Wohlstandsillusion

Medianvermögen macht Deutschland zum Schlusslicht der Wohlstandsländer

 Dennis Lenz

Medianvermögen macht Deutschland zum Schlusslicht der Wohlstandsländer
(Symbolbild). Deutschland gilt als eine der stärksten Volkswirtschaften der Welt, doch beim Medianvermögen fällt die Bundesrepublik in einem internationalen Vergleich von 30 Wohlstandsländern weit zurück. Der neue Vermögensreport der Schweizer Großbank UBS stellt damit das Selbstbild vieler Deutscher infrage. Dass ausgerechnet ein früherer Krisenstaat die Bundesrepublik überholt hat, sorgt derzeit für hitzige Debatten. Hinter dem schwachen Abschneiden steckt vor allem ein struktureller Grund. (Foto: © Forschung und Wissen)

Deutschland zählt Millionen Dollar-Millionäre und gilt als wirtschaftliches Schwergewicht Europas. Doch neue Zahlen der Schweizer Großbank UBS zeichnen ein völlig anderes Bild vom Wohlstand der breiten Bevölkerung. Beim Medianvermögen landet die Bundesrepublik in einer Rangliste von 30 wohlhabenden Ländern auf einem Platz, den dort kaum jemand erwartet hätte. Der Vergleich mit einem Land, das lange als Krisenstaat galt, befeuert derzeit eine emotionale Debatte über den wahren Wohlstand der Deutschen.

Wenn Ökonomen den Wohlstand eines Landes messen, greifen sie meist auf zwei Kennzahlen zurück, die höchst unterschiedliche Geschichten erzählen. Das Durchschnittsvermögen addiert sämtliche Vermögenswerte und teilt sie durch die Zahl der Erwachsenen, wodurch wenige Superreiche den Wert massiv nach oben ziehen können. Das Medianvermögen beschreibt dagegen exakt die Mitte der Vermögensverteilung: Die eine Hälfte der Bevölkerung besitzt mehr, die andere Hälfte weniger. Für die Frage, wie wohlhabend der typische Bürger tatsächlich ist, gilt der Median deshalb als deutlich aussagekräftiger. Bereits frühere Analysen der Europäischen Zentralbank hatten gezeigt, dass die Vermögen in Deutschland im EU-Vergleich überraschend gering ausfallen, obwohl die Bundesrepublik eine der größten Volkswirtschaften der Welt ist. Genau diese Diskrepanz zwischen Mittelwert und Median steht nun im Zentrum einer neuen, deutlich verschärften Diskussion über die Verteilung des Wohlstands.

Die Schweizer Großbank UBS analysiert in ihrem jährlich erscheinenden UBS Global Wealth Report die Privatvermögen in mehr als 50 Märkten und zählt damit zu den wichtigsten Quellen der internationalen Vermögensforschung. Erfasst werden Finanzanlagen wie Aktien, Fonds und Bankguthaben sowie Sachwerte wie Immobilien, abzüglich aller Schulden. Laut dem aktuellen Global Wealth Report 2026 ist das weltweite Privatvermögen im Jahr 2025 um 10,8 Prozent gewachsen und damit mehr als doppelt so stark wie im Vorjahr. Besonders kräftig fiel der Zuwachs mit 17,5 Prozent in der Region Europa, Naher Osten und Afrika aus. Weltweit leben inzwischen rund 57,5 Millionen Dollar-Millionäre und damit so viele wie nie zuvor. Doch die Rekordzahlen verdecken, dass die Zuwächse extrem ungleich verteilt sind und die Mitte der Gesellschaft in mehreren Industrieländern kaum profitiert.

Der typische Grieche besitzt mehr als der typische Deutsche

Im aktuellen Ranking der Medianvermögen belegt Deutschland mit 53.485 US-Dollar, umgerechnet rund 46.700 Euro, den letzten Platz unter den 30 wohlhabendsten Ländern der Auswertung. Griechenland erreicht 59.162 US-Dollar pro Erwachsenem und liegt damit ebenso vor der Bundesrepublik wie Italien, Spanien und Portugal. Ausgerechnet jenes Land, das während der Eurokrise jahrelang als Sinnbild für Staatsschulden und Misswirtschaft galt, weist heute also eine wohlhabendere Bevölkerungsmitte auf als die größte Volkswirtschaft Europas. An der Spitze der Rangliste steht Luxemburg mit 394.005 US-Dollar vor Belgien, Australien und Neuseeland, während die USA trotz ihres enormen Reichtums mit 68.998 US-Dollar lediglich Rang 28 erreichen. Konkret bedeutet der Befund, dass die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland nach Abzug aller Schulden weniger als rund 46.700 Euro Nettovermögen besitzt.

