Affen, die eine tödliche Seuche in ihrer Gruppe miterlebt haben, gehen mit verschmutzt wirkendem Futter deutlich vorsichtiger um. Japanmakaken aus drei Gruppen, in denen 2020 ein gefährliches Retrovirus gewütet hatte, nahmen Futter von einer mit Kot bedeckten Fläche nur in 47 Prozent der Versuche. Bei Tieren aus einer Gruppe ohne Ausbruch waren es 79 Prozent. Das galt auch für Affen, die sich selbst nie angesteckt hatten, obwohl das Virus gar nicht über Nahrung übertragen wird. Die Untersuchung umfasst allerdings nur 55 Tiere aus einem einzigen Schutzgebiet und kann Ursache und Wirkung nicht sicher trennen.
Wer zu Beginn der Corona-Pandemie Einkäufe abgewischt oder Türklinken nur noch mit dem Ellenbogen gedrückt hat, kennt das Gefühl: Eine Krankheitswelle verändert den Blick auf alltägliche Dinge. Forscher der University of California San Diego haben nun bei Affen ein ähnliches Muster beobachtet. Das Team um den Kognitionswissenschaftler Stephan Kaufhold und seinen Kollegen Federico Rossano untersuchte Japanmakaken in einem Schutzgebiet für Primaten im Süden von Texas. Dort hatte ein Virusausbruch einige Gruppen schwer getroffen, andere dagegen verschont. Die Ergebnisse der Studie, an der auch die Tierschutzorganisation Born Free USA beteiligt war, sind im Fachmagazin Royal Society Open Science erschienen.
Die Forscher wollten wissen, ob die Vorsicht gegenüber möglichen Krankheitsquellen bei Affen festgelegt ist oder sich durch Erfahrung verändert. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang vom Verhaltensimmunsystem. Gemeint sind alle Verhaltensweisen, mit denen Lebewesen einer Ansteckung aus dem Weg gehen, bevor die körpereigene Abwehr überhaupt reagieren muss. Dazu gehört etwa, Kot, verdorbene Nahrung oder kranke Artgenossen zu meiden. Beim Menschen gilt Ekel als eine zentrale Triebfeder dieses Schutzsystems. Wie es bei unseren nichtmenschlichen Verwandten funktioniert und wie flexibel es ist, war bislang kaum untersucht.
Die Japanmakaken im Schutzgebiet stammen von Tieren ab, die 1972 aus Japan nach Texas gebracht wurden. Sie leben dort in mehreren Gruppen, die in getrennten Gehegen untergebracht sind. Im Jahr 2020 wies das Personal bei einigen dieser Gruppen das Simiane Retrovirus Typ 2 nach. Dieses Virus kann bei Affen eine Immunschwäche auslösen, die an AIDS erinnert. Es ist allerdings nicht mit dem Affen-Immunschwächevirus SIV zu verwechseln, aus dem HIV hervorgegangen ist. Übertragen wurde der Erreger vor allem über Blut und Speichel bei Bissen und Kratzern. Einige Tiere erkrankten schwer, manche starben. Das Schutzgebiet trennte daraufhin die Gruppen und führte strenge Tests und Quarantänemaßnahmen ein.
Für die Forscher entstand dadurch eine seltene Gelegenheit. Drei Gruppen hatten den Ausbruch miterlebt, eine vierte nicht. Alle Tiere gehören zur selben Art, wurden im Schutzgebiet geboren und wuchsen unter ähnlichen Bedingungen auf. In den betroffenen Gruppen gab es zudem Affen, die sich angesteckt hatten, und andere, die zwar mit kranken Artgenossen zusammenlebten, selbst aber negativ getestet wurden. Damit ließ sich prüfen, ob schon das Miterleben einer Seuche das Verhalten verändert oder ob dafür eine eigene Erkrankung nötig ist. Ein solcher Vergleich wäre in einem geplanten Versuch aus ethischen Gründen undenkbar.
