solche Anlage etwa zwei Tonnen Gold pro Jahr und Gigawatt thermischer Leistung erzeugen. Die Einnahmen eines Kraftwerks würden sich damit nach den Berechnungen des Teams ungefähr verdoppeln.
Die Rechnung hat jedoch Voraussetzungen, die heute niemand erfüllt. Das Quecksilber müsste auf rund 90 Prozent Quecksilber-198 angereichert werden, in einer der durchgerechneten Varianten wären dafür Hunderte Tonnen dieses Isotops nötig. Neben dem stabilen Gold entstehen außerdem radioaktive Goldisotope. Das langlebigste davon, Gold-195, hat eine Halbwertszeit von etwa 186 Tagen. Nach den Berechnungen im Papier müsste das frisch erzeugte Gold rund 14 Jahre lagern, bevor es nach US-Vorschriften nicht mehr als radioaktiv gekennzeichnet werden muss, und knapp 18 Jahre, bis eine Feinunze schwächer strahlt als eine Banane. Vor allem aber existiert noch kein Fusionskraftwerk, das Strom ins Netz liefert. Die Annahmen über das Blanket lassen sich deshalb an keiner realen Anlage prüfen. Ein solches Kraftwerk müsste zudem dauerhaft genug Tritium erzeugen, ein Problem, an dem auch andere Forschungsgruppen mit neuen Ideen für den Brennstoff arbeiten.
Hinter dem Goldprojekt steht ein wirtschaftliches Problem der Kernfusion. Fusionskraftwerke werden teuer, und ihr Hauptprodukt Strom lässt sich auch auf vielen anderen Wegen erzeugen. Fusionsneutronen sind dagegen vielseitig nutzbar. Marathon Fusion setzt deshalb kurzfristig auf radioaktive Isotope für die Medizin. Nach eigenen Angaben hat das Team bereits Zink mit Fusionsneutronen in radioaktive Kupferisotope umgewandelt, die in der Krebsdiagnostik und in neuen Strahlentherapien verwendet werden. Für den geplanten Reaktor nennt das Unternehmen auf seiner Website eine Fusionsleistung von einem Kilowatt und einen Neutronenfluss von einer Billion Neutronen pro Quadratzentimeter und Sekunde. Die Leistungsdichte soll sich jeden Monat verdoppeln.
Ob das gelingt, ist offen. Auch für den Goldmarkt besteht vorerst keine Gefahr: Selbst die optimistischen Simulationen sehen nur wenige Tonnen pro Gigawatt und Jahr vor, während Bergwerke weltweit jedes Jahr Tausende Tonnen fördern. Der eigentliche wissenschaftliche Test steht noch aus. Erst eine nachvollziehbare Veröffentlichung mit Angaben zu Neutronenquelle, Bestrahlung, Probenmasse und erzeugter Goldmenge würde zeigen, wie weit die moderne Alchemie tatsächlich gekommen ist.
Marathon Fusion, Beitragsreihe auf X zur Umwandlung von Quecksilber in Gold mit Fusionsneutronen
arXiv, Scalable Chrysopoeia via (n, 2n) Reactions Driven by Deuterium-Tritium Fusion Neutrons; doi:10.48550/arXiv.2507.13461
Physical Review C, Proton emission in ultraperipheral Pb-Pb collisions at √sNN = 5.02 TeV; doi:10.1103/PhysRevC.111.054906
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