In sozialen Netzwerken sorgte der Vergleich zuletzt für hitzige Diskussionen, weil eine viral verbreitete Grafik mit dem Titel Griechen jetzt wohlhabender als Deutsche die Zahlen fälschlich als Haushaltsmedianvermögen auswies, obwohl die UBS das Medianvermögen pro Erwachsenem berechnet. Am Kern des Befunds ändert diese Ungenauigkeit jedoch nichts, denn der typische Erwachsene in Griechenland besitzt laut den Daten tatsächlich mehr als der typische Deutsche. Auf Haushaltsebene fallen die Werte naturgemäß höher aus, weil sich dort die Vermögen mehrerer Personen addieren. So ermittelte das Institut der deutschen Wirtschaft auf Basis von Bundesbank-Daten, dass hierzulande jeder zweite Haushalt mehr als 100.000 Euro Vermögen besitzt. An der schwachen Position der Bundesrepublik im internationalen Vergleich der Bevölkerungsmitte ändern diese Haushaltszahlen allerdings nichts, denn auch andere Länder profitieren von diesem statistischen Effekt in ähnlichem Umfang.

Durchschnittsvermögen und Millionäre erzählen eine andere Geschichte

Beim Durchschnittsvermögen ergibt sich ein völlig anderes Bild. Mit 346.613 US-Dollar pro Erwachsenem belegt Deutschland hier Rang 14 im internationalen Vergleich und liegt damit knapp vor Frankreich, während Griechenland mit 143.343 US-Dollar weniger als die Hälfte erreicht und in dieser Rangliste den letzten Platz der 30 führenden Länder einnimmt. Angeführt wird der Vergleich von der Schweiz mit 910.382 US-Dollar. Zugleich leben in der Bundesrepublik rund 2,6 Millionen Dollar-Millionäre, womit Deutschland zu den Ländern mit den meisten vermögenden Privatpersonen weltweit zählt, obwohl die Zahl der Millionäre hierzulande zuletzt zeitweise rückläufig war. Die enorme Kluft zwischen Durchschnitt und Median gilt unter Ökonomen als klassischer Indikator für Vermögensungleichheit. Laut UBS ist das Medianvermögen in Deutschland seit 2020 sogar gesunken, während das Durchschnittsvermögen weiter zulegte, was auf eine wachsende Spreizung der Vermögensverteilung hindeutet.

Wohneigentumsquote entscheidet über den Wohlstand der Mitte

Als wichtigste strukturelle Ursache für das schwache Abschneiden gilt die niedrige Wohneigentumsquote. In Deutschland lebt nur etwa die Hälfte der Haushalte in den eigenen vier Wänden, während in Griechenland, Italien und Spanien rund 70 Prozent oder mehr der Haushalte Wohneigentum besitzen. Da die selbst genutzte Immobilie in fast allen Industrieländern der mit Abstand größte Vermögenswert der Mittelschicht ist, baut eine Nation von Mietern in der Breite deutlich weniger Vermögen auf, selbst wenn ihre Unternehmen und ihre reichsten Bürger prosperieren. Hinzu kommt eine traditionell schwache Aktienkultur: Während in den USA rund 80 Prozent des Nettovermögens auf Finanzanlagen wie Aktien und Fonds entfallen, liegt dieser Anteil in Deutschland bei knapp 44 Prozent, weil viele Sparer ihr Geld auf niedrig verzinsten Konten belassen und dort real an Kaufkraft verlieren.

Methodisch ist der Befund gleichwohl nicht unumstritten. Ansprüche aus der umlagefinanzierten gesetzlichen Rente, die für viele Deutsche den größten Teil ihrer Altersvorsorge ausmachen, fließen in die Berechnung des Nettovermögens nicht ein, wodurch der Vergleich mit Ländern verzerrt wird, in denen private Vorsorge dominiert. Wirtschaftsforscher warnen deshalb davor, aus einer einzelnen Kennzahl pauschale politische Schlüsse zu ziehen, wie sie derzeit in sozialen Netzwerken kursieren. Wer die Zahlen im Detail nachvollziehen will, findet im vollständigen Report der UBS neben den Länderranglisten auch ausführliche Analysen zur globalen Vermögenspyramide und zu langfristigen Trends. Unstrittig bleibt jedoch die zentrale Diagnose: Das Vermögen der deutschen Bevölkerungsmitte wächst seit Jahren deutlich langsamer als das der Vermögenden, und ohne höhere Eigentums- und Beteiligungsquoten dürfte sich daran auf absehbare Zeit wenig ändern.

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