Dennis L.
Rote Linien in einer Höhle in Wales galten lange als natürliche Mineralspuren. Neue Analysen zeigen nun, dass sie von Menschen aufgetragen wurden und mindestens 17.100 Jahre alt sind. Die Höhlenkunst in Bacon Hole auf der Gower Peninsula wird damit als früheste bekannte Felskunst Großbritanniens und Nordwesteuropas eingeordnet. Für die Archäologie ist der Befund besonders stark, weil moderne Datierung ein fast vergessenes Urteil aus dem 20. Jahrhundert korrigiert.
Höhlenkunst gehört zu den eindrücklichsten Spuren früher menschlicher Kultur, obwohl viele Funde auf den ersten Blick kaum spektakulär erscheinen. Nicht jedes Werk zeigt Tiere, Hände oder große Szenen. Manchmal sind es nur Linien, Punkte, Pigmentreste oder kleine Farbflächen, die tief in einer Höhle überdauern und erst durch moderne Methoden lesbar werden. Genau deshalb ist der neue Befund aus Wales archäologisch wichtig. Er zeigt, wie leicht frühe Felskunst übersehen oder falsch bewertet werden kann, wenn Pigment, Mineralablagerung und natürliche Verfärbung ähnlich aussehen. Die Bacon Hole genannte Kalksteinhöhle liegt an der Küste der Gower Peninsula und war schon lange als Fundort mit eiszeitlichen Tierknochen bekannt. Nun rückt sie erneut in den Mittelpunkt, weil rote Streifen an der Wand nicht mehr als geologische Zufälligkeit gelten, sondern als absichtlich geschaffene Zeichen aus dem späten Pleistozän.
Die Datierung solcher Spuren ist schwierig, weil das Pigment selbst oft nicht direkt datiert werden kann. Forscher untersuchen deshalb mineralische Schichten, die sich über oder unter der Farbe gebildet haben. Bei Kalkhöhlen entstehen solche Ablagerungen aus Wasser, das gelöste Mineralien transportiert und langsam wieder absetzt. Wenn eine Kalzitschicht über einer Farbschicht liegt, liefert sie ein Mindestalter für die darunterliegende Malerei. Genau hier setzt die Uran-Thorium-Datierung an. Sie nutzt den radioaktiven Zerfall von Uran-Isotopen zu Thorium-Isotopen und erlaubt Altersbestimmungen an dünnen Karbonatkrusten. Für die Archäologie ist diese Methode besonders wertvoll, weil sie Funde ohne organisches Material zeitlich einordnen kann und damit Aussagen ermöglicht, die mit klassischer Radiokarbondatierung nicht erreichbar wären.
Die Geschichte des Fundes beginnt nicht erst mit der neuen Studie. Bereits 1912 untersuchten William Sollas und Henri Breuil die roten Streifen in Bacon Hole und hielten sie für paläolithische Felskunst. Ihre Deutung setzte sich jedoch nicht dauerhaft durch. In den folgenden Jahren überwog die Einschätzung, die Linien seien keine Höhlenkunst, sondern natürliche Verfärbungen durch rotes Eisenoxid im Gestein. Nach 1928 verschwand der Fund weitgehend aus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, obwohl die Höhle weiterhin als bedeutender prähistorischer Ort galt. Die neue Untersuchung, die im Fachjournal Quaternary veröffentlicht wurde, bewertet genau diese alten Markierungen nun neu und verbindet historische Dokumentation mit aktuellen Laboranalysen.
Das Forschungsteam untersuchte die sichtbaren Pigmentflächen in der Höhle mit hochauflösender Fotografie, digitaler Bildverstärkung, Raman-Spektroskopie und Datierungen an Kalzitüberzügen. Dabei zeigte sich, dass die roten Linien nicht zufällig verteilt sind. Sie liegen als horizontale, relativ gleichmäßig angeordnete Streifen an der Felswand und folgen einem Muster, das besser zu absichtlicher menschlicher Handlung passt als zu natürlichem Ausbluten von Mineralien. Chemisch ist Hämatit ein zentraler Bestandteil des roten Pigments. Dieses eisenreiche Mineral wurde in vielen frühen Kulturen als roter Farbstoff verwendet. Der Fund steht damit in einer langen Tradition früher Markierungen, zu der auch andere Formen von früher Höhlenkunst gehören, auch wenn die walisischen Linien deutlich jünger sind als die ältesten bekannten Beispiele weltweit.
