Im niedersächsischen Schöningen lebten vor mehr als 300.000 Jahren Affen, und zwar rund 1.800 Kilometer nördlich des Gebiets, in dem ihre nächsten Verwandten heute vorkommen. Den Nachweis liefert ein Milchzahn von weniger als einem Zentimeter Länge, der bereits 2004 aus den Ablagerungen eines eiszeitlichen Seeufers geborgen wurde. Erst jetzt haben Forscher aus Tübingen und Leiden das Fundstück genau bestimmt. Es gilt als nördlichster Beleg dieser Primaten in Kontinentaleuropa und zeichnet ein überraschendes Bild vom Leben im mittleren Pleistozän.
Schöningen liegt am Rand des Höhenzugs Elm im Landkreis Helmstedt, und wer an die Fundstelle im früheren Braunkohletagebau denkt, hat meist die berühmten Schöninger Speere vor Augen. Die rund 300.000 Jahre alten Holzwaffen zählen zu den ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt, und nur wenige Holzgeräte aus solch ferner Zeit haben überhaupt überdauert, ähnlich wie 430.000 Jahre alte Holzwerkzeuge aus Griechenland, die ebenfalls im Boden erhalten blieben. Nun rückt ein deutlich kleineres Objekt in den Mittelpunkt, das eine ganz andere Frage aufwirft: Lebten im heutigen Norddeutschland einst Affen? Gemeint sind Makaken, eine Gattung von Primaten, die heute fast ausschließlich in Asien vorkommt. Die einzige Ausnahme ist der Berberaffe, der in Nordafrika heimisch ist und dessen bekannteste europäische Gruppe auf dem Felsen von Gibraltar lebt, die ursprünglich vom Menschen eingeführt wurde. Dass diese Tiere einst auch weiter nördlich zu Hause waren, belegen Fossilien seit Längerem. Wo die nördliche Grenze ihres Vorkommens auf dem europäischen Festland verlief, zeigt nun ein Fund aus Niedersachsen.
Das Pleistozän umfasst das Eiszeitalter, also jenen Abschnitt der Erdgeschichte, in dem sich vor etwa 2,6 Millionen bis vor rund 11.700 Jahren Kaltzeiten und Warmzeiten abwechselten. Für Paläontologen sind Zähne aus dieser Epoche besonders wertvoll, denn Zahnschmelz ist die härteste Substanz im Körper von Säugetieren und übersteht Hunderttausende Jahre im Boden oft besser als Knochen. Zudem tragen Zähne artspezifische Merkmale wie die Form der Höcker und die Anordnung der Wurzeln, sodass schon ein einzelnes Exemplar eine Tiergruppe verraten kann. Milchzähne liefern darüber hinaus Hinweise auf das Alter eines Individuums, weil sie nur in einer bestimmten Lebensphase im Kiefer stehen. Schöningen bietet für solche Untersuchungen außergewöhnliche Bedingungen. Seit Beginn der systematischen Grabungen im Jahr 1992 haben Forscher dort mehr als 40.000 Überreste großer und kleiner Wirbeltiere geborgen. Die organisch reichen Ablagerungen eines früheren Seeufers haben selbst empfindliches Material konserviert und machen den Ort zu einem der wichtigsten Archive für die Tierwelt Mitteleuropas im mittleren Pleistozän.
Geborgen wurde das Fundstück bereits während der Grabungskampagne 2004 aus Seeufersedimenten. Eingeordnet haben es erst jetzt Forscher um Thijs van Kolfschoten von der Universität Leiden und Jordi Serangeli vom Senckenberg Centre for Human Evolution and Palaeoenvironment an der Universität Tübingen. In ihrer in der Fachzeitschrift Quaternary Environments and Humans veröffentlichten Studie beschreiben sie den Zahn als nahezu vollständig erhalten und weniger als einen Zentimeter lang. Es handelt sich um einen Milchbackenzahn eines etwa einjährigen Jungtiers. Die Forscher ordnen ihn der Form Macaca cf. sylvanus zu. Das Kürzel cf. bedeutet, dass die Merkmale sehr gut zum heutigen Berberaffen passen, eine endgültige Artzuweisung anhand eines einzelnen Zahns aber offenbleibt. Stratigrafisch stammt das Stück aus der Schicht 3b2 im Bereich der sogenannten Unteren Berme. Diese Schicht markiert die erste Waldphase nach einer Warmzeit und wird dem Marinen Isotopenstadium 9c zugeordnet, einem Abschnitt des Klimazyklus vor gut 300.000 Jahren.
