Im östlichen Taunus haben Archäologen im Lagerdorf des Römerkastells Kapersburg einen Tempel des Mars entdeckt. Zwei Weihesteine, eine Statuette der Siegesgöttin Victoria und Fragmente einer weiteren Figur ergänzen den Fund. Erhalten blieb das Heiligtum, weil der Wald die römischen Schichten über Jahrhunderte vor dem Pflug schützte. Eine unscheinbare Gewandnadel wirft zudem die Frage auf, wer den Ort nach dem Abzug der Römer aufsuchte.
Das Kastell Kapersburg gehört zu den besterhaltenen Kastellen des Obergermanisch-Raetischen Limes in Hessen. Der Limes war die befestigte Grenze des Römischen Reiches, die sich über mehr als 500 Kilometer durch das heutige Deutschland zog und seit 2005 zum Welterbe der UNESCO zählt. Entlang dieser Linie standen Wachtürme, Palisaden und Kastelle, in denen Truppen stationiert waren. Rund 150 Jahre lang lag in der Kapersburg eine Hilfstruppe namens Numerus Nidensium. Ihr Name verweist auf das antike Nida, die römische Stadt im heutigen Frankfurt-Heddernheim. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts gaben die Römer das Kastell im Zusammenhang mit dem sogenannten Limesfall auf, als das Reich die Gebiete rechts des Rheins räumte. Der Tempel des Mars gehört zu dem Dorf, das sich in dieser Zeit neben dem Kastell entwickelt hatte.
Ein solches Lagerdorf bezeichnen Archäologen als Vicus. Hier lebten Händler, Handwerker, Gastwirte und vermutlich auch die Familien der Soldaten, die im Kastell Dienst taten. Frühere Untersuchungen an der Kapersburg konzentrierten sich vor allem auf die militärische Anlage selbst. Seit 2024 nehmen die hessenARCHÄOLOGIE des Landesamts für Denkmalpflege und das Seminar für Provinzialrömische Archäologie der Universität Frankfurt gezielt das angrenzende Dorf in den Blick. Die Grabungen zeigen ein Bild, das deutlich vielfältiger ist als der militärische Alltag im Kastell: Neben Wohnhäusern und Werkstätten gab es offenbar auch Orte der Verehrung, an denen Soldaten und Zivilisten ihren Göttern Gaben darbrachten. Die jüngste Kampagne lieferte dafür nun den bislang deutlichsten Beleg.
Ein Grund für die außergewöhnlichen Funde liegt in der Lage. Der Vicus befindet sich in den bewaldeten Ausläufern des Taunus, wo über die Jahrhunderte keine Landwirtschaft betrieben wurde. Auf Äckern zerstört der Pflug Jahr für Jahr die obersten Bodenschichten und vermischt sie, sodass römische Befunde oft nur noch in tieferen Lagen erhalten sind. Im Wald dagegen blieben die Schichten weitgehend unberührt. An der Kapersburg beginnen sie teilweise nur wenige Zentimeter unter dem heutigen Waldboden. Bezirksarchäologe und Limeskoordinator Kai Mückenberger beschreibt die Erhaltungsbedingungen als in Hessen nahezu einzigartig, weil der Wald die Spuren konserviert und Schichten bewahrt habe, die andernorts längst verschwunden seien.
Diese Nähe zur Oberfläche ist für die Archäologen Chance und Herausforderung zugleich. Einerseits lassen sich Mauerzüge, Böden und Fundstücke mit vergleichsweise geringem Aufwand freilegen. Andererseits sind sie durch Wurzeln, Erosion und unbefugte Sondengänger gefährdet, wenn sie nicht rechtzeitig dokumentiert werden. Die Grabungen dienen deshalb nicht nur der Forschung, sondern auch der Sicherung eines Bodendenkmals, das zum Welterbe gehört. Jede Kampagne liefert dabei neue Puzzleteile, aus denen sich nach und nach die Struktur des Dorfes zusammensetzen lässt, von den Straßen über die Werkstätten bis zu den Heiligtümern. Gerade die geringe Überdeckung macht den Ort zu einem der aufschlussreichsten Abschnitte des Limes in Hessen.
Zu den zentralen Befunden der aktuellen Grabung gehört ein römischer Tempel, der mutmaßlich dem Kriegsgott Mars geweiht war. Für eine Grenzgarnison ist diese Wahl naheliegend, denn Mars galt als Schutzherr der Soldaten und des Krieges. Neben den Mauerresten des Gebäudes barg das Grabungsteam zwei Weihesteine. Solche Steine stellten Gläubige auf, um ein Gelübde einzulösen oder einer Gottheit für Schutz und Erfolg zu danken, häufig mit einer Inschrift, die den Stifter und den Anlass nennt. Hinzu kommt eine Victoria-Statuette, eine Darstellung der Siegesgöttin, die eng mit dem Kriegsgott verbunden war. Fragmente einer weiteren Statue könnten nach Einschätzung der Archäologen von einem Bild des Mars selbst stammen.
