Von: Dennis L.
Erderwärmung

Himalaya könnte bis 2100 das komplette Eis verlieren

Auch wenn sich in den letzten Jahren Reporte über sich zurückzuziehende Gletscher und sich nicht zurückziehende Gletscher nur so ablösten, ist nun wohl die Frage der Fragen für das höchste Gebirge der Welt geklärt: Es schmilzt. Bis 2050, so ein kürzlich in dem Fachjournal „Cryosphere“ veröffentlichter Bericht, dürfte „Das Dach der Welt“ die Hälfte seines Eisvolumens verloren haben. Bis 2100 könnte nichts mehr geblieben sein. Der Mount Everest hat bereits jetzt schon den Verlust der ersten Meter zu beklagen.

Bis zum Jahr 2100 könnte das Himalaya-Gebirge das komplette Eis verlieren.
© nasa.gov

Kathmandu (Nepal). Die diesen Behauptungen zu Grunde liegende Studie wurde mit dem Ziel die Auswirkungen des Klimawandels auf die Region um den Mount Everest zu analysieren von einem internationalen Team verfasst. An der Erhebung und Auswertungen waren Spezialisten aus Nepal, Frankreich und den Niederlanden beteiligt und sie kommen zu einem düsteren Ergebnis. Sollte sich die Erderwärmung weiter wie bisher anzunehmen entwickeln, wird sie auf die Dauer eine mehr als nur dramatische Auswirkung auf das Himalaya Gebirge haben. In den nächsten 85 Jahren dürfte sich die Größe und Menge der das Bild der Berge prägenden eistragenden Gletscher um 70 bis 90 Prozent verringern. Diese Studie erschien bereits am 27. Mai in „The Cyrosphere“, einem frei zugänglichen Fachblatt der „European Geosciences Union“ (EGU).

„Die Zeichen für die Zukunft für den Wandel der Gletscher in der (Himalaya) Region sind klar und deutlich: fortschreitender und vermutlich sich beschleunigender Verlust von Gletschermasse ist mehr als nur wahrscheinlich, ausgehend von den prognostizierten Temperaturanstiegen“, so gibt Hydrologe und leitender Autor des Teams Joseph Shea während einer Pressekonferenz im „International Centre for Integrated Mountain Development“ (ICIMOD) im nepalesischen Kathmandu an.

Wirtschaftliche und humanitäre Folgen

Zwar würde die Region zunächst durch einen Anstieg der Menge an Schmelzwasser aus den Gletschern profitieren und sich durchaus eine Wertschöpfung einstellen, auf die lange Sicht jedoch wären die Auswirkungen katastrophal. Nahrung und Lebensbedingungen von mehr als einer Milliarde Menschen im asiatischen Raum würden drastisch durch einen Rückzug der Gletscher des Himalaya leiden. Zu diesem Schluss kommt auch ein kürzlich im britischen „The Guardian“ veröffentlichter Report. So wird besonders die Wertschöpfung durch hydroelektrische Kraftwerke und die Landwirtschaft am deutlichsten leiden. Zudem sind die Gletscher in der Region so stark mit der kompletten Gebirgsstruktur verwoben, dass durch ihren Rückzug eine Kette von dramatischen Ereignissen ausgelöst werden könnte, deren Gipfel Erdrutsche und Überschwemmungen auf bisher unerreichtem Niveau sein dürften.

Eine deutliche Verschiebung des Gefrierpunktes scheint sich abzuzeichnen

Unabhängig von den angelegten Modellen kamen die meisten Berechnungen der Experten um Shea zu dem Ergebnis, dass die Gletscher unter 5.500 Metern am stärksten beeinträchtigt werden würden und vermutlich bis zum Ende des Jahrhunderts völlig verschwunden wären. Je höher die Gletscher lägen, desto weniger drastisch wäre ihre Schrumpfung.

Steigende Temperaturen treffen Gletscher auf zwei Arten. Laut Shea ist natürlich die erste Auswirkung die steigende Eisschmelze. Zudem steigen durch sie die Höhen der Gefrierpunkt in Gebirgen, also der Punkte an die durchschnittlichen Temperaturen aus exakt 0 Grad Celsius oder tiefer liegen. Durch eine Verschiebung dieser Grenze in höhere Gebirgsregionen sind automatisch weitere, noch größere Flächen der Schnee- und Eisschmelze ausgesetzt und beschleunigen zusätzlich den Rückzug der Gletscher. „Der Gefrierpunkt liegt derzeit zwischen 3.200 Metern im Januar und 5.500 Metern im August. Basierend auf Erhebungen aus der Vergangenheit und dem prognostizierten Temperaturanstieg bis ins Jahr 2100 dürften sich diese Punkte um zwischen 800 und 1.200 Metern weiter nach oben verlagern“, so Co-Autor Walter Immerzeel von der Universität Utrecht. „Ein solcher Anstieg würde nicht nur die Schneeanhäufung auf den Gletschern reduzieren, er würde auch dafür sorgen, dass über 90 Prozent der derzeit vergletscherten Region in den wärmeren Monaten schmelzen würde.“

Die Gletscher im asiatischen Hochgebirge haben das größte Volumen an Eis außerhalb der Polarregionen. Das Team um Shea hat seine Studien auf das Dudh Kosi Becken im nepalesischen Himalaya beschränkt, die Heimat der höchsten Berge der Welt, unter diesen der Mount Everest und auch die Heimat von über 400 Quadratkilometern an Gletschermasse.

Shea gibt zu bedenken, dass sich die von seinem Team erzielten Ergebnisse nicht nur auf das Himalaya Gebirge beziehen. Immerhin decken sie sich mit Ergebnissen, die andere Forscher rund um den Globus in anderen Bergregionen erzielt haben. „Unsere Schätzungen müssen dennoch mit der nötigen Vorsicht genossen werden“, so gibt Patrick Wagnon, ein Gastforscher am ICIMOD und Glaziologe am „Institut de Recherche pour le Développment“ im französischen Grenoble, zu bedenken. „Noch immer bleiben einige gravierende Unsicherheiten bestehen.“ Sein Kollege Shea aber zeichnet ein deutlich anderes Bild: „Kommende Temperaturanstiege werden den Bankrott für Gebirgsgletscher mit sich ziehen.“

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