Höchststand seit 2007

Jede Stunde schließen 21 Firmen in Deutschland

 Dennis Lenz

Jede Stunde schließen 21 Firmen in Deutschland
(Symbolbild) Das Firmensterben in Deutschland hat 2025 einen Stand wie zuletzt vor fast zwei Jahrzehnten erreicht. Rund 187.744 Betriebe gaben auf, doch nur ein kleiner Teil davon meldete tatsächlich Insolvenz an. Besonders das Gastgewerbe und viele Arztpraxen verschwanden vom Markt. Warum zunehmend auch wirtschaftlich stabile Unternehmen ihre Türen schließen, zeigt eine gemeinsame Analyse von Creditreform und dem ZEW Mannheim. (Foto: © Forschung und Wissen)

Das Firmensterben in Deutschland hat 2025 ein Ausmaß erreicht wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr. Rund 187.744 Unternehmen stellten ihren Betrieb ein, das sind etwa zehn Prozent mehr als im Vorjahr und rechnerisch rund 21 Betriebe pro Stunde. Überraschend ist dabei weniger die reine Zahl als die Frage, wer da eigentlich verschwindet. Denn nur ein kleiner Bruchteil der Schließungen geht auf eine klassische Insolvenz zurück. Eine gemeinsame Analyse von Creditreform und dem ZEW Mannheim zeichnet das Bild einer Wirtschaft, in der zunehmend auch stabile Betriebe leise vom Markt gehen.

Unter dem Begriff Firmensterben fassen Fachleute alle Fälle zusammen, in denen ein Unternehmen dauerhaft vom Markt verschwindet. Dazu zählen nicht nur spektakuläre Pleiten großer Konzerne, sondern vor allem die vielen kleinen Betriebe, die ihren Geschäftsbetrieb still und ohne Schlagzeilen beenden. Genau diese Marktaustritte erfasst das Mannheimer Unternehmenspanel, eine der größten Datensammlungen zur deutschen Unternehmenslandschaft, die von der Wirtschaftsauskunftei Creditreform und dem ZEW gepflegt wird. Die neuen Zahlen für das Jahr 2025 markieren dabei einen Wendepunkt: Zum zweiten Mal in Folge ist die Zahl der Unternehmensschließungen deutlich gestiegen, und sie liegt nun so hoch wie zuletzt vor der globalen Finanzkrise. Für die Beschäftigten, für ganze Innenstädte und für die wirtschaftliche Substanz vieler Regionen hat diese Entwicklung handfeste Folgen.

Wirtschaftlich betrachtet ist das Ausscheiden schwacher Anbieter ein normaler Bestandteil des Marktgeschehens, weil Kapital und Arbeitskräfte so in produktivere Bereiche wandern können. Auffällig an der aktuellen Lage ist jedoch, dass die Schließungswelle längst nicht mehr auf angeschlagene Branchen begrenzt ist. Sie erfasst inzwischen die gesamte Breite der Volkswirtschaft, vom Handwerksbetrieb über die Gaststätte bis zur Industriefirma. Hinzu kommt ein struktureller Faktor, der in der öffentlichen Debatte lange unterschätzt wurde: der demografische Wandel. Viele Inhaber erreichen das Rentenalter, finden aber niemanden, der ihren Betrieb übernimmt. Damit verschiebt sich das Firmensterben von einem rein konjunkturellen zu einem teils demografischen Phänomen. Wie stark dieser Effekt bereits wirkt und welche Ursachen sich dahinter verbergen, zeigt der Blick auf die einzelnen Kennzahlen der Untersuchung.

Was das Firmensterben in Deutschland so besonders macht

Insgesamt gaben im Jahr 2025 rund 187.744 Unternehmen ihren Betrieb auf, wie aus der gemeinsamen Auswertung hervorgeht, die das ZEW Mannheim in einer ausführlichen Mitteilung zu den gestiegenen Schließungszahlen vorstellte. Das entspricht einem Zuwachs von knapp zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr und dem zweiten Anstieg in Folge. Rechnet man diese Summe auf das Jahr herunter, schließen im Schnitt rund 21 Betriebe pro Stunde. Einen höheren Wert verzeichnete die Zeitreihe zuletzt im Jahr 2007, als knapp 208.000 Unternehmen vom Markt gingen. Weil die Zahlen der Vorjahre auf einer erweiterten Datenbasis neu berechnet wurden, lassen sich die aktuellen Werte besser mit früheren Jahren vergleichen. Damit bewegt sich das Firmensterben auf einem Niveau, das seit fast zwanzig Jahren nicht mehr erreicht wurde.

