In den Nebelwäldern Boliviens lebt eine Wildkatze, die kleiner ist als eine gewöhnliche Hauskatze und bis vor Kurzem keiner eigenen Art zugeordnet war. Genetische Analysen zeigen nun, dass die gefleckte Tigerkatze eine eigenständige Art bildet, die erste lebende Katzenart, die seit mehr als 100 Jahren wissenschaftlich beschrieben wurde. Den Anstoß gab ein Tier, das eine Familie zunächst für eine Hauskatze hielt. Wie viele Exemplare in freier Wildbahn leben, weiß bislang niemand.
Die Yungas sind ein schwer zugängliches Bergwaldgebiet an den Osthängen der Anden, wo das Hochgebirge in das Amazonasbecken übergeht. Die Wälder sind häufig in Wolken gehüllt, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor. Die einheimische Bevölkerung kennt in diesen Wäldern seit Generationen eine kleine gefleckte Katze, die sie Tilcayo nennt. Für die Wissenschaft war das Tier dagegen lange unsichtbar, weil es anderen kleinen Wildkatzen Südamerikas zum Verwechseln ähnlich sieht. Diese Katzen der Gattung Leopardus werden im Deutschen als Tigerkatzen bezeichnet. Sie sind kaum größer als Hauskatzen, tragen ein Fell mit Flecken und Rosetten und leben so versteckt, dass frühere Versuche, sie zu ordnen, zu widersprüchlichen Ergebnissen führten. Ein internationales Forschungsteam hat den Tilcayo nun als eigene Art beschrieben und ihm den wissenschaftlichen Namen Leopardus tilcayo gegeben.
Solche Fälle bezeichnen Biologen als kryptische Arten. Gemeint sind Tiere, die äußerlich nahezu gleich aussehen, sich genetisch aber deutlich unterscheiden und eigene Entwicklungslinien bilden. Bei den Tigerkatzen ist das Problem besonders ausgeprägt, weil frühere Einteilungen vor allem auf äußeren Merkmalen und kleinen Ausschnitten des Erbguts beruhten. Der Tilcayo war also nicht neu für die Menschen in den Yungas, sondern nur für die Wissenschaft bislang unbekannt. Die Namenswahl greift genau das auf, denn die Forscher übernahmen die Bezeichnung, die in der Region seit Langem gebräuchlich ist, und wollen damit das überlieferte Wissen der Bevölkerung würdigen. Die Beschreibung der Art erschien am 17. September 2026 in der Fachzeitschrift Current Biology und bildet den Abschluss einer Untersuchung, die im Jahr 2021 begann. Sie ordnet dabei nicht nur eine einzelne Katze ein, sondern gleich eine ganze Gruppe schwer unterscheidbarer Wildkatzen Südamerikas.
Den Anstoß gab ein Zufall. Im Jahr 2017 brachte eine Familie aus der Region eine kleine gefleckte Katze in die Wildtierstation Senda Verde in den Yungas. Sie hatte das Tier als Jungtier aufgenommen und rund ein Jahr lang gehalten, weil sie es für eine gewöhnliche Hauskatze hielt, bis sein wildes Verhalten nicht mehr zu übersehen war. In der Station fiel der Kater der bolivianischen Biologin Paola Nogales-Ascarrunz auf, die ein Forschungsprogramm zu Wildkatzen in Bolivien leitet und als Explorerin für die National Geographic Society arbeitet. Seine Merkmale passten nicht zu den gängigen Beschreibungen von Tigerkatzen, die überwiegend auf Tieren aus Brasilien beruhten. Das warf die Frage auf, welche Tigerkatze in Bolivien eigentlich lebt. Der Kater lebt bis heute in der Station und ist inzwischen etwa zehn Jahre alt. Ein Weibchen der Art wurde nach einem Angriff durch Anwohner gerettet und später wieder in die Freiheit entlassen.
Der Tilcayo ist ein ausgesprochen kleiner Jäger. Die Kopf-Rumpf-Länge liegt nach der Erstbeschreibung zwischen 42,5 und 50,5 Zentimetern, dazu kommt ein Schwanz von 25 bis 26,5 Zentimetern. Das Gewicht beträgt rund 1,4 Kilogramm, damit ist die Art leichter als eine durchschnittliche Hauskatze. Der Rücken ist hellbraun, entlang der Mittellinie dunkler und zu den Beinen hin heller. Über den ganzen Körper verteilen sich große, unregelmäßig geformte Rosetten in Dunkelbraun bis Schwarz, die meist offen oder nur teilweise geschlossen sind. Hinzu kommen abgerundete Ohren. Diese Kombination verleiht dem Tier das Aussehen eines Leoparden im Kleinformat, unterscheidet es aber nur geringfügig von seinen nächsten Verwandten. Gerade deshalb reichte der Blick auf das Fell nicht aus, um die Art sicher abzugrenzen. Erst das Erbgut lieferte den entscheidenden Beleg dafür, dass hinter dem vertrauten Fleckenmuster eine eigenständige Entwicklungslinie steckt.
