In der Höhle Cova Dones in der spanischen Provinz Valencia haben Archäologen mindestens 120 römische Inschriften dokumentiert, bislang waren dort nur rund 15 bekannt. Damit beherbergt die Höhle nach Angaben der Forscher die größte bekannte Sammlung lateinischer Inschriften in einem Höhlenheiligtum des gesamten Römischen Reiches. Fünf Weihinschriften nennen eine Göttin, die als Domina verehrt wurde, also als „die Herrin“. Mehrere Frauennamen und zahlreiche Spinnwirtel deuten darauf hin, dass Frauen in diesem Kult eine aktive Rolle spielten. Die Lesungen sind allerdings noch vorläufig und viele Texte werden noch untersucht.
Die Cova Dones liegt bei der Gemeinde Millares im Karstgebiet von Cortes und Millares, unweit der Schlucht des Flusses Júcar. Die Höhle ist rund 500 Meter lang, besitzt einen breiten Eingang und verläuft fast eben, außerdem führt sie dauerhaft Wasser. Seit 2023 untersucht sie das Forschungsprojekt DONARQ unter der Leitung von Aitor Ruiz-Redondo von der Universität Zaragoza und der University of Southampton sowie Virginia Barciela von der Universität Alicante. Die neuen römischen Inschriften stammen aus einer Grabungskampagne im Mai und Juni 2026. Die Lesungen übernahmen die Althistorikerin Silvia Alfayé von der Universität Zaragoza und der Epigrafiker Sergio García-Dils von der Fernuniversität UNED in Sevilla, der zugleich die Spanische Schule für Speläologie leitet.
Die meisten der Texte stammen nach der bisherigen Einschätzung aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. Sie befinden sich in einem einzigen Raum, den das Team als „Römisches Heiligtum“ bezeichnet und der mehr als 200 Meter vom Höhleneingang entfernt im Inneren des Berges liegt. Die University of Southampton beschreibt die Kammer als außergewöhnlich, weil dort Felsinschriften und Opfergaben noch an ihrem ursprünglichen Platz erhalten sind. In der Zählung des Teams ist die Zahl der bekannten Texte damit von etwa 15 auf mindestens 120 gestiegen.
Dass die Zahl der Inschriften so stark gestiegen ist, liegt vor allem an der Technik. Die Texte sind mit bloßem Auge nach Angaben der Forscher nur äußerst schwer zu erkennen, denn es handelt sich um dünne, in den Kalkstein geritzte Buchstaben, die sich kaum von natürlichen Kratzern und Rissen abheben. Das Team setzte deshalb hochauflösende Photogrammetrie ein. Bei diesem Verfahren entstehen aus vielen überlappenden Fotos dreidimensionale Modelle der Felsoberfläche, in denen sich auch flache Rillen sichtbar machen lassen. So fanden die Forscher nicht nur bislang übersehene Texte, sondern konnten auch Ritzungen trennen, die zuvor für Teile ein und derselben Inschrift gehalten worden waren.
Die Inschriften verteilen sich über Wände und Decke der Kammer. Den Boden prägen kleine natürliche Becken aus Kalksinter, die Höhlenforscher als Gours bezeichnen. Sie halten das Wasser fest, das durch das Höhlensystem sickert. In diesen Becken legten die Besucher des Heiligtums offenbar ihre Opfergaben ab. Bei der jüngsten Kampagne dokumentierten die Archäologen dort unter anderem zwei Bronzeringe, ein Armband, kelchförmige Gefäße, Spinnwirtel, Keramikscherben und Tierreste. Schon früher war in dem Heiligtum eine römische Münze aus der Regierungszeit von Kaiser Claudius entdeckt worden, die als Opfergabe in einer Felsspalte neben einem Tropfstein steckte.
Den wichtigsten inhaltlichen Befund liefern fünf Weihinschriften. Solche Texte hinterließen Gläubige in der römischen Welt häufig, wenn sie einer Gottheit ein Gelübde abgelegt hatten oder sich für erhoffte Hilfe bedanken wollten. Wie bei dem römischen Altar, der bei Niedrigwasser aus der Donau auftauchte, verraten solche Weihungen, an wen sich die Menschen wandten. In der Cova Dones richten sich alle fünf Texte an eine Göttin, die ehrfürchtig Domina genannt wurde. „Dank einer Gruppe von fünf Weihinschriften können wir jetzt mit Sicherheit sagen, dass in der Höhle während der Römerzeit eine Göttin verehrt wurde, die ehrfürchtig als Domina bezeichnet wurde, und dass Frauen eine aktive Rolle in ihrem Kult spielten“, sagt Silvia Alfayé.
In drei der fünf Inschriften lässt sich außerdem das Wort MALACI lesen. Nach Angaben der Universität Zaragoza handelt es sich um einen Beinamen, der bislang für keine Gottheit belegt ist. Er könnte mit Wasser zusammenhängen, doch die endgültige Lesung steht noch aus. Für Sergio García-Dils zeigt schon die Zahl der Weihungen, dass es sich nicht um gelegentliche Besuche mit allgemeinem religiösem Zweck handelte. Mindestens fünf Inschriften für dieselbe Gottheit sprechen seiner Einschätzung nach für einen Kult um eine bestimmte Göttin mit einem eigenen Kulttitel. Dass sich die Texte in einem klar begrenzten Bereich weit vom Eingang entfernt häufen, deutet zudem auf einen organisierten Kult hin.
Wer genau die Domina von Dones war, bleibt offen. Das Team prüft nach eigenen Angaben mehrere Deutungen der Beinamen. Fest steht, dass die Höhle schon vor den Römern ein Kultort war. Bereits in den 1960er Jahren fanden Forscher dort zahlreiche Keramikscherben aus iberischer Zeit, und spätere Untersuchungen sprechen für eine besonders intensive Nutzung zwischen dem fünften und dritten Jahrhundert vor Christus. Ob die Domina eine ältere einheimische Gottheit unter einem lateinischen Namen war, lässt sich aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht ableiten.