Die eigentliche Bedeutung des Fundes liegt in seiner Lage. Schöningen befindet sich nach Angaben der Forscher rund 1.800 Kilometer nördlich des heutigen nördlichsten Verbreitungsgebiets der Art. Damit gehört der Zahn zu den nördlichsten Makakenfunden aus dem mittleren Pleistozän und ist der nördlichste bekannte Nachweis dieser Affen auf dem europäischen Festland. Die Fundstelle liegt am Rand des Norddeutschen Tieflands nördlich des Harzes, also in einer Region, die man gemeinhin eher mit Eiszeit und Kälte als mit Primaten in Verbindung bringt. Van Kolfschoten geht davon aus, dass die Tiere in Norddeutschland wahrscheinlich an der Grenze ihres möglichen Lebensraums angekommen waren. Der Fund verschiebt damit die bekannte Nordgrenze der Makaken auf dem Kontinent deutlich. Zugleich liefert er einen festen Bezugspunkt, an dem sich künftige Rekonstruktionen zur Ausbreitung der Art in Europa orientieren können.
Die Gattung Macaca entstand nach Angaben der Forscher vor etwa 16 Millionen Jahren, vermutlich in Nordafrika. Von dort breitete sich der Berberaffe über den gesamten Mittelmeerraum aus und drang weiter nach Norden vor, bis in die heutigen Niederlande und nach Deutschland. Über sehr lange Zeiträume war die Art in Europa weit verbreitet, mehrere Überreste dieser Affen sind sogar aus England bekannt. Begünstigt wurde diese Ausbreitung durch eine bemerkenswerte ökologische Flexibilität. Heutige Makaken ernähren sich überwiegend pflanzlich von Blüten, Früchten, Samen, Keimlingen und Blättern und ergänzen ihren Speiseplan mit Schnecken, Insekten, Fischen, Eiern und kleinen Wirbeltieren. Obwohl sie ökologisch auf Bäume angewiesen sind, verbringen die geselligen, tagaktiven Primaten den größten Teil des Tages am Boden und ziehen sich erst bei Gefahr ins Geäst zurück. Eine solche Mischung aus breitem Nahrungsspektrum und Bodenlebensweise dürfte es den Tieren erleichtert haben, auch lichte, nicht durchgehend bewaldete Landschaften weit außerhalb ihres heutigen Kerngebiets zu besiedeln.
Umweltanalysen der Fundstelle zeichnen ein erstaunlich konkretes Bild. Vor rund 310.000 Jahren erstreckte sich am Ufer des damaligen Sees ein offener Wald mit Beständen aus Birken und Kiefern. Die mittleren Lufttemperaturen im Sommer und im Winter entsprachen nach Angaben von Serangeli in etwa den heutigen, wobei die Winter mindestens ein Grad Celsius kälter ausfielen. Das deutet auf ein ausgeprägteres Kontinentalklima hin, mit stärkeren Gegensätzen zwischen den Jahreszeiten, als sie heute in Niedersachsen üblich sind. Die Schicht mit dem Zahn folgt zeitlich auf die sogenannte Reinsdorf-Warmzeit, deren Ablagerungen dem Marinen Isotopenstadium 9 zugeordnet und auf etwa 325.000 Jahre datiert werden. Die Affen lebten also nicht auf dem Höhepunkt einer Warmzeit mit annähernd mediterranen Bedingungen, sondern in der ersten Waldphase nach deren Ende. Gerade das macht den Nachweis bemerkenswert, denn er zeigt, dass Makaken auch unter kühleren Bedingungen im Norden Europas bestehen konnten.
Die Tiere teilten sich diese Landschaft mit einer vielfältigen Tierwelt. An den schlammigen Ufern des Sees von Schöningen hinterließen Elefanten, Nashörner und Paarhufer ihre Fährten, und zwischen diesen Spuren entdeckten Forscher 2023 auch die ältesten bekannten menschlichen Fußabdrücke Deutschlands, die vermutlich vom Homo heidelbergensis stammen. Aus Schöningen sind zudem Reste der Europäischen Säbelzahnkatze Homotherium latidens bekannt, eines der gefährlichsten Raubtiere jener Zeit. Wie artenreich die Tierwelt Mitteleuropas während des Pleistozäns sein konnte, zeigen auch andere Fundstellen, etwa ein ungewöhnlich massiger Leopard aus Thüringen, der allerdings deutlich später lebte als die Affen von Schöningen. Für ein kleines Jungtier bedeutete eine solche Umgebung mit großen Raubtieren ein beträchtliches Risiko. Umso mehr dürfte der Schutz durch die Gruppe über das Überleben einzelner Tiere entschieden haben.
Dass Makaken in einem Klima mit kälteren Wintern als heute überleben konnten, erscheint zunächst überraschend, passt aber zu dem, was über die heutigen Berberaffen bekannt ist. Ihr aktueller Lebensraum ist zwar von mediterranem Klima mit warmen, trockenen Sommern und relativ feuchten Wintern geprägt, doch die Populationen in den Hochgebirgen Zentralmarokkos erleben im Januar Temperaturen von bis zu minus 22 Grad Celsius. Eine wichtige Strategie gegen die Kälte ist das enge Aneinanderrücken. Berberaffen bilden sogenannte Kuschelgruppen, in denen sie den Wärmeverlust des einzelnen Tiers verringern. Wie die Universität Tübingen in ihrer Mitteilung zum Fund erläutert, kümmern sich bei dieser Art zudem auch Männchen um den Nachwuchs, unabhängig davon, ob sie der Vater sind. Unter Primaten gilt dieses Verhalten als außergewöhnlich. Gerade für ein etwa einjähriges Jungtier, wie es der Zahn aus Schöningen belegt, dürfte eine solche Fürsorge in kalten Wintern überlebenswichtig gewesen sein.
