Analyse von Schachpartien

Menschen werden ab 35 Jahren nicht mehr intelligenter

Robert Klatt

Eine Analyse von Profischachpartien zeigt, dass Menschen bis zu einem Alter von 35 Jahren kontinuierlich intelligenter werden. Danach stagniert die kognitive Leistungsfähigkeit.

München (Deutschland). Ein internationales Team aus Wissenschaftlern hat 24.000 Schachpartien aus den Jahren 1890 bis 2014 analysiert. Die Studie umfasst insgesamt etwa 1,6 Millionen Spielzüge. Es sollte so untersucht werden, wie sich die Intelligenz der Spieler im Laufe ihres Lebens entwickelt. Zudem haben die Forscher analysiert, ob die kognitiven Fähigkeiten von aktuellen Schachprofis und früheren Schachprofis sicher unterscheiden. Dazu verglichen sie 30-jährige Spieler aus dem Jahr 1900 mit 30-jährigen Spielern aus den Jahren 1980 und 2014.

In der Wissenschaft gilt Schach als gute Möglichkeit der Intelligenzforschung. „Wir haben Daten aus Spielen bei professionellen Schachturnieren genutzt, weil Schach ein Paradebeispiel für eine kognitiv komplexe Aufgabe ist“, erklärt Uwe Sunde von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU).

Reale Partien mit optimalen Lösungen verglichen

Laut ihrer Publikation im Fachmagazin PNAS verglichen die Forscher die realen Spielzüge der Profis mit den Spielzügen, die laut einem Schachcomputer optimal waren. Sie konnte so ermitteln, wie viele und wie große Fehler die Spieler in ihren Partien machten.

Anschließend erstellten die Autoren mithilfe eines mathematischen Modells eine Kurve, die präzise den individuellen Leistungsverlauf der Spieler im Zeitverlauf zeigt. Sie konnten so ermitteln, in welchem Alter die Fähigkeiten sich verbessern und ab wann die kognitiven Fähigkeiten wieder nachließen. Außerdem zeigen die Kurven das Durchschnittsniveau der Schachprofis in den 125 Studienjahren.

Intelligenz nimmt bis 35 Jahre zu

Die Analyse zeigt, dass die kognitiven Fähigkeiten eines Menschen altersabhängig sind. Bis zu einem Alter von 35 Jahren wird der Mensch demnach kontinuierlich immer intelligenter. Ab 35 Jahren steigt die Intelligenz dann nicht weiter an.

Überdies zeigt die Studie, dass Schachspieler in einem bestimmten Alter aktuell intelligentere Spielzüge machen als vor 120, 80 oder 15 Jahren. Dies bedeutet übertragen auf die Allgemeinbevölkerung, dass die kognitiven Fähigkeiten derzeit besser sind als bei Gleichaltrigen früher.

Bessere kognitive Fähigkeiten

In ihrer Veröffentlichung liefern die Wissenschaftler auch eine Erklärung dafür, wieso die kognitiven Fähigkeiten in einem bestimmten Alter heute besser sind als vor 100 Jahren. „Die Bedingungen, unter denen Menschen heutzutage aufwachsen, haben einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung ihrer kognitiven Fähigkeiten“, so Sunde.

Die Intelligenz wird demnach durch moderne Möglichkeiten wie die digitalen Technologien verbessert. Um mit diesen umgehen zu können, muss der moderne Mensch laut den Autoren bessere kognitive Fähigkeiten entwickelten. Früheren Generationen wurde diese Leistung noch nicht abverlangt.

Weitere Zunahme der Intelligenz?

Das Modell kann jedoch nicht prognostizieren, ob diese Zunahme der Intelligenz auch weitere Generationen betrifft. Zudem erklärt Sunde, dass die Studie eine Schwäche hat. Schachprofis beenden ihre Karriere mit etwa 50 Jahren. Die Wissenschaftler konnten mit ihrer Methode also nicht auswerten, wie sich die Intelligenz der Probanden als Senioren entwickelte. Sie gehen jedoch davon aus, dass die Intelligenzkurve im Mittel im hohen Alter noch stärker abfällt.

PNAS, doi: 10.1073/pnas.2006653117

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