Antarktis

Leben unter 900 Meter dickem Eis entdeckt

Robert Klatt

Bei Bohrungen zur Entnahme von Sedimentproben wurde in der Antarktis unter eigentlich „unmöglichen“ Bedingungen zufällig eine unbekannte Lebensform entdeckt.

Cambridge (England). Wissenschaftler der British Antarctic Survey haben unter der zweitgrößten permanenten Eisdecke der Antarktis, dem Filchner-Ronne-Schelfeis, zufällig Leben entdeckt. Laut der Publikation im Fachmagazin Frontiers in Marine Science wollte das Team um Huw Griffiths eigentlich Sedimentproben nehmen. Als sie in das etwa 900 Meter tiefe Loch eine Kamera herabließen, sahen die Forscher jedoch runde Köpfe, die mit dem Felsen über dünne Stängel verbunden zu sein schienen.

In der Wissenschaft sorgte die Entdeckung der Lebewesen unter diesen unwirtlichen Bedingungen für Überraschen. Das Bohrloch ist etwa 260 Kilometer vom offenen Meer entfernt, hat eine Temperatur von minus 2,2 Grad Celsius und er herrscht dort permanente Dunkelheit. Sesshaftes Leben galt in der Biologie unter diesen Bedingungen eigentlich als unmöglich.

Huw Griffiths: „Es ist ein bisschen verrückt. Wir hätten nicht in einer Million Jahren daran gedacht, dort nach Leben dieser Art zu suchen, weil wir nicht geglaubt hätten, dass es überhaupt da sein könnte.“

Felsbrocken unter dem Schelfeis

Das untersuchte Schelfeis bildet sich, wenn sich große Eismengen vom Kontinent zum Meer bewegen. Dabei können die Eisplatten Gestein mitreißen und unter die Eisschicht drücken. Die Wissenschaftler vermuten, dass auch die auf dem Video sichtbaren Felsen so 900 Meter unter die oberste Eisschicht gelangten. Es liegen zwischen dem Gestein und der untersten Eisschicht rund 500 Meter.

Lebensform nicht identifiziert

Bisher konnten die Wissenschaftler die Lebensform noch nicht identifizieren, weil keine Proben für eine Analyse genommen werden konnten. Laut den Videoaufnahmen handelt es sich aber wahrscheinlich um Schwämme.

Huw Griffiths: „Das ist bei Weitem das am weitesten unter Schelfeis lebende filtrierende Tier, das wir je gesehen haben. Diese Lebensformen sitzen fest verbunden auf Felsen und bekommen nur etwas zu fressen, wenn zufällig etwas an ihnen vorbeitreibt.“

Pflanzen, die die Grundlage der Nahrungskette bilden, existieren in der Nähe der Lebensform nicht. Auch hydrothermale Quellen, an denen oft Leben gedeiht, kommen nicht vor. Das nächste Gewässer, an dem Photosynthese möglich ist, befindet sich rund 260 Kilometer entfernt. Die Wissenschaftler vermuten deshalb, dass die Lebensform totes Plankton als Nahrung aus dem Wasser filtert, das zuvor über Hunderte Kilometer durch das Meer getrieben ist.

Huw Griffiths: „Es war ein echter Schock, sie dort zu finden. Aber wir können keine DNA-Tests durchführen, wir können nicht herausfinden, wovon sie sich genau ernähren oder wie alt sie sind. Wir wissen nicht einmal, ob es sich um neue Arten handelt. Aber sie leben definitiv an einem Ort, an dem wir sie niemals erwartet hätten.“

Frontiers in Marine Science, doi: 10.3389/fmars.2021.642040

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