Für den Test boten die Forscher insgesamt 55 Japanmakaken jeweils zwei Futterstücke an. Eines lag auf einer sauberen Holzfläche, das andere auf einer Fläche, die mit echtem Makakenkot bedeckt war. Der Kot war unter einer Schicht aus durchsichtigem Epoxidharz versiegelt. So blieb der optische Eindruck einer Verschmutzung erhalten, Geruch und Ansteckungsrisiko fielen dagegen weg. In einem Teil der Durchgänge ersetzten die Forscher die saubere Holzfläche durch einen bunten Küchenschwamm. Damit wollten sie ausschließen, dass die Tiere lediglich ungewohnte Gegenstände meiden. Insgesamt flossen 197 gültige Durchgänge in die Auswertung ein.
Der Versuchsaufbau knüpft an das natürliche Verhalten der Tiere an. Makaken sind anpassungsfähige Allesfresser, die einen großen Teil des Tages am Boden verbringen. Wie flexibel die Gattung ist, zeigt etwa ein Milchzahn, der belegt, dass vor 300.000 Jahren Makaken in Niedersachsen lebten. Wer seine Nahrung vom Boden aufsammelt, kommt allerdings zwangsläufig mit Kot und den darin enthaltenen Parasiten in Berührung. Frühere Untersuchungen an wild lebenden Japanmakaken hatten gezeigt, dass die Tiere abwägen: Weizenkörner auf Kot ließen sie eher liegen, eine begehrte Erdnuss fraßen sie trotzdem. Vorsicht hat für die Affen also ihren Preis, denn jedes verschmähte Futterstück ist verlorene Energie.
Der Unterschied war deutlich. Affen aus den Gruppen, die den Ausbruch miterlebt hatten, aßen das Futter von der verschmutzt wirkenden Fläche nur in 47 Prozent der Durchgänge. Bei den Tieren aus der verschonten Gruppe lag der Anteil bei 79 Prozent. Diese Affen ließen sich von der vermeintlichen Verschmutzung also nur selten abschrecken, während die anderen in mehr als der Hälfte der Versuche darauf verzichteten. Bemerkenswert ist vor allem ein weiterer Befund: Ob ein Tier aus einer betroffenen Gruppe selbst infiziert gewesen war, machte kaum einen Unterschied. Auch Affen, die nie erkrankt waren, verhielten sich vorsichtiger.
„Gruppen haben eine Geschichte, und diese Geschichte zeigt sich im Verhalten“, sagt Erstautor Kaufhold laut einer Mitteilung der University of California San Diego. Das Miterleben des Ausbruchs scheine diese Gruppen vorsichtiger gegenüber Futter gemacht zu haben, das verschmutzt aussieht. Besonders erstaunlich ist, dass die Vorsicht nicht zum tatsächlichen Übertragungsweg passt. Das Virus verbreitete sich über Bisse und Kratzer, nicht über Kot oder Nahrung. Die Affen konnten also nicht gelernt haben, dass verschmutztes Futter krank macht. Offenbar reagierten sie auf die Erfahrung, dass Artgenossen erkrankten und starben, mit einer allgemein höheren Wachsamkeit gegenüber möglichen Krankheitsquellen. „Auch ohne jedes Wissen darüber, wie eine Krankheit übertragen wird, verändert es die Wahrscheinlichkeit riskanter Verhaltensweisen, wenn man erlebt, wie andere krank werden und sterben“, sagt Rossano.
In einer zweiten Untersuchung, die in derselben Veröffentlichung beschrieben ist, ging das Team der Frage nach, welche Rolle die Kindheit spielt. Dazu testeten die Forscher 54 Makaken aus sieben Arten, die unter sehr unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen waren. Unter ihnen waren im Schutzgebiet geborene Tiere, ehemalige Versuchstiere aus Laboren, Zootiere und frühere Haustiere. Als Belohnung diente jeweils eine Weintraube. Insgesamt bevorzugten die Affen das Futter von der sauberen Fläche. Die ehemaligen Haustiere, die bei Menschen statt bei ihren Müttern aufgewachsen waren, griffen jedoch deutlich häufiger zum verschmutzt wirkenden Futter als Affen, die im Schutzgebiet von ihren Müttern großgezogen wurden.