Nur jede achte Schließung ist eine echte Pleite

Der vielleicht überraschendste Befund betrifft die Art der Marktaustritte. Nur etwa 13 Prozent der erfassten Fälle, also gerade einmal jede achte Schließung, gingen tatsächlich auf ein Insolvenzverfahren zurück. Die übrigen rund 86 Prozent verteilen sich zu etwa gleichen Teilen auf Betriebe, die sich regulär abgemeldet oder ihre Geschäftsaufgabe erklärt haben, sowie auf Unternehmen, die als nicht mehr wirtschaftsaktiv eingestuft wurden. Diese stillen Schließungen tauchen in der amtlichen Insolvenzstatistik gar nicht auf, weshalb das tatsächliche Ausmaß des Rückzugs lange unterschätzt wurde. Die Forschenden ordnen diesen Zusammenhang in einer wissenschaftlichen Mitteilung zum Schließungsgeschehen ein. Für die Bewertung der Wirtschaftslage ist die Unterscheidung entscheidend, weil eine freiwillige Aufgabe eine völlig andere Ursache hat als eine erzwungene Pleite.

Warum auch gesunde Betriebe aufgeben

Ein zentraler Treiber ist der demografische Wandel. Bei den eigentümergeführten Familienunternehmen erfolgte inzwischen ein knappes Drittel der freiwilligen Schließungen aus Altersgründen, deutlich mehr als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren. Viele Inhaberinnen und Inhaber gehen in den Ruhestand und finden keinen Nachfolger, weshalb die Unternehmensnachfolge zunehmend zum Engpass wird. Dieser Alterungseffekt trifft auf eine Gesellschaft, in der auch der anhaltende Geburtenrückgang die Zahl potenzieller Betriebsübernehmer langfristig sinken lässt. Gleichzeitig belasten hohe Energiepreise, drückende Personalkosten, viel Bürokratie und geopolitische Unsicherheiten die Betriebe. Die Wirtschaftsforschung spricht angesichts dieser Kombination aus konjunkturellem und strukturellem Druck von einer Krisenzange, die die deutsche Wirtschaft von mehreren Seiten zugleich erfasst. Dass darunter nun auch Firmen mit solider Bonität ihre Tätigkeit einstellen, gilt als besonderes Warnsignal.

Dass sich die Krisendynamik durch die gesamte Breite der Wirtschaft frisst, zeigt sich auch daran, dass die Zahl der klassischen Insolvenzen zwar ebenfalls steigt, den Großteil der Schließungen aber nicht erklärt. Für viele kleine Betriebe verläuft das Ende deshalb nahezu geräuschlos, ohne Gerichtsverfahren und ohne Schlagzeile, oft nur mit einer Abmeldung beim Gewerbeamt. Volkswirtschaftlich bedeutet jeder dieser Fälle jedoch den Verlust von Erfahrung, Kundenbeziehungen und häufig auch von Ausbildungsplätzen. Wo Nachfolger fehlen, verschwinden mit den Betrieben zugleich lokale Versorgungsstrukturen, etwa der letzte Handwerker oder das einzige Wirtshaus im Ort. Auch die Debatte um neue Arbeitszeitmodelle, wie sie sich rund um die Vier-Tage-Woche und ihre Wirkung auf die Beschäftigten dreht, trifft damit auf eine Unternehmenslandschaft, die sich spürbar ausdünnt.

Welche Branchen das Firmensterben am stärksten trifft

Besonders deutlich fällt der Rückgang im Gastgewerbe aus. Rund 15.000 Gaststätten und Beherbergungsbetriebe gaben 2025 auf, ein Anstieg um etwa 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Selbst der zum Jahresbeginn 2026 wieder auf sieben Prozent gesenkte Mehrwertsteuersatz auf Speisen konnte den Trend zuvor nicht bremsen. Im Gesundheitswesen setzte sich eine seit rund einem Jahrzehnt laufende Entwicklung fort: Etwa 11.000 Schließungen bedeuten annähernd eine Verdopplung gegenüber dem Jahr 2008. Allein rund 5.500 Arztpraxen schlossen, fast ein Viertel mehr als im Vorjahr, häufig weil Ärztinnen und Ärzte in den Ruhestand gehen und keine Nachfolge finden. In der Industrie traf es ebenfalls etwa 11.000 Betriebe und damit zehn Prozent mehr als zuvor, besonders im Fahrzeugbau. Dass zugleich viele qualifizierte Fachkräfte das Land verlassen und jährlich Hunderttausende Deutsche auswandern, verschärft den Druck auf den Standort zusätzlich.

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