Der El Niño des Jahres 2026 hat einen neuen Rekord aufgestellt. Im maßgeblