Lablab-Bohne

Ein Kaugummi aus Bohnen senkt die HPV-Last im Mund

 Dennis Lenz

Ein Kaugummi aus Bohnen senkt die HPV-Last im Mund
(Symbolbild) Die Lablab-Bohne liefert ein pflanzliches Lektin, das im untersuchten Kaugummi humane Papillomviren im Speichel abfängt. In Tests mit Proben von Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren sank die Viruslast deutlich. Ein zusätzlich eingebautes Peptid richtete sich gegen zwei Bakterienarten, die den Verlauf solcher Tumoren nachweislich verschlechtern. Die nützlichen Anteile der Mundflora blieben dabei weitgehend unangetastet. (Foto: © Forschung und Wissen)

Ein biotechnisch veränderter Kaugummi aus dem Mehl der Lablab-Bohne hat in Untersuchungen mit Speichelproben von Krebspatienten die Menge humaner Papillomviren um rund 93 Prozent gesenkt. In Mundspülproben lag der Rückgang bei etwa 80 Prozent. Eine zusätzlich eingebaute Variante des Kaugummis drückte zwei krebsassoziierte Bakterienarten nach einer einzigen Dosis nahezu auf null. Die nützlichen Bakterien der Mundflora blieben davon weitgehend verschont. Damit rückt ein Alltagsprodukt in den Blick der Vorsorge gegen Mundkrebs, das bislang niemand auf der Rechnung hatte.

Humane Papillomviren gehören zu den am weitesten verbreiteten Erregern überhaupt. Die meisten der mehr als 200 bekannten Typen verursachen harmlose Hautveränderungen oder verschwinden unbemerkt wieder. Einige Hochrisikotypen jedoch programmieren befallene Zellen dauerhaft um und können Jahre später Tumoren auslösen. Besonders auffällig ist diese Entwicklung im Rachenraum. Während die Zahl der klassischen, durch Tabak und Alkohol verursachten Tumoren in vielen Ländern zurückgeht, steigt der Anteil virusbedingter Karzinome an Mandeln und Zungengrund seit Jahrzehnten an. Ein Kaugummi als Wirkstoffträger klingt zunächst kurios, hat aber einen handfesten Grund. Die Erreger sitzen nicht im Blut, sondern in einem dünnen Flüssigkeitsfilm auf den Schleimhäuten. Ein Wirkstoff, der im Speichel arbeitet, muss den Körper also gar nicht erst über Magen oder Blutbahn erreichen, sondern kann direkt dort ansetzen, wo die Viren sich aufhalten.

Neben den Papillomviren stehen zwei Bakterienarten im Fokus der Forschung. Porphyromonas gingivalis ist vor allem als Treiber schwerer Zahnfleischentzündungen bekannt, Fusobacterium nucleatum siedelt sich bevorzugt in Tumorgewebe an und wurde in den vergangenen Jahren mit einem schlechteren Krankheitsverlauf bei mehreren Krebsarten in Verbindung gebracht. Beide Arten verschlechtern die Überlebensaussichten bei wiederkehrenden oder gestreuten Tumoren der Mundhöhle, auch nach Operation und begleitender Therapie. Eine breit wirksame Mundspülung wäre hier keine Lösung, weil sie zwangsläufig auch die schützende Standortflora treffen würde. Gesucht ist deshalb ein Verfahren, das gezielt einzelne Erreger abfängt und den Rest des mikrobiellen Ökosystems in Ruhe lässt. Genau diese Trennschärfe wollten die Forscher der University of Pennsylvania mit ihrem Ansatz erreichen.

Warum ein Kaugummi die Viren im Speichel bindet

Die Wirkung beruht auf einem pflanzlichen Eiweiß mit der Bezeichnung FRIL, das in den Samen der Lablab-Bohne natürlich vorkommt. Es gehört zur Gruppe der Lektine, also jener Proteine, die sich an bestimmte Zuckerstrukturen anlagern. Da Viren ihre Oberfläche mit solchen Zuckerketten bestücken, verklumpen sie in Gegenwart von FRIL zu größeren Aggregaten und verlieren ihre Fähigkeit, Zellen zu befallen. Für den Test mahlte das Team die Bohnen zu Pulver, das anschließend zu Kaugummi verarbeitet wurde. In Teilen der Proben ließen sich sämtliche nachweisbaren Viruspartikel auf diese Weise binden. Für die bakterielle Seite reichte das Lektin allein nicht aus. Deshalb wurde die Pflanze zusätzlich so verändert, dass sie Protegrin-1 produziert, ein antimikrobielles Peptid, das Bakterienmembranen durchlässig macht.

Wie stark die Keimlast in den Proben zurückging

Untersucht wurden Speichel- und Mundspülproben von Patienten mit Plattenepithelkarzinomen im Kopf-Hals-Bereich sowie Vergleichsproben von Personen ohne Tumorerkrankung. Extrakte des reinen Bohnenkaugummis senkten die Zahl der Papillomviren im Speichel um etwa 93 Prozent, in den Spülproben um rund 80 Prozent. Der Unterschied erklärt sich durch die stärkere Verdünnung der Spülflüssigkeit. Gegen die beiden Bakterienarten zeigte das reine Bohnenmaterial nur begrenzte Wirkung. Erst die mit Protegrin-1 ausgestattete Variante reduzierte Porphyromonas gingivalis und Fusobacterium nucleatum bereits nach einer Dosis auf nahezu null. Entscheidend für die Bewertung ist, dass die typischen Kommensalen der Mundhöhle dabei weitgehend erhalten blieben. Die Arbeit ist im Fachjournal Scientific Reports erschienen und beschreibt ausdrücklich Versuche außerhalb des Körpers, also an entnommenem Probenmaterial.

Was der Ansatz für die Vorsorge gegen Mundkrebs bedeuten könnte

Genau hier liegt die wichtigste Einschränkung. Ein Rückgang der Viruslast in einer Speichelprobe ist nicht gleichbedeutend mit einem verringerten Erkrankungsrisiko im Körper. Ob regelmäßiges Kauen die Übertragung zwischen Menschen tatsächlich verringert, ob es das Fortschreiten bestehender Schleimhautveränderungen bremst und wie lange die Wirkung nach einer Anwendung anhält, ist bislang offen. Solche Fragen lassen sich nur in klinischen Studien mit echten Teilnehmern klären. Attraktiv ist der Weg dennoch, weil er ohne aufwendige Kühlketten und ohne Injektion auskommt. Pflanzliche Produktionssysteme gelten als vergleichsweise günstig und gut skalierbar, was besonders für Regionen mit schwacher medizinischer Versorgung von Bedeutung wäre. Da die Zahl virusbedingter Tumorerkrankungen weiter steigt, gewinnen niedrigschwellige Verfahren an Gewicht, die sich in den Alltag einfügen lassen.

Scientific Reports, Ex vivo HNSCC clinical studies using saliva and antiviral or antibacterial chewing gums reveal reduction in carcinogenic microbes; doi:10.1038/s41598-026-39062-w

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