Robert Klatt
Die Europäische Union (EU) kann bis 2050 mit minimalen Kosten klimaneutral werden, wenn die Stromproduktion aus Solar- und Windkraft deutlich ausgebaut und mehr CO₂ aus der Atmosphäre entfernt wird.
Potsdam (Deutschland). Die CO₂-Konzentration in der Erdatmosphäre hat mit 424 parts per million (ppm) kürzlich den höchsten Wert seit zwei Millionen Jahren erreicht. Weil der daraus resultierende Klimawandel immer stärkere Auswirkungen hat, möchte die Europäische Union (EU) bis spätestens 2050 klimaneutral werden. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) haben nun eine Studie publiziert, die mithilfe des Energie-Wirtschaft-Klima-Modells REMIND untersucht hat, ob der Staatenverbund dieses Ziel erreichen kann.
Laut dem Modell Remind, das ein Referenzszenario mit plausibel wirkenden Annahmen erstellt und dann iterativ verbessert hat, kann die EU das Klimaziel mit minimalen Kosten erreichen, wenn die Staaten ihre CO₂-Emissionen bis 2040 um 86 Prozent gegenüber 1990 reduzieren.
„Diese Zahl gründet sich allein auf die techno-ökonomische Optimierung des EU-Transformationspfads, ohne Berücksichtigung von Fragen zu fairer globaler Lastenverteilung.“
Wie die Forscher erklären, hat die EU ihre CO₂-Emissionen seit 1990 bereits deutlich reduziert (- 37 %). Die Emissionsminderung muss innerhalb von 14 Jahren aber mehr als verdoppelt werden, um das Klimaziel zu erreichen. Dies kann erreicht werden, wenn die Stromproduktion mit Wind- und Solarkraft bis 2040 siebenmal so hoch ist wie im Zeitraum von 2018 bis 2022. Der Anteil von Strom am Gesamtenergieverbrauch muss zudem von aktuell etwa 20 Prozent auf 49 Prozent zunehmen. Der deutliche Ausbau der erneuerbaren Energien ist zwar ambitioniert, aber nicht unrealistisch. Die dazu nötige Wachstumsrate wurde im Zeitraum von 2021 bis 2025 bereits erreicht.
Laut dem Modell würde der angepeilte Ausbau der erneuerbaren Energien nicht nur die CO₂-Emissionen deutlich senken, sondern die EU auch unabhängiger von fossilen Brennstoffen machen. 2040 wäre der Bedarf an Erdgas und Erdöl, das größtenteils aus dem Ausland importiert werden muss, signifikant geringer als im Zeitraum von 2018 bis 2022 (- 60 %).
„Auch wenn die EU wohl weiterhin Energie-Importe braucht, etwa grünen Wasserstoff, Ammoniak oder E-Fuels, wären die Mengen deutlich geringer als bei den derzeitigen fossilen Brennstoffen. Die EU ist also weniger auf auswärtige Energieproduzenten angewiesen.“
Allein die Umstellung auf deutlich mehr erneuerbare Energien reicht aber nicht aus, um die EU klimaneutral zu machen. Das Ziel kann laut dem Modell nur erreicht werden, wenn die Staaten deutlich mehr CO₂ aus der Atmosphäre entfernen und dauerhaft einlagern. Die Kapazitäten dafür müssen von 2030 bis 2040 jährlich um mehr als ein Viertel (+ 26 %) zunehmen, auf rund 188 Millionen Tonnen CO₂ jährlich.
„Der Weg hin zur EU-Klimaneutralität 2050 erscheint gangbar, wenn die EU jetzt die Etappe bis 2040 mit ambitionierter Politik gestaltet. Eine erfolgreiche Dekarbonisierung kann die EU wirtschaftlich stärker machen – und zudem strategisch unabhängiger.“
Quellen:
Pressemitteilung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK)
Studie im Fachmagazin Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-026-71159-8