Die Inschriften der beiden Weihesteine werden derzeit gemeinsam mit dem Archäologen Markus Scholz von der Universität Frankfurt untersucht. Scholz hatte bereits die Inschrift eines Weihesteins übersetzt, der im vergangenen Jahr an der Kapersburg entdeckt worden war. Dieser Fund ist inzwischen im Wehrturm-Museum in Rosbach vor der Höhe ausgestellt. Inschriften gehören zu den wertvollsten Quellen der Provinzialarchäologie, weil sie Namen, Ränge, Herkunft und religiöse Vorstellungen der Menschen am Limes direkt überliefern. Ob die neuen Steine von Soldaten der Garnison, von Offizieren oder von Bewohnern des Dorfes gestiftet wurden, ist noch offen. Die Auswertung könnte zeigen, wer im Tempel des Mars betete und welche Anliegen die Menschen an der Grenze des Reiches bewegten.
Ein besonders spannender Fund ist zugleich einer der kleinsten. Im Bereich des Tempels entdeckten die Archäologen eine spätantike Fibel, also eine Gewandnadel, die zum Verschließen der Kleidung diente. Dazu kommen Fragmente handgemachter Keramik, die sich von der typischen römischen Ware unterscheidet. Beide Funde deuten darauf hin, dass das Gelände auch nach dem Ende der römischen Nutzung des Limes noch aufgesucht oder genutzt wurde. Die Archäologen bringen sie mit den Alamannen in Verbindung, die sich nach dem Rückzug der Römer in der Wetterau niederließen. Ob die neuen Bewohner die Ruinen des Heiligtums gezielt aufsuchten, Material daraus verwendeten oder dort sogar siedelten, lässt sich bislang nicht sagen.
Gerade diese Übergangszeit ist am Limes nur schwer zu fassen. Nach dem Abzug der Römer endeten schriftliche Quellen für die Region weitgehend, und archäologische Spuren aus den folgenden Jahrzehnten sind selten. Jeder Fund, der in diese Phase datiert, hilft deshalb zu verstehen, wie das Leben an der ehemaligen Grenze weiterging. Wie die hessische Denkmalpflege in ihrer Mitteilung zu den Grabungen betont, ist noch offen, ob sich weitere Spuren dieser späten Phase im Lagerdorf erhalten haben. Die kommenden Kampagnen sollen gezielt danach suchen und klären, wie lange der Ort nach dem Limesfall eine Rolle spielte.
Neben dem Heiligtum geben weitere Befunde Aufschluss über die Entwicklung des Lagerdorfes in römischer Zeit. Die Archäologen stießen auf umfangreiche Spuren handwerklicher Arbeit, darunter den Bereich einer Schmiede. Für eine Garnison war ein solcher Betrieb unverzichtbar, denn Waffen, Werkzeuge, Beschläge und Nägel mussten hergestellt und repariert werden. Planierschichten zeigen allerdings, dass dieser Handwerksbereich später eingeebnet wurde. An seine Stelle trat Wohnbebauung, was auf eine bewusste Neustrukturierung des Dorfes hindeutet. Offenbar veränderte sich der Vicus im Lauf seiner Geschichte erheblich, sei es durch wachsende Bevölkerung, neue Bedürfnisse oder Entscheidungen der Verwaltung.
Auch Reste der römischen Straßenführung und Terrassierungen konnten die Archäologen nachweisen. Die Terrassen waren nötig, um im hügeligen Gelände des Taunus ebene Flächen für Häuser und Werkstätten zu schaffen. Zusammen mit den Straßen ermöglichen sie es, Struktur und Ausdehnung des Lagerdorfes genauer zu erfassen. Das Team um Kai Mückenberger und Grabungsleiter Manuel Pieper hofft, die Arbeiten im kommenden Jahr gemeinsam mit Studierenden der Universität Frankfurt fortsetzen zu können. Mit jeder Kampagne wird deutlicher, dass der Vicus der Kapersburg mehr war als ein Anhängsel des Kastells. Er war ein eigener Lebensraum mit Handwerk, Wohnhäusern und einem Tempel des Mars, in dem sich römischer Alltag und Glaube an der Grenze des Reiches begegneten.