Historische Daten zeigen

Klimawandel verschiebt Jahreszeiten auf der Nordhalbkugel

Robert Klatt

In Deutschland wird der Sommer im Jahr 2100 bis zu 166 Tage lang sein, wenn der anthropogene Klimawandel ungebremst weiterläuft.

Lanzhou (China). Der anthropogene Klimawandel sorgt nicht nur für global steigende Temperaturen, sondern beeinflusst auch die Position der Klimazonen. Forscher der Lanzhou Universität in China haben laut einer Veröffentlichung der American Geophysical Union untersucht, wie sich diese Entwicklungen auf die Jahreszeiten der Nordhalbkugel der Erde auswirken.

Das Team um Jiamin Wang hat für die in den Geophysical Research Letters publizierte Studie Wetterdaten für die mittleren Breiten der Nordhalbkugel der Jahre 1952 bis 2011 mithilfe mehrere Klimamodelle analysiert, um Veränderungen bei den Jahreszeiten zu erkennen. Anschließend extrapolierten sie die entdeckte Entwicklung des Klimas bis zum Jahr 2100.

Relative Temperatur macht Daten vergleichbar

Um eine Vergleichbarkeit der Jahreszeiten trotz der lokal unterschiedlichen Klimabedingungen zu ermöglichen, nutzten die Forscher die relative Temperatur. Als Sommer ist die Zeit definiert, deren Tagestemperaturen zu den wärmsten 25 Prozent des Jahres gehören. Der Winter umfasst wiederum die Zeit, in der die Tagestemperaturen in den unteren 25 Prozent des Jahres lagen. Herbst und Frühling liegen jeweils dazwischen.

Sommer werden immer länger

Die Auswertung zeigt, dass die Sommer seit 1952 auf der Nordhalbkugel, zu der auch Deutschland gehört, immer länger werden, während sich der Frühling, Herbst und Winter verkürzen. Im Mittel verlängerte sich der Sommer von 78 Tagen im Jahr 1952 auf 95 Tage im Jahr 2011. Außerdem verschob sich der Beginn des Sommers in diesem Zeitraum um 2,5 Tage nach vorne. Die Sommer der Nordhalbkugel werden pro Dekade also rund 4,2 Tage länger.

Die übrigen Jahreszeiten haben sich hingegen verkürzt. Der Winter wird pro Dekade 2,1 Tage, der Frühling und Herbst pro Dekade einen Tag kürzer. Am klarsten sieht man diese Entwicklung in Tibet sowie im Mittelmeerraum.

Sommer werden länger und heißer

Überdies belegen die Daten, dass sich die Temperaturen der verschiedenen Jahreszeiten geändert haben. Die Sommertemperaturen auf der Nordhalbkugel sind ausgewerteten Zeitraum pro Dekade um 0,089 Grad Celsius gestiegen, die Wintertemperaturen um 0,26 Grad Celsius.

Yuping Guan: „Die Sommer werden länger und heißer, die Winter kürzer und milder. Gleichzeitig hat sich im Sommer die Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzewellen seit den 1950er-Jahren signifikant erhöht.“

Der Frühling ist hingegen etwas kälter geworden. Dies führt häufiger zu Frosteinbrüchen und Schäden an frühaustreibenden Pflanzen. Die milden Winter fördern diesen frühen Wachstumsbeginn der Pflanzen weiter.

Jiamin Wang: „Ein zunehmend kühles und früheres Frühjahr bedeutet für Pflanzen ein erhöhtes Risiko.“

Klimawandel beeinflusst die Jahreszeiten

Laut den Klimamodellen ist die Hauptursache für die Verschiebung der Jahreszeiten und die steigenden Temperaturen der Klimawandel. Ohne die seit den 1950er-Jahren rapide globale Erwärmung hatte es den Trend laut den Modellrechnungen hingegen nicht gegeben.

Jiamin Wang: „Das spricht dafür, dass der anthropogene Treibhauseffekt diese Veränderungen in Länge und Beginn der vier Jahreszeiten dominiert.“

In den kommenden Jahrzehnten ist bei einer Fortsetzung des Klimawandels demnach auch mit einer weiteren Verschiebung der Jahreszeiten zu rechnen. Die Klimasimulation zeigt, dass im extremen Fall im Jahr 2100 die Sommer auf der Nordhalbkugel 166 Tage lang sein könnten. Der Winter wäre bei diesem Szenario nur noch 31 Tage lang.

Dies bleibt laut den Studienautoren auch für den Menschen nicht ohne Folgen, weil sich der Vegetationszyklus verändert und viele Tierarten ihre Balz- und Brutzeit verlieren.

Jiamin Wang: „Die sich verändernden Jahreszeiten stören die Landwirtschaft und den Biorhythmus von Arten. Zudem begünstigen heißere, längere Sommer auch Hitzewellen, Stürme und Waldbrände, wodurch auch die Risiken für die Menschheit steigen.“

Geophysical Research Letters, doi: 10.1029/2020GL091753

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