Altern im Tierreich

Königspinguine zeigen was ein Leben im Überfluss mit dem Körper macht

 Dennis Lenz

Königspinguine zeigen was ein Leben im Überfluss mit dem Körper macht
(Symbolbild) Königspinguine erreichen eine für Tiere bemerkenswerte Lebenserwartung von zwanzig bis vierzig Jahren und gelten deshalb als wertvolle Modelltiere für die Alternsforschung. Ein internationales Forschungsteam hat das biologische mit dem chronologischen Alter von wildlebenden und in Zoos gehaltenen Tieren verglichen und dabei einen bemerkenswerten Effekt gefunden. Ein üppiges Nahrungsangebot bei geschützten Lebensbedingungen fördert zwar ein schnelles Wachstum, treibt aber zugleich die Alterung des Körpers voran. Weil sich die Lebensumstände der Vögel über Jahrhunderte kaum verändert haben, lassen sich an ihnen Fragen untersuchen, die beim Menschen von unzähligen Störfaktoren überlagert werden. Die Parallelen zum bequemen modernen Alltag sind dabei kein Zufall. (Foto: © Forschung und Wissen)

Reichlich Futter, keine Feinde und kaum Anstrengung klingen nach einem perfekten Leben. Bei Königspinguinen hat dieser Komfort jedoch einen messbaren Preis, wie ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Universität Hamburg herausgefunden hat. Der Vergleich von wildlebenden Tieren mit Artgenossen aus Zoos zeigt, dass ein üppiges Nahrungsangebot bei geschützten Lebensbedingungen zwar schnelles Wachstum fördert, den Körper aber zugleich schneller altern lässt. Die Forscher sehen darin ein Spiegelbild des bequemen modernen Lebensstils des Menschen.

Warum altern manche Menschen schneller als andere? Diese scheinbar einfache Frage gehört zu den am schwersten zu beantwortenden der gesamten Medizin, denn das Altern des Menschen wird von unzähligen Faktoren gleichzeitig beeinflusst. Soziale, verhaltensbezogene und umweltbedingte Aspekte wie Ernährungssicherheit, medizinischer Fortschritt, Armut oder Alkoholkonsum wirken über Jahrzehnte zusammen und lassen sich in Studien kaum sauber voneinander trennen. Hinzu kommt, dass sich die Lebensumstände moderner Gesellschaften innerhalb weniger Generationen dramatisch verändert haben, was Langzeitvergleiche zusätzlich erschwert. Wer die Folgen eines bequemen, bewegungsarmen Lebens im Überfluss isoliert untersuchen will, braucht deshalb ein Lebewesen, dessen Rahmenbedingungen über lange Zeiträume stabil geblieben sind und das dennoch alt genug wird, um aussagekräftige Vergleiche zum Menschen zu erlauben.

Genau hier kommen Königspinguine ins Spiel. Anders als beim Menschen haben sich die Lebensumstände der Vögel in den vergangenen Jahrhunderten nicht gravierend verändert, und ihre Lebenserwartung von zwanzig bis vierzig Jahren ist für Tiere ungewöhnlich hoch. Beides macht sie zu besonders geeigneten Modelltieren für die Alternsforschung. Ziel der im Frühjahr 2026 in Nature Communications erschienenen Studie war es, das biologische Alter der Tiere, also den tatsächlichen Zustand ihres Körpers, mit ihrem chronologischen Alter in Jahren zu vergleichen. Weichen beide Werte voneinander ab, altert ein Tier schneller oder langsamer, als es sein Geburtsdatum erwarten ließe. Untersucht wurden insgesamt 64 Königspinguine aus zwei denkbar unterschiedlichen Welten.

Wildnis gegen Rundumversorgung

Die 34 wildlebenden Tiere fand das Forschungsteam auf den Crozetinseln, einer abgelegenen Inselgruppe im Indischen Ozean zwischen Südafrika und der Antarktis. Dort führen Königspinguine ein forderndes Leben, denn sie legen auf der Jagd nach Fischen und Tintenfischen weite Strecken im eiskalten Ozean zurück, tauchen in große Tiefen, hungern während der Brutzeit über Wochen und müssen Raubfeinden wie Seeleoparden und Riesensturmvögeln entgehen. Die 30 Vergleichstiere leben dagegen im Zoo Zürich und im Loro Parque auf Teneriffa. Sie genießen eine Rundumversorgung mit täglichen Mahlzeiten, tierärztlicher Betreuung und vollständigem Schutz vor Feinden, bewegen sich dafür aber nur einen Bruchteil dessen, was ihre wilden Artgenossen leisten. Dieser Kontrast machte den direkten Vergleich zweier Lebensmodelle innerhalb einer einzigen Art überhaupt erst möglich.

