Antike Musik

In Troja kommt nach 160 Jahren Grabung die erste Flöte ans Licht

 Dennis Lenz

In Troja kommt nach 160 Jahren Grabung die erste Flöte ans Licht
(Symbolbild) In Troja haben Archäologen erstmals in über 160 Jahren Grabungsgeschichte ein Musikinstrument gefunden, eine rund 2.800 Jahre alte Flöte aus Knochen. Sie lag in einer Schicht aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, der Zeit, in der nach verbreiteter Ansicht auch Homers Ilias entstand. Erhalten ist unter anderem der Kopfteil, der noch mit dem Körper der Flöte verbunden ist. Welche Form, Länge und wie viele Grifflöcher das Instrument hat, müssen weitere Untersuchungen zeigen. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

In Troja haben Archäologen eine rund 2.800 Jahre alte Flöte aus Knochen ausgegraben. Es ist das erste und bislang einzige Musikinstrument, das in mehr als 160 Jahren Forschung in der berühmten Ruinenstadt zum Vorschein gekommen ist. Die Knochenflöte stammt aus dem 8. Jahrhundert vor Christus, also aus der Zeit, in der nach verbreiteter Ansicht auch Homers Epen entstanden. Wie das Instrument genau gebaut war und wie es klang, ist allerdings noch nicht untersucht.

Troja gehört zu den bekanntesten Fundorten der Welt, doch Musik hatte dort bisher niemand gefunden. Seit dem 19. Jahrhundert haben Generationen von Ausgräbern den Siedlungshügel im Nordwesten der heutigen Türkei untersucht, von Heinrich Schliemann über Wilhelm Dörpfeld und Carl Blegen bis zum Tübinger Archäologen Manfred Korfmann. Sie stießen auf Mauern, Tore, Keramik, Waffen und Schmuck, aber nie auf ein Instrument. Das hat sich mit der Grabungssaison 2026 geändert. Der türkische Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy gab am 22. Oktober 2026 in den sozialen Medien zwei neue Funde aus Troja bekannt: die Knochenflöte und einen rund 4.500 Jahre alten Kopf eines menschenförmigen Idols.

Die Ausgrabungen leitet Rüstem Aslan von der Çanakkale Onsekiz Mart Üniversitesi. Sie laufen im Rahmen des Programms „Erbe für die Zukunft“ des türkischen Kulturministeriums und werden in diesem Jahr an vier verschiedenen Stellen des Hügels betrieben, die zu unterschiedlichen Epochen der Stadt gehören. Ersoy spricht von einem direkten archäologischen Beleg für die Musikkultur in Troja. Die beiden Funde wurden inzwischen in den Bestand des Troja-Museums aufgenommen.

Die Knochenflöte aus Troja ist das erste Instrument der Grabungsgeschichte

Nach der Erklärung des Ministeriums, die die Nachrichtenagentur Anadolu veröffentlichte, lag die Flöte in einer Siedlungsauffüllung der archaischen Zeit. So nennen Archäologen die Epoche von etwa 750 bis 480 vor Christus. Aslan ordnet die Schicht dem 8. Jahrhundert vor Christus zu, daraus ergibt sich das Alter von rund 2.800 Jahren. Erhalten ist auch der Kopfteil, der noch mit dem Körper der Flöte verbunden ist. Gerade dieser Teil ist wichtig, weil er Hinweise darauf geben kann, wie das Instrument gebaut war und wie man es spielte.

„Wir kennen Musikinstrumente aus vielen Darstellungen von anderen Orten. In der Grabungsgeschichte Trojas ist uns aber zum ersten Mal eine Knochenflöte begegnet“, sagte Aslan im Gespräch mit der türkischen Nachrichtenagentur DHA. Dass Instrumente so selten gefunden werden, hat einen einfachen Grund. Viele wurden aus Holz, Schilfrohr, Leder oder Darm gefertigt, also aus organischen Materialien, die im Boden über die Jahrhunderte zerfallen. Knochen hält sich unter günstigen Bedingungen deutlich länger, doch auch er übersteht die Zeit oft nur in Bruchstücken.

Was über die Flöte noch nicht bekannt ist

Viele Fragen sind noch offen, denn bisher gibt es nur die Mitteilung des Ministeriums und die Aussagen des Grabungsleiters, aber noch keine wissenschaftliche Veröffentlichung. Weder die Länge des Fundes noch die Zahl der Grifflöcher wurden genannt. Auch von welchem Tier der Knochen stammt, ist nicht bekannt. Offen ist zudem, wie genau das Instrument angeblasen wurde. In der griechischen Welt war in archaischer Zeit vor allem der Aulos verbreitet, ein Blasinstrument mit zwei Spielrohren und Rohrblättern, das im Deutschen oft ungenau als Doppelflöte bezeichnet wird. Ob das Stück aus Troja eine einfache Flöte ist, wie die Ausgräber es nennen, lässt sich erst nach genaueren Untersuchungen sicher sagen.

Das Ministerium verweist auf die Vielfalt der Blasinstrumente jener Zeit. Dazu gehörte etwa die Syrinx, die Panflöte, die aus mehreren unterschiedlich langen Röhren aus Knochen oder Schilf zusammengesetzt wurde. Ein Teil der Blasinstrumente war mit dem Kult um Dionysos, den Gott des Weins und des Rausches, und den damit verbundenen Ritualen verknüpft. Musik spielte in der archaischen Zeit nach Angaben des Ministeriums nicht nur bei religiösen Feiern eine Rolle, sondern auch im gesellschaftlichen und öffentlichen Leben. Bei welcher Gelegenheit in Troja auf dieser Flöte gespielt wurde, lässt sich aus dem Fund allein aber nicht ablesen.

