Eine Kupferwerkstatt aus der Jungsteinzeit ist in der Türkei in einem Zustand freigelegt worden, der in der Vorgeschichtsforschung als Ausnahme gilt. Auf einer gepflasterten Arbeitsfläche von rund fünf Quadratmetern lagen Rohmaterial, halbfertige Stücke und fertige Erzeugnisse nebeneinander. Damit lässt sich erstmals eine vollständige Produktionskette dieser Epoche vom Ausgangsstoff bis zum Endprodukt nachvollziehen. Die Datierung reicht in eine Zeit zurück, in der Metall überhaupt erst als Werkstoff entdeckt wurde.
Çayönü Tepesi liegt im Bezirk Ergani in der südostanatolischen Provinz Diyarbakır, auf einer Schwemmlandterrasse am Fuß des Taurusgebirges. Die Siedlung gehört zu den bedeutendsten Fundplätzen für den Übergang von der Jäger- und Sammlerlebensweise zu festen Dörfern mit Ackerbau und Viehhaltung und war zwischen etwa 8600 und 6800 vor Christus bewohnt. Bekannt wurde sie vor allem durch eine lückenlos dokumentierte Abfolge von Hausformen, darunter Bauten mit rostartigen Fundamenten und Gebäude mit kleinteiligen Zellenkammern, sowie durch ein Bauwerk, in dem zahlreiche menschliche Schädel niedergelegt waren. Bereits frühere Grabungen belegten hier den Umgang mit Kupfer und Malachit ab etwa 9100 vor Christus.
Die nun vorgestellte Kupferwerkstatt wurde in der Grabungssaison 2026 im westlichen Bereich der Siedlung entdeckt, unter der Leitung von Savaş Sarıaltun von der Çanakkale Onsekiz Mart Üniversitesi. Der türkische Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy machte den Fund öffentlich und ordnete ihn als einen der wichtigsten Funde der laufenden Kampagne ein. Datiert wird der Befund auf den Zeitraum zwischen 6900 und 6800 vor Christus, womit die Werkstatt in die Schlussphase der Besiedlung fällt. Der Zeitrahmen ist deshalb bemerkenswert, weil er zusammen mit den älteren Nachweisen eine Tradition der Mineralverarbeitung über rund zweitausend Jahre an ein und demselben Ort belegt.
Der eigentliche Wert des Befundes liegt in seiner Vollständigkeit. Im Zentrum der etwa fünf Quadratmeter großen Fläche lag eine sorgfältig gesetzte Pflasterung aus flachen Steinen, also eine bewusst hergerichtete Arbeitsunterlage. Rundherum wurden mindestens sechs Pfostenlöcher dokumentiert, was auf eine leichte Überdachung oder ein Sonnendach schließen lässt. Allein im Zentrum fanden sich achtzehn Malachitstücke, im weiteren Umfeld kamen noch einmal rund zwei Dutzend hinzu, sodass die Gesamtzahl der Malachit- und Kupferfunde aus dem Arbeitsbereich bei etwa 42 liegt. Entscheidend ist, dass diese Stücke verschiedene Bearbeitungsstufen abdecken: unbearbeitetes Rohmaterial, angearbeitete Zwischenstufen sowie fertige Kupferperlen und weitere kleine Erzeugnisse.
Aus dieser Anordnung lässt sich mehr ableiten als aus einer noch so großen Zahl verstreuter Einzelfunde. Ein baulich abgegrenzter, überdachter und gepflasterter Bereich, in dem sämtliche Stufen einer Verarbeitung nebeneinanderliegen, spricht für eine bewusst eingerichtete Produktionsstätte und damit für eine Form von Arbeitsteilung. Die Herstellung war offenbar nicht etwas, das nebenbei im Wohnhaus geschah, sondern ein Vorgang mit eigenem Ort. Das ist für diese frühe Phase keineswegs selbstverständlich, denn spezialisiertes Handwerk gilt üblicherweise als Erscheinung deutlich späterer Gesellschaften. Ergänzend fand sich im westlichen Siedlungsbereich hochwertige Keramik, die der Proto-Hassuna-Kultur zugeordnet wird und zeitlich zur Werkstatt passt. Die offizielle Darstellung des Fundes hat die staatliche türkische Nachrichtenagentur veröffentlicht, einschließlich der Angaben des Ministeriums.
Ein zentraler Punkt ist bislang ungeklärt und wird derzeit archäometrisch untersucht. Kupfer lässt sich auf zwei grundsätzlich verschiedene Weisen bearbeiten. In der einfacheren Variante wird gediegenes Kupfer, das in reiner Form im Gestein vorkommt, kalt oder leicht erwärmt in die gewünschte Form gehämmert. Das ist handwerklich anspruchsvoll, aber technisch noch keine Metallurgie. In der zweiten Variante wird das Metall unter Hitze aus einem Erz herausgelöst, wofür Temperaturen von über tausend Grad Celsius und eine sauerstoffarme Umgebung nötig sind. Dieser Schritt gilt als eigentlicher Beginn der Metallverarbeitung. Welche der beiden Techniken in Çayönü angewandt wurde, entscheidet über die Einordnung des Fundes und lässt sich nur durch Analyse der Materialzusammensetzung klären. Weitere Angaben dazu hat ein auf anatolische Archäologie spezialisiertes Fachportal zusammengetragen.
Unabhängig vom Ausgang dieser Prüfung verschiebt der Fund die Perspektive auf die Frühzeit des Metalls. Die verbreitete Vorstellung eines klaren Übergangs von der Stein- zur Metallzeit hält der Befundlage seit Langem nicht stand. Tatsächlich wurde über Jahrtausende parallel mit Stein, Knochen, Holz und Kupfer gearbeitet, wobei Metall zunächst überwiegend für Schmuck und kleine Gegenstände diente, nicht für Werkzeuge. Kupferperlen wie die nun gefundenen passen genau in dieses Bild. Wie hoch das handwerkliche Niveau in dieser Region bereits sehr früh war, zeigt sich auch an späteren Zeugnissen, etwa daran, dass etruskische Bronze nach 2500 Jahren noch fast unversehrt glänzt.
Çayönü wird seit den 1960er Jahren untersucht, ursprünglich in einem gemeinsamen Vorhaben türkischer und amerikanischer Institutionen. Über Jahrzehnte hinweg lieferte der Ort einen der besten Einblicke in die schrittweise Sesshaftwerdung Vorderasiens. Dass eine so lange erforschte Fläche noch einen Befund dieser Art hergibt, hat mit veränderten Grabungstechniken zu tun: Feinere Freilegung, systematisches Sieben des Aushubs und die vollständige dreidimensionale Erfassung jedes Fundstücks machen Zusammenhänge sichtbar, die früher unbemerkt blieben. Kleine grüne Bruchstücke von wenigen Millimetern Größe wären mit den Methoden der 1960er Jahre kaum aufgefallen.
Damit reiht sich der Fund in eine Entwicklung ein, die sich in der Vorgeschichtsforschung insgesamt beobachten lässt. Immer häufiger stammen die aussagekräftigsten Ergebnisse nicht aus spektakulären Einzelstücken, sondern aus der genauen Dokumentation gewöhnlicher Arbeitsspuren. Wie weit die technischen und gestalterischen Fähigkeiten früher Menschen dabei zurückreichen, zeigen etwa auch Gravuren auf Straußeneiern aus einer Zeit vor 60.000 Jahren. Für Çayönü bedeutet der aktuelle Befund vor allem, dass die Grabung nach über sechs Jahrzehnten noch immer grundlegende Fragen beantworten kann.