Schnelles Wachstum mit verstecktem Preis

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung fällt auf den ersten Blick paradox aus. Die rundum versorgten Tiere profitierten zunächst sichtbar von ihrem Leben im Überfluss, denn das üppige Nahrungsangebot bei geschützten Bedingungen förderte ein schnelles Wachstum. Auf lange Sicht kehrte sich der Vorteil jedoch um, denn dieselben Bedingungen führten zu einer beschleunigten Alterung des Körpers. Das biologische Alter der bequem lebenden Tiere eilte ihrem tatsächlichen Alter in Jahren voraus, während die wildlebenden Artgenossen trotz Hunger, Kälte und Dauerbelastung langsamer alterten. Komfort, Sicherheit und ständige Verfügbarkeit von Nahrung sind für den Körper demnach nicht automatisch ein Gewinn, sondern verschieben offenbar das innere Gleichgewicht zwischen Wachstum, Instandhaltung und Verschleiß zulasten der langfristigen Gesundheit.

Warum Pinguine bessere Antworten liefern als Menschenstudien

Für die Alternsforschung ist dieser Befund deshalb so wertvoll, weil er beim Menschen in dieser Klarheit kaum zu gewinnen wäre. Wer bei Menschen die Folgen von Bewegungsmangel und Überfluss untersucht, kämpft stets mit Störgrößen wie Einkommen, Bildung, Medikamenten, Rauchen oder Alkohol, die sich nicht herausrechnen lassen. Bei den Pinguinen entfallen diese Faktoren vollständig, denn beide Gruppen gehören derselben Art an und unterscheiden sich im Kern nur durch Nahrungsangebot, Schutz und Bewegungspensum. Die Parallelen zum modernen Menschen mit seinem Überangebot an Kalorien und seinem überwiegend sitzenden Alltag ziehen die Forscher dabei ausdrücklich selbst. Wie eng die gemeinsame Geschichte von Tieren und Menschen solche Vergleiche prägt, zeigt auch die Erkenntnis, dass sich Hund und Mensch seit 15.000 Jahren gegenseitig formen.

Einschränkungen und offene Fragen

Die Autoren weisen zugleich auf die Grenzen ihrer Arbeit hin. Mit 64 untersuchten Tieren ist die Stichprobe überschaubar, und Zoohaltung unterscheidet sich nicht nur beim Futter und der Bewegung von der Wildnis, sondern auch bei Klima, Stressfaktoren und sozialen Strukturen, die als zusätzliche Einflüsse infrage kommen. Ob die beschleunigte Alterung die Lebenserwartung der Zootiere tatsächlich verkürzt oder ob die tierärztliche Versorgung diesen Nachteil ausgleicht, müssen längere Beobachtungsreihen zeigen. Künftige Untersuchungen sollen zudem klären, welche Stellschrauben den Alterungsprozess konkret antreiben und ob sich der Effekt durch mehr Bewegung und angepasste Fütterung in menschlicher Obhut abmildern lässt. Damit könnten die Ergebnisse am Ende auch der Tierhaltung selbst zugutekommen.

Eine Botschaft die über das Tierreich hinausweist

So bleibt eine Erkenntnis, die weit über die Pinguinkolonien hinausreicht. Ein Leben ohne Anstrengung und mit unbegrenztem Nahrungsangebot lässt den Körper offenbar schneller verschleißen, als es die reine Kalorienbilanz vermuten ließe, und regelmäßige Belastung scheint ein zentraler Schutzfaktor gegen vorzeitiges Altern zu sein. Beim Menschen deuten zahlreiche Befunde in dieselbe Richtung, denn Bewegungsmangel und dauerhafter Überfluss gelten als wesentliche Treiber vieler Zivilisationskrankheiten. Wie folgenreich solche Stoffwechselfaktoren im Alter werden können, unterstreicht eine große Untersuchung, wonach Vitamin-D-Mangel in Kombination mit Bauchfett das Sterberisiko fast verdoppelt.

Eine ausführliche Darstellung der Studie mit Angaben zu allen beteiligten Institutionen bietet die Pressemitteilung beim Informationsdienst Wissenschaft, über den die Universität Hamburg die Ergebnisse veröffentlicht hat.

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