Die heutige Verbreitung der Berberaffen ist deshalb kein verlässlicher Maßstab für ihre klimatischen Grenzen. Rund 8.000 Tiere leben noch frei in Laub- und Nadelwäldern Nordafrikas, verteilt auf kleine und teils voneinander isolierte Rückzugsgebiete. In Marokko sind dies der Mittlere Atlas, der Hohe Atlas und das Rif-Gebirge, in Algerien die Schlucht von Chiffa sowie die Kleine und die Große Kabylei. Nach Einschätzung von Serangeli spiegelt diese zersplitterte Verbreitung vor allem wider, wie viel geeigneter Lebensraum übrig geblieben ist, nicht aber, wo die Affen von Natur aus leben könnten. Der Zahn aus Schöningen stützt diese Sicht. Er zeigt, dass das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Art um ein Vielfaches größer war als das heutige und bis weit in das nördliche Mitteleuropa reichte.
Trotz ihrer Anpassungsfähigkeit ging die Verbreitung der Berberaffen in Europa später dramatisch zurück, bis die Tiere während der letzten Eiszeit auf dem Kontinent vollständig ausstarben. Van Kolfschoten nennt dafür mehrere Ursachen: den Klimawandel, den Verlust des Lebensraums und wahrscheinlich den zunehmenden Druck durch eine andere Primatenart, den frühen Menschen. Damit teilen die Makaken das Schicksal zahlreicher Säugetiere, die das Ende des Pleistozäns in Europa nicht überstanden. Wie viel sich noch heute aus einzelnen Fundstücken über solche Aussterbeprozesse ablesen lässt, zeigt etwa die Forschung zum Ende der Wollnashörner, bei der eine seltene Gewebeprobe neue Einblicke lieferte. Ob die Affen in Norddeutschland nur während einer günstigen Phase vorkamen oder in späteren Warmzeiten erneut einwanderten, lässt sich aus dem bisherigen Fundbestand nicht ableiten. Klar ist lediglich, dass sie am Ende aus ganz Europa verschwanden.
Heute gilt der Berberaffe als stark vom Aussterben bedroht. Sein natürlicher Lebensraum schrumpft nach Angaben der Forscher ununterbrochen, und die Tiere leiden zusätzlich unter einer rücksichtslosen Jagd auf Jungtiere, die anschließend als Haustiere verkauft werden. Serangeli verweist darauf, dass Berberaffen als Primaten zu den engsten Verwandten des Menschen gehören und früher zur biologischen Vielfalt Europas zählten. Der Fund aus Schöningen erhält dadurch eine Bedeutung, die über die Paläontologie hinausgeht. Er macht sichtbar, dass eine heute auf wenige Bergregionen Nordafrikas zurückgedrängte Art einst über Tausende Kilometer hinweg bis nach Niedersachsen verbreitet war. Für den Artenschutz ist diese historische Perspektive aufschlussreich, weil sie zeigt, welche Lebensräume die Tiere nutzen konnten, solange ausreichend Wald und Nahrung vorhanden waren.
So aussagekräftig der Fund ist, so klar sind seine Grenzen. Ein einzelner Zahn belegt die Anwesenheit mindestens eines Tiers, verrät aber nicht, wie groß die damalige Population war, wie lange Makaken in der Region lebten oder ob sie dort ganzjährig heimisch waren. Auch die Artzuordnung bleibt mit dem Zusatz cf. bewusst vorsichtig, weil ein einzelner Milchzahn weniger Merkmale bietet als ein vollständiges Gebiss. Die Altersangabe beruht nicht auf einer direkten Datierung des Zahns, sondern auf der Einordnung der Fundschicht in die Abfolge der Schöninger Ablagerungen, deren Stratigrafie und Datierung Fachleute derzeit ebenfalls neu bewerten. Bemerkenswert ist zudem, dass der Zahn mehr als zwei Jahrzehnte nach seiner Bergung ausgewertet wurde. Das zeigt, wie viele Erkenntnisse noch in den Sammlungen großer Fundstellen stecken können. Weitere Grabungen und die systematische Durchsicht des umfangreichen Materials aus Schöningen könnten klären, ob es zusätzliche Primatenreste gibt und ob sich das Bild eines nördlichen Außenpostens der Affen bestätigt.
Quaternary Environments and Humans, The first primate (Macaca cf. sylvanus) from Schöningen (Germany); doi:10.1016/j.qeh.2026.100116