Vier statt einer Art

Erste neue Pinguinart seit über 100 Jahren lebt auf den Kerguelen

 Dennis Lenz

Erste neue Pinguinart seit über 100 Jahren lebt auf den Kerguelen
Ein Eselspinguin auf den Kerguelen im südlichen Indischen Ozean. Die Pinguine dieser Inseln gelten nun als eigene Art, Pygoscelis kerguelensis. Äußerlich unterscheiden sie sich kaum von anderen Eselspinguinen, ihr Erbgut aber deutlich. Es ist die erste neu benannte Pinguinart seit mehr als 100 Jahren. (Foto: © Antoine Lamielle (Ausschnitt), Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Auf den Kerguelen im südlichen Indischen Ozean lebt eine Pinguinart, die bislang niemand als eigene Art erkannt hatte. Ein internationales Team um Forscher aus Chile und der University of California, Berkeley, hat die Eselspinguine mit 64 vollständigen Genomen untersucht. Laut Communications Biology sind es nicht eine, sondern vier Arten. Eine davon, Pygoscelis kerguelensis, ist die erste neu benannte Pinguinart seit mehr als 100 Jahren.

Warum fiel die neue Pinguinart niemandem auf?

Der neue Südöstliche Eselspinguin sieht aus wie jeder andere Eselspinguin. Er hat einen schwarzblauen Rücken, einen weißen Bauch, einen schwarzen Kopf mit einem weißen Band über dem Scheitel, das von Auge zu Auge reicht, einen orangefarbenen Schnabel mit schwarzer Spitze und orange bis rosa gefärbte Füße. Nur in der Größe und im Ruf unterscheidet er sich leicht von seinen Verwandten. Biologen sprechen in solchen Fällen von einer kryptischen Art: Die Tiere sehen gleich aus, sind aber genetisch klar getrennt. Hinzu kommt der Ort. Die Kerguelen, von Franzosen auch Inseln der Trostlosigkeit genannt, liegen nach Angaben der University of California, Berkeley knapp 3.200 Kilometer von der nächsten dauerhaft bewohnten Landmasse entfernt. Wer dort Pinguine erforschen will, braucht eine Expedition.

„Es gibt wahrscheinlich keine Pinguinart, deren Systematik so umstritten war wie die des Eselspinguins“, sagt Rauri Bowie, Professor für Integrative Biologie an der UC Berkeley. „Seit über 100 Jahren wird darüber gestritten, wie viele Arten oder Unterarten es gibt.“ Einige der Autoren hatten früher selbst bis zu sechs Unterarten beschrieben, ohne dass sich die Fachwelt einig war. Die neue Arbeit gilt als Konsens dieser Experten.

Wie haben die Forscher die vier Arten unterschieden?

Das Team um die Erstautorin Daly Noll von der Universidad de Chile und die leitenden Autoren Juliana Vianna von der Universidad Andrés Bello, Rauri Bowie und Elie Poulin hat das Erbgut von 64 Eselspinguinen aus zehn Brutkolonien vollständig entschlüsselt. Damit deckten die Proben erstmals fast das gesamte Verbreitungsgebiet ab, das von Südamerika über die Antarktische Halbinsel bis zu den Inseln im Indischen Ozean und südlich von Australien reicht. Ein Großteil der Proben stammte aus früheren Studien, zwei Tiere von der Macquarieinsel kamen neu hinzu. Zusätzlich verglichen die Forscher Daten zu Tausenden Erbgutvarianten, zu Gefiederfärbung, Rufen, Brutzeit, Nahrung und Jagdverhalten.

Die Analysen ergaben vier deutlich getrennte Entwicklungslinien. Zwischen weit entfernten Kolonien fließen kaum Gene, die genetischen Abstände sind groß. Der gemeinsame Vorfahre aller Eselspinguine lebte nach dem Stammbaum der Forscher vor rund 800.000 Jahren. Die Aufspaltung in eigene Arten fand laut UC Berkeley in den vergangenen 300.000 bis 500.000 Jahren statt.