Die neuen Alterswerte ordnen die roten Linien in eine Zeit vor rund 17.100 Jahren ein. Damals befand sich Nordwesteuropa am Ende einer kalten Phase der letzten Eiszeit. Die heutige Küstenlandschaft am Bristol Channel sah völlig anders aus, die Vegetation war spärlich und große Tiere nutzten offene Landschaften als Weidegebiete. Für mobile Jäger und Sammler konnten Höhlen an der Gower Peninsula Schutzräume, Orientierungspunkte oder besondere soziale Orte sein. Die Mitteilung von National Trust Cymru nennt Bacon Hole deshalb einen der wichtigsten prähistorischen Fundorte Europas. Die Organisation verwaltet den Ort und verweist darauf, dass die Höhle wegen ihrer Lage an Küstenklippen nicht sicher öffentlich zugänglich ist.
Besonders wichtig ist die zeitliche Einordnung im Vergleich zu anderen britischen Fundorten. Bisher bekannte Beispiele paläolithischer Felskunst in Großbritannien sind jünger oder nicht so eindeutig datiert. Die roten Streifen aus Bacon Hole liegen nach der aktuellen Analyse mindestens 1.500 Jahre vor anderen bekannten Felskunstfundorten in Nordwesteuropa. Dadurch verschiebt sich nicht die globale Geschichte der Kunst, wohl aber die regionale Geschichte früher symbolischer Handlungen im Gebiet der Britischen Inseln. Die Linien sind keine figürliche Tierdarstellung, sondern ein abstraktes Muster. Genau das macht ihre Bedeutung offen. Sie könnten Markierungen, Zeichen, ein sozialer Code oder Teil einer rituellen Handlung gewesen sein. Eine sichere Deutung ist nicht möglich, doch der Befund zeigt, dass Menschen in dieser Landschaft Felsflächen bewusst gestalteten.
Der Fall zeigt deutlich, wie stark archäologische Bewertungen von den verfügbaren Methoden abhängen. Anfang des 20. Jahrhunderts konnten Forscher Pigmente, Mineralüberzüge und mikroskopische Schichtfolgen nur begrenzt analysieren. Was wie ein natürlicher Fleck aussah, ließ sich kaum belastbar von menschengemachter Farbe unterscheiden. Heute können Untersuchungen an winzigen Proben die Zusammensetzung des Pigments, die Struktur der Kalzitschichten und das Alter der Ablagerungen genauer bestimmen. Diese Entwicklung verändert nicht nur einzelne Funde, sondern auch ältere Forschungsgeschichten. Bacon Hole zeigt, dass eine verworfene Beobachtung wieder relevant werden kann, wenn neue Methoden eine alte Frage präziser beantworten. Für die Forschung zur alten Höhlenkunst ist das besonders bedeutsam, weil viele Spuren unscheinbar, beschädigt oder durch jüngere Einflüsse überprägt sind.
Gleichzeitig bleibt die Deutung vorsichtig. Die Studie zeigt stark, dass die roten Linien menschengemacht sind und ein hohes Alter besitzen. Sie erklärt aber nicht abschließend, was die Zeichen bedeuteten oder wie oft die Höhle von Menschen genutzt wurde. Solche Fragen lassen sich nur durch weitere Untersuchungen an Pigmenten, Sedimenten, Tierknochen, Werkzeugspuren und dem räumlichen Zusammenhang beantworten. Trotzdem ist der aktuelle Befund nachrichtenstark, weil er eine klare Korrektur liefert: Ein Fund, der fast ein Jahrhundert lang als Naturfleck galt, gehört nun zu den wichtigsten Belegen früher Felskunst in Nordwesteuropa. Bacon Hole wird dadurch nicht nur als Höhle mit eiszeitlichen Spuren sichtbar, sondern als Ort, an dem Menschen am Ende der Eiszeit Zeichen hinterließen, die moderne Forschung erst jetzt zuverlässig lesen kann.
Quaternary, Rediscovered Late Upper Palaeolithic Painted Imagery at Bacon Hole Gower Peninsula South Wales; doi:10.3390/quat9030043