Musik aus der mutmaßlichen Entstehungszeit der Ilias

Besonderes Gewicht bekommt der Fund durch seine Datierung. Homer gilt als Dichter von Ilias und Odyssee, und viele Fachleute nehmen an, dass er im 8. Jahrhundert vor Christus lebte und die Epen in dieser Zeit schriftlich festgehalten wurden. „Vor diesem Hintergrund ist es sehr wichtig, dass wir in Troja einen vergleichbaren Fund in einer Schicht des 8. Jahrhunderts gemacht haben“, sagte Aslan mit Blick auf die Musikinstrumente und Ereignisse, die in den Epen beschrieben werden. In der Ilias hört etwa der griechische Heerführer Agamemnon nachts aus dem Lager der Trojaner den Klang von Auloi und Panflöten.

Ein Beweis für den Trojanischen Krieg ist die Flöte dagegen nicht. Die Ereignisse, von denen die Ilias erzählt, spielen in der späten Bronzezeit, also mehrere Jahrhunderte vor der Entstehungszeit der Flöte. Nach den Zerstörungen am Ende des 12. Jahrhunderts vor Christus folgte in der Region eine Phase von rund 400 Jahren ohne schriftliche Quellen. Erst ab dem 8. Jahrhundert vor Christus wurde Troja nach Angaben des Ministeriums im Zusammenhang mit den homerischen Epen wieder zu einem wichtigen kulturellen und heiligen Ort. Die Flöte stammt also aus der Zeit, in der sich die Menschen die Geschichten über die sagenhafte Stadt erzählten, nicht aus der Zeit, von der diese Geschichten handeln.

Aslan wies zudem auf einen Zufall hin. Für Christopher Nolans Kinofilm „Die Odyssee“ sei bei den Vorbereitungen für die Szene mit dem Gesang der Sirenen experimentell mit einer Flöte aus dem 8. Jahrhundert vor Christus Musik erzeugt worden, sagte er. Nun sei in Troja ein vergleichbares Flötenstück aus derselben Epoche aufgetaucht. Einen direkten Zusammenhang zwischen dem Fund und dem Film sieht der Archäologe aber ausdrücklich nicht.

Ein seltener Idolkopf aus der Brandschicht von Troja II

Der zweite Fund ist deutlich älter. Der Idolkopf stammt aus der Zeit um 2500 vor Christus und damit aus der frühen Bronzezeit. Die Archäologen entdeckten ihn im Bereich der Stadteingänge von Troja II, und zwar in einer Brandschicht, also einer Ablagerung, die von einem Feuer zeugt. Troja II ist eine der zehn großen Siedlungsschichten, die im Hügel übereinanderliegen und von den Anfängen im frühen 3. Jahrtausend vor Christus bis ins 13. Jahrhundert nach Christus reichen. Aus dieser Phase stammt auch der sogenannte Schatz des Priamos, den Heinrich Schliemann 1873 fand. In der Zeit von etwa 2500 bis 2300 vor Christus war Troja II ein Zentrum, in dem sich die Verbindungen zwischen Anatolien und der Ägäis verdichteten.

Nach Aslans Worten handelt es sich um ein Kultobjekt. „In 160 Jahren Ausgrabung in Troja liegt die Zahl vergleichbarer Funde bei drei bis fünf“, sagte er. Wichtige Daten für die Grabungsgeschichte liefere der Kopf auch deshalb, weil er direkt in seiner Schicht entdeckt wurde. Ein Objekt aus einer genau dokumentierten Ablagerung lässt sich mit den übrigen Spuren aus derselben Zeit vergleichen, etwa mit Keramik oder Hinweisen auf das Feuer, das die Schicht hinterlassen hat. Wie groß der Kopf ist und aus welchem Material er besteht, geht aus den Mitteilungen nicht hervor.

Kleine menschenförmige Idole gelten als typische Funde des westlichen Anatoliens im 3. Jahrtausend vor Christus. Vergleiche mit ähnlichen Stücken aus Troja und aus anderen Orten der Region sollen zeigen, wie solche Figuren hergestellt und verwendet wurden und welche kulturellen Kontakte es gab. Wie reich Anatolien an Zeugnissen früher Handwerkskunst ist, zeigt etwa auch die älteste Kupferwerkstatt Anatoliens.

Warum Troja nach 160 Jahren immer noch überrascht

Knochenflöten an sich sind keine Seltenheit in der Archäologie. Die ältesten bekannten Exemplare stammen aus Höhlen der Schwäbischen Alb und sind rund 40.000 Jahre alt. Auch in Anatolien gibt es deutlich ältere Knochenflöten als jene aus Troja, wie Aslan selbst betont. Die Bedeutung des neuen Fundes liegt deshalb nicht in seinem Alter, sondern in seinem Fundort. Für Troja ist die Flöte der erste greifbare Hinweis darauf, wie dort Musik gemacht wurde, nachdem man Instrumente zuvor nur aus Darstellungen und Texten anderer Orte kannte.

Beide Funde erzählen von einer Stadt, die über Jahrtausende zwischen Anatolien und der Ägäis lag und immer wieder neu besiedelt wurde. Wie weit Handelsnetze schon in der Bronzezeit reichten, zeigt etwa der Zinnhandel zwischen Asien und Europa. Die Ausgräber wollen beide Funde nun wissenschaftlich untersuchen und konservieren. Erst die genaue Analyse der Flöte dürfte zeigen, wie sie gebaut wurde und ob sich vielleicht sogar ihr Klang rekonstruieren lässt. Die Grabungen in Troja gehen weiter.

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