Außerdem vermaßen die Forscher 50 Bälge aus Museen, darunter acht von den Kerguelen. Dabei zeigte sich ein ungewöhnliches Muster: Eselspinguine aus kälteren Gebieten im Süden sind kleiner, die Tiere nördlich der Polarfront größer. Bei vielen anderen Tieren ist es genau umgekehrt. Die Pinguine von den Kerguelen liegen mit einer mittleren Schnabellänge von 53,96 Millimetern und einer Flossenbreite von 50,98 Millimetern genau dazwischen. Sie sind kleiner als die Eselspinguine der Falklandinseln und größer als die Tiere der Antarktischen Halbinsel.

Welche vier Arten von Eselspinguinen gibt es jetzt?

Die entscheidende Grenze im Meer ist die Antarktische Polarfront. Dort trifft kaltes antarktisches Wasser auf wärmeres, salzigeres Wasser aus dem Norden. Für viele Meerestiere wirkt sie wie eine Barriere. Nach der neuen Einteilung gibt es:

  • den Nördlichen Eselspinguin Pygoscelis papua auf den Falklandinseln und der Isla Martillo im Beagle-Kanal in Feuerland,

  • den Südlichen Eselspinguin Pygoscelis ellsworthi auf der Antarktischen Halbinsel, den Südlichen Orkney- und Shetlandinseln sowie Südgeorgien,

  • den Östlichen Eselspinguin Pygoscelis taeniata auf den Crozetinseln, der Marioninsel und der Macquarieinsel,

  • den Südöstlichen Eselspinguin Pygoscelis kerguelensis auf den Kerguelen und wahrscheinlich auch auf der Heard-Insel.

Die neue Art lebt also genau an der Polarfront. Erbgut liegt bislang nur von Tieren der Kerguelen vor. Satellitensender zeigten aber, dass junge Pinguine von dort zur Heard-Insel schwimmen, vermutlich zur Nahrungssuche. Die Forscher zählen die Tiere dort deshalb ebenfalls zur neuen Art.

Warum haben sich die Eselspinguine aufgespalten?

Ausgerechnet die Genügsamkeit der Vögel hat nach Ansicht der Forscher zur Entstehung neuer Arten geführt. Eselspinguine fressen fast alles, was sie im Wasser erwischen, darunter Fische, Krill, Kalmare und Sepien. Deshalb müssen sie für die Nahrungssuche nicht weit schwimmen. Sie bleiben in der Nähe ihrer Kolonie und brüten Jahr für Jahr am selben Platz. Auf abgelegenen Inseln passten sich die Bestände so an ihre Umgebung an, und die Unterschiede verfestigten sich über viele Generationen im Erbgut.

Diese Anpassungen lassen sich in den Genomen ablesen. Beim Südlichen Eselspinguin in der Antarktis fanden die Forscher besonders viele veränderte Gene für Wärmeproduktion, Fettspeicherung und Lichtwahrnehmung. Beim Östlichen Eselspinguin sind es Gene für einen sparsamen Stoffwechsel und lange Tauchgänge, beim Nördlichen Eselspinguin Gene für Verdauung und Herzmuskel. Beim Südöstlichen Eselspinguin der Kerguelen fielen Gene für die Anpassung der Nervenverbindungen auf, außerdem Gene für Wachstum und Skelettentwicklung. Seine Erbgutunterschiede hängen stark mit der Meerestemperatur zusammen, die an der Polarfront im Lauf des Jahres schwankt.

Welches Tier ist das Typusexemplar der neuen Art?

Für eine neue Art braucht es ein Referenzexemplar, den sogenannten Holotypus. Die Forscher wählten dafür einen Balg aus dem American Museum of Natural History in New York. Es handelt sich um ein erwachsenes Männchen, das Robert Hall am 31. Dezember 1897 auf den Kerguelen gesammelt hat. Weitere Vergleichsstücke stammen von einer amerikanischen Expedition im Jahr 1888 und von der britischen Challenger-Expedition, die im Januar 1874 im Christmas Harbour der Kerguelen Pinguine sammelte. Die Tiere lagen also weit über 100 Jahre in Museumsschränken, ohne dass jemand erkannte, dass sie zu einer eigenen Art gehören. Der Name kerguelensis verweist auf die Inselgruppe, auf der die Art entstanden ist.

Sind die neuen Pinguinarten bedroht?

Bisher führt die Weltnaturschutzunion IUCN den Eselspinguin als eine einzige, weit verbreitete Art mit dem Status nicht gefährdet. Dieser Status beruht vor allem auf dem Südlichen Eselspinguin, der laut der Studie rund 65 Prozent aller Tiere stellt. Auf den Nördlichen Eselspinguin entfallen etwa 24 Prozent, auf die neue Art von den Kerguelen etwa neun Prozent und auf den Östlichen Eselspinguin nur rund zwei Prozent.

Die Bestände entwickeln sich sehr unterschiedlich. In der Antarktis nimmt der Südliche Eselspinguin zu, während Kaiser- und Adeliepinguine mit dem Meereis und dem Krill zurückgehen. Der Östliche Eselspinguin dagegen schrumpft. Auf der Macquarieinsel ist die Zahl der Brutpaare über drei Generationen um die Hälfte gesunken, auf der Possession-Insel der Crozetinseln ging eine überwachte Kolonie zwischen 1992 und 2018 um 32,6 Prozent zurück.

Mit Klimamodellen berechneten die Forscher, wo die Tiere im Jahr 2050 noch passende Lebensbedingungen finden. Für den Nördlichen, den Östlichen und den Südöstlichen Eselspinguin sagen die Modelle einen starken Verlust geeigneter Lebensräume voraus, in großen Teilen ihres heutigen Gebiets nahezu vollständig. Ausweichen können die Inselbewohner kaum, weil es in der Nähe keine geeigneten Inseln gibt. Für die neue Art könnten rund um die Heard-Insel noch passende Gebiete bleiben. Nur der Südliche Eselspinguin dürfte sich weiter in die Antarktis ausbreiten. „Es ist sehr wichtig, dass die Naturschutzbehörden in allen beteiligten Ländern diese drei Eselspinguinarten anerkennen und angemessene Maßnahmen zu ihrer Rettung ergreifen“, sagt Juliana Vianna.

Wie sicher ist die Aufteilung in vier Arten?

Die Genomdaten stützen die vier Linien klar, doch einige Fragen bleiben offen. Von den Kerguelen stammen die Erbgutproben nur aus einer einzigen Region, von der Heard-Insel gibt es noch gar keine. Auch die Südlichen Sandwichinseln und die Heard- und McDonaldinseln fehlten in den Analysen. Die Körpermaße stammen von Museumsbälgen, die nicht immer von denselben Kolonien kommen wie die Erbgutproben. Viele Bestandszählungen sind zudem veraltet, auf den Kerguelen stammt die letzte aus dem Jahr 1985. Wie viele Südöstliche Eselspinguine es heute gibt, ist deshalb unsicher. Ob die Weltnaturschutzunion die vier Arten übernimmt und jeweils einzeln bewertet, ist offen.

Die Daten sollen auch an anderer Stelle helfen. Juliana Vianna sucht in den Pinguingenomen bereits nach Erbgutveränderungen, die mit dem Überleben der Vogelgrippe zusammenhängen. Diese breitet sich derzeit weltweit unter Pinguinen, anderen Vögeln und Säugetieren aus. „Die Sequenzierung ganzer Genome hat nicht nur unser Verständnis der Artbildung verändert, sie hat auch einen großen Wert für den Naturschutz“, sagt Rauri Bowie.

Bei Forschung und Wissen lesen Sie auch, wie Pinguine auf Umweltveränderungen reagieren: Kaiserpinguine könnten bereits in wenigen Jahrzehnten aussterben und Königspinguine zeigen, was ein Leben im Überfluss mit dem Körper macht. Auch an Land werden noch unbekannte Arten entdeckt, etwa eine bislang unbekannte Wildkatze, die kleiner als eine Hauskatze ist.

Communications Biology, Integrative evidence reveals adaptive divergence and speciation in gentoo penguins; doi:10.1038/s42003-026-10081-7

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