Gehirnvolumen

Bereits mäßiger Alkoholkonsum beschleunigt Alterung des Gehirns

Robert Klatt

Alkoholkonsum verursacht bereits in geringen Mengen einen starken Alterungsprozess im Gehirn. Die offiziell als „risikoarm“ eingestuften Mengen haben demnach bereits deutliche Auswirkungen auf das Volumen des Denkorgans.

Philadelphia (U.S.A.). Dass Alkohol für den Körper und insbesondere für das Gehirn nicht gesund ist, haben bereits zahlreiche Studien belegt. Wissenschaftler der University of Southern California zeigten etwa kürzlich, dass schon wenig Alkohol das Gehirn stark altern lässt. Ob welcher Menge Alkoholkonsum problematisch für die Gesundheit einzustufen ist, ist in der Medizin jedoch noch immer umstritten. Laut internationalen Standards gelten ein Standardglas für Frauen und zwei Standardgläser für Männer täglich als „risikoarmer Konsum“. Ein Standardglas entspricht mit leichten Abweichungen zwischen den Ländern 100 Millilitern Wein oder 300 Millilitern, also zwischen acht und zwölf Gramm Alkohol.

Wissenschaftler der University of Pennsylvania (UPenn) haben nun eine Studie publiziert, laut der auch diese vermeintlich risikoarmen Alkoholmengen das Gehirn negativ beeinflussen. Wie das Team um Remi Daviet im Fachmagazin Nature Communications erklärt, haben sie Gesundheitsdaten von mehr als 36.000 Erwachsenen aus einer Biobank ausgewertet. Neben MRT-Hirnscans enthielten die Daten aus Informationen zur Gesundheit, zum Lebensstil und zum Alkoholkonsum.

Große Datenmenge zeigt subtile Muster

„Die Tatsache, dass wir eine so große Stichprobe haben, ermöglicht es uns, subtile Muster zu finden, sogar zwischen dem Trinken des Äquivalents von einem halben Bier und einem Bier pro Tag“, erklärt Gideon Nave. Im Gegensatz zu kleineren Studien, die bei geringen Mengen Alkohol keine negativen Effekte auf die Gesundheit sahen, zeigt der nun analysierte Datensatz eine deutliche Korrelation.

Menschen, die mehr Alkohol konsumieren, haben demnach ein geringeres Hirnvolumen als Personen, die weniger Alkohol konsumieren. „Diese Ergebnisse stehen im Gegensatz zu den wissenschaftlichen und staatlichen Richtlinien über sichere Trinkmengen. Die offiziell empfohlenen Grenzwerte liegen oberhalb der Mengen, die in der Studie mit einem verringerten Gehirnvolumen in Verbindung gebracht wurden“, erklärt Henry Kranzler.

Deutliche Alterung des Gehirns

Die Auswirkungen auf das Gehirn sind laut den Studiendaten umso größer, umso höher der Alkoholkonsum ist. Demnach ist der Unterschied zwischen Menschen, die keinen Alkohol trinken und Menschen, die täglich ein Standardglas konsumieren, kleiner als zwischen Menschen, die statt einem Standardglas zwei Standardgläser pro Tag trinken. „Es ist nicht linear. Es wird schlimmer, je mehr man trinkt“, erklärt Daviet. Wie die MRT-Scans zeigen, sind von der Verringerung des Volumens fast alle Regionen des Gehirns betroffen, darunter auch der frontale Kortex, die Insula und der Hirnstamm. Zudem verändert Alkohol die weiße Masse des Denkorgans.

Um die Veränderungen am Gehirn durch Alkohol zu verdeutlichen, verglichen die Autoren diese mit Veränderungen durch den natürlichen Alterungsprozess. Ein Gehirn eines 50-Jährigen, der zwei Standardgläser Alkohol täglich trinkt, ist demnach im Mittel zwei Jahre älter als das Gehirn eines 50-Jährigen, der nur ein Standardglas am Tag konsumiert. Das Gehirn eines 50-Jährigen, der vier Standardgläser täglich konsumiert, ist gegenüber einem Abstinenzler sogar zehn Jahre älter.

Weniger Alkoholkonsum empfohlen

Weil die analysierten Daten lediglich eine Korrelation zwischen dem Konsum von Alkohol und der Verringerung des Hirnvolumens zeigen, aber keine kausale Beziehung belegen können, wollen die Wissenschaftler nun eine Studie durchführen, bei der die Effekte von Alkohol auf das Gehirn über mehrere Jahre hinweg dokumentiert werden. Überdies sollen die Daten weitere Details über den Einfluss von Alkohol auf das Gehirn zeigen. „Unsere Studie untersuchte den durchschnittlichen Konsum, aber wir sind neugierig, ob es besser ist, ein Bier pro Tag zu trinken als keins unter der Woche und sieben am Wochenende. Manches deutet darauf hin, dass ein übermäßiger Alkoholkonsum schlechter für das Gehirn ist, aber das haben wir noch nicht näher untersucht“, so Nave.

Auf Basis der aktuellen Ergebnisse empfehlen die Wissenschaftler, den eigenen Alkoholkonsum zu reduzieren.  „Es gibt einige Hinweise darauf, dass die Auswirkungen des Alkoholkonsums auf das Gehirn exponentiell sind. Ein zusätzliches Getränk am Tag könnte sich also stärker auswirken als alle vorangegangenen Getränke an diesem Tag. Das bedeutet, dass eine Einschränkung des letzten Drinks am Abend große Auswirkungen auf die Gehirnalterung haben könnte“, erklärt Daviet.

Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-022-28735-5

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