Kaufhold hält es für möglich, dass diesen Tieren in jungen Jahren die Gelegenheit fehlte, typisches Vermeidungsverhalten von ihrer Mutter und anderen Gruppenmitgliedern abzuschauen. Diese frühe Prägung könne das Verhalten auch dann noch beeinflussen, wenn die Tiere bereits seit Jahren mit Artgenossen zusammenleben. Für die Forscher unterstreicht das, wie wichtig es ist, junge Primaten in einer artgerechten sozialen Umgebung aufwachsen zu lassen. Zusammen mit dem Befund zur Seuche ergibt sich ein Bild, nach dem die Vorsicht vor Krankheitserregern bei Makaken nicht starr angeboren ist, sondern durch Erfahrungen und das soziale Umfeld geformt wird.
Die Ergebnisse berühren eine alte Frage der Evolutionsforschung: Woher kommt der Ekel? Beim Menschen gilt er als Schutzreaktion, die uns vor Kot, verdorbenem Essen und anderen möglichen Infektionsquellen zurückschrecken lässt. Wie stark diese Reaktion ausfällt, hängt auch von der Situation ab. Dass das Verhaltensimmunsystem beim Menschen eng mit dem körperlichen Immunsystem verknüpft ist, zeigte etwa eine Studie, nach der schon krank aussehende Gesichter das Immunsystem aktivieren. Die Makaken zeigen nun, dass auch das Vermeidungsverhalten von Altweltaffen flexibel ist und sich mit der Erfahrung verändert. Nach Einschätzung der Autoren bildet ein solches flexibles Vermeidungsverhalten die Grundlage, aus der sich der menschliche Ekel entwickelt haben könnte.
Ekel selbst haben die Forscher allerdings nicht gemessen. Sie beobachteten lediglich, wofür sich die Tiere entschieden, nicht was sie dabei empfanden. Ob die Affen angewidert, ängstlich oder einfach wählerischer waren, lässt sich aus den Daten nicht ablesen. Offen ist auch, wie die Vorsicht innerhalb einer Gruppe entsteht. Da Primaten voneinander lernen, halten es die Forscher für möglich, dass sich das Verhalten über soziales Lernen verbreitet und über längere Zeit erhalten bleibt. Künftige Studien könnten prüfen, ob neu in eine betroffene Gruppe eingegliederte Tiere die Vorsicht ihrer Artgenossen übernehmen.
Die Parallele zum Menschen liegt nahe. Während der Corona-Pandemie veränderten viele Menschen ihr Verhalten, auch wenn sie selbst nie erkrankten. Dass eine Pandemie Menschen ohne Infektion prägen kann, legen auch andere Untersuchungen nahe, etwa eine Studie, nach der Gehirne in der Pandemie auch ohne Infektion schneller alterten. Ob das Erleben einer Seuche das Verhalten von Menschen auch lange nach dem Ende der akuten Gefahr beeinflusst, können die Makaken jedoch nicht beantworten. Das betonen die Forscher selbst. Ihre Daten zeigen lediglich, dass erfahrungsabhängige Veränderungen der Krankheitsvermeidung kein rein menschliches Phänomen sind.
Auch die Aussagekraft der Studie selbst ist begrenzt. Untersucht wurden 55 Japanmakaken aus einem einzigen Schutzgebiet, und es gab nur eine einzige Gruppe ohne Ausbruch als Vergleich. Unterschiede zwischen den Gruppen könnten daher auch auf andere Faktoren zurückgehen, etwa auf ihre Zusammensetzung, ihre Rangordnung oder Traditionen, die sich unabhängig von der Seuche entwickelt haben. Da es sich um ein natürliches Experiment handelt, konnten die Forscher die Tiere nicht zufällig auf die Gruppen verteilen. Der Zusammenhang zwischen Ausbruch und Vorsicht ist daher gut beobachtet, aber nicht als Ursache bewiesen. Bestätigen müssten ihn Studien mit weiteren Gruppen, anderen Tierhaltungen und wild lebenden Affen.
Royal Society Open Science, Early-life experience and disease exposure affect pathogen avoidance behaviour in macaques; doi:10.1098/rsos.260011
University of California San Diego, Like Humans, Some Primates Become Cautious of Germs in the Wake of a Viral Outbreak