Um die Stellung des Tilcayo zu klären, untersuchte das Team um den Biologen Jonas Lescroart von der Universität Antwerpen und der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio Grande do Sul das Erbgut von 38 Katzen aus mehreren Ländern Südamerikas, darunter acht Exemplare aus Museumssammlungen. Die beiden bekannten Tilcayos durchliefen zudem eine vollständige Genomsequenzierung. Das Ergebnis betrifft die gesamte Gruppe. In Südamerika leben demnach fünf Arten von Tigerkatzen, neben dem Tilcayo sind es Leopardus guttulus, Leopardus emiliae, Leopardus pardinoides und Leopardus tigrinus. Für die Yungas Perus beschreibt die Studie zu den Tigerkatzen Südamerikas außerdem eine eigene Unterart mit dem Namen Leopardus tigrinus antisuyo. Damit gehen die Autoren deutlich über die Beschreibung einer einzelnen Art hinaus. Sie schaffen eine belastbare Grundlage für die Einteilung einer Gruppe, deren Systematik lange umstritten war und deren Arten sich mit bloßem Auge kaum auseinanderhalten lassen.
Die genetischen Daten erlauben auch einen Blick in die Vergangenheit. Nach den Berechnungen der Forscher trennte sich die Linie des Tilcayo vor knapp 1,4 Millionen Jahren im frühen Pleistozän von der Linie, aus der Leopardus tigrinus und Leopardus pardinoides hervorgingen. Als wahrscheinliche Ursache nennen die Autoren stark schwankende Klimabedingungen und eine Zersplitterung der Bergwälder in dieser Epoche. Populationen, die in solchen Waldinseln voneinander abgeschnitten waren, entwickelten sich über lange Zeiträume getrennt weiter. So entstand in den Yungas eine eigene Art, die ihren Verwandten äußerlich ähnlich blieb, genetisch aber einen eigenen Weg ging. Dass eine solche Linie bis heute übersehen werden konnte, ist kein Einzelfall. Auch bei Pflanzen tauchen immer wieder unerkannte oder verschollene Arten auf, etwa als ein Zufallsfoto eine seit 58 Jahren verschollene Pflanze wieder ins Blickfeld der Botaniker rückte.
Die Bedeutung des Funds erschließt sich aus der Seltenheit solcher Beschreibungen. Zuletzt war im Jahr 1923 eine lebende Katzenart erstmals wissenschaftlich benannt worden, die Pampaskatze aus Uruguay. Dass nun ausgerechnet ein Säugetier dieser Größe hinzukommt, ist ungewöhnlich, denn die meisten neu beschriebenen Tierarten sind sehr klein. Nogales-Ascarrunz bezeichnete die Beschreibung deshalb als bemerkenswertes Ereignis. Wie die National Geographic Society in ihrer Mitteilung zum Tilcayo berichtet, ist die Art nach bisherigem Wissen nur aus Bolivien bekannt und wurde nirgendwo sonst auf der Erde nachgewiesen. Die Forscherin sieht in dem Fund zugleich einen Hinweis darauf, wie viel über die Artenvielfalt der Yungas noch unbekannt ist. Der Bergwald im Übergang zwischen Anden und Amazonasbecken gilt als eine der am wenigsten erforschten Regionen Südamerikas, beherbergt aber eine große Zahl von Arten, die nur dort vorkommen.
Über die Lebensweise des Tilcayo wissen die Forscher bislang wenig. Aufnahmen von Kamerafallen deuten darauf hin, dass die Katze vor allem nachts aktiv ist. Kotproben enthielten Reste kleiner Nagetiere, was Hinweise auf ihre Beute liefert. Wie groß der Bestand in freier Wildbahn ist, lässt sich derzeit nicht beziffern. Bekannt ist die Art bisher nur aus den Yungas in der Region La Paz. Das wissenschaftliche Referenzexemplar, ein erwachsenes Männchen, wurde im September 2021 nahe dem Dorf Arapata in 1.570 Metern Höhe lebend gefangen. Aus solchen Einzelnachweisen lässt sich noch kein Verbreitungsgebiet ableiten. Die Forscher betonen deshalb, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um Verbreitung, Lebensraum und Bestandsgröße der Art zu klären. Genau diese Daten sind die Voraussetzung dafür, den Schutzstatus einer Art verlässlich einschätzen zu können, und sie fehlen beim Tilcayo bislang fast vollständig.
Der Lebensraum des Tilcayo steht unter Druck, denn Rodungen, Landwirtschaft, Brände und Bergbau setzen den Bergwäldern der Yungas zu. Die genomischen Daten der Studie weisen zudem darauf hin, dass mehrere Linien der Tigerkatzen, darunter auch der Tilcayo, Bestandsrückgänge von 60 Prozent oder mehr erlitten haben. Nach Einschätzung von Nogales-Ascarrunz könnte die kleine Zahl bekannter Tiere dazu führen, dass die Art bald als deutlich stärker bedroht gilt. Die genaue Einteilung ist dabei mehr als eine Formalie. Wer mehrere Arten als eine einzige führt, übersieht leicht, dass eine kleine, isolierte Linie verschwindet, während die Gesamtgruppe stabil erscheint. Wie stark sich die Lage einer Art durch gezielten Schutz verändern kann, zeigt die Rote Liste, auf der eine fast ausgerottete Meeresschildkröte inzwischen nicht mehr als gefährdet geführt wird. Für den Tilcayo beginnt dieser Weg erst, denn zunächst muss geklärt werden, wie viele Tiere überhaupt noch leben.
Current Biology, Lescroart et al., Beschreibung von Leopardus tilcayo; doi:10.1016/j.cub.2026.08.059