Besonders auffällig ist der Anteil von Frauen. Unter den bislang gelesenen Texten finden sich mehrere weibliche Namen, und nach den vorläufigen Lesungen ritzten zumindest einige Frauen ihre Gelübde selbst in den Fels, statt sie von einem Vermittler schreiben zu lassen. In der römischen Gesellschaft war das ungewöhnlich. Zum Vergleich nennen die Forscher das Höhlenheiligtum La Griega, das mit 107 Inschriften bislang die größte bekannte Sammlung dieser Art besaß. Dort erwähnt nur eine einzige Inschrift einen Frauennamen. Auch in anderen Höhlen kommen Frauennamen vor, doch sie bleiben gegenüber den Männern als Stiftern deutlich in der Minderheit.
Ein zweites Indiz liefern die Funde am Boden. Die zahlreichen Spinnwirtel, kleine durchbohrte Scheiben aus Ton oder Stein, die als Schwunggewicht auf eine Handspindel gesteckt wurden, weisen nach Einschätzung des Teams auf geopferte Spindeln hin. Das Spinnen von Garn galt in der Antike als typisch weibliche Tätigkeit. „Diese Belege passen bemerkenswert gut zu den epigrafischen Daten, die auf eine aktive Beteiligung von Frauen am rituellen Leben des Heiligtums hinweisen“, sagt Virginia Barciela. Der Zusammenhang ist allerdings eine Deutung: Spinnwirtel allein belegen nicht, wer sie in die Becken gelegt hat.
Barciela verweist zudem auf den Namen der Höhle. Schon der Naturforscher Antonio José Cavanilles beschrieb sie Ende des 18. Jahrhunderts als Cova de les Dones, was auf Deutsch „Höhle der Frauen“ bedeutet. Es sei möglich, dass sich in diesem Ortsnamen die Erinnerung an einen Ort erhalten hat, der lange mit Frauen oder mit weiblichen übernatürlichen Wesen verbunden war. Belegen lässt sich eine solche Überlieferung über fast zwei Jahrtausende hinweg allerdings nicht, die Forscherin formuliert sie ausdrücklich als Möglichkeit.
Bekannt geworden war die Cova Dones zunächst durch ganz andere Funde. 2021 entdeckten Barciela, Ruiz-Redondo und Ximo Martorell bei einem Besuch zufällig altsteinzeitliche Malereien. In einer im Fachjournal Antiquity veröffentlichten Studie beschrieb das Team die Höhle als Fundort der größten bekannten Ansammlung altsteinzeitlicher Felskunst im Osten der Iberischen Halbinsel. Inzwischen sind dort mehr als 150 Darstellungen dokumentiert, darunter Pferde, Hirsche und Auerochsen. Einige sind mindestens 24.000 Jahre alt, die genauen Datierungen laufen noch. Rund 100 Motive malten die Menschen mit Lehm, eine in Europa selten belegte Technik. Wie schwer solche Spuren mitunter zu erkennen sind, zeigt auch die 17.100 Jahre alte Höhlenkunst in Wales, die lange als Naturfleck galt.
2025 stießen die Forscher außerdem auf mehr als 100 sogenannte Speleofakte. So bezeichnen Archäologen Tropfsteine, die Menschen absichtlich abgebrochen, versetzt oder zu Strukturen wie Ringen und Stufen zusammengestellt haben. Nach Angaben der Universität Zaragoza liegt die Cova Dones damit in dieser Kategorie weltweit an zweiter Stelle hinter der französischen Höhle Saint-Marcel. Ruiz-Redondo vermutet, dass die Höhle wegen ihres dauerhaft vorhandenen Wassers, ihrer besonderen unterirdischen Landschaft oder ihres leichten Zugangs über Jahrtausende ein Bezugspunkt für die Menschen der Region blieb.
Römische Heiligtümer kennt die Forschung vor allem als Tempel, Altäre und heilige Haine. Auch in Deutschland tauchen solche Kultorte immer wieder auf, etwa der Tempel des Mars, der wenige Zentimeter unter dem Taunuswald liegt. Höhlenheiligtümer mit erhaltenen Inschriften sind dagegen selten, und dass Felstexte und Opfergaben gemeinsam an Ort und Stelle überdauert haben, gilt nach Angaben des Teams als außergewöhnlich. Gerade diese Kombination könnte es ermöglichen, Rituale genauer zu rekonstruieren: Wer kam in die Kammer, was wurde dort abgelegt und an wen richteten sich die Bitten.
Noch sind viele Fragen offen. Die Zahl von mindestens 120 Inschriften ist ein vorläufiges Ergebnis, zahlreiche Texte werden noch gelesen, und eine Fachpublikation zu den neuen Inschriften liegt bislang nicht vor. Große Teile der Höhle sind zudem noch nicht im Detail untersucht. Parallel ist ein Programm zum Schutz der Fundstätte geplant. Dazu gehören ein gesicherter Zugang, Sicherheitsvorkehrungen, ein digitaler Zwilling der Höhle und virtuelle Rundgänge, damit Interessierte die Cova Dones künftig auch ohne Besuch vor Ort erkunden können.
University of Southampton, Largest collection of Roman cave inscriptions discovered
Universidad de Zaragoza, Cova Dones podría convertirse en el santuario en cueva con más inscripciones latinas del Imperio Romano
Antiquity, Cova Dones: a major Palaeolithic cave art site in eastern Iberia; doi:10.15184/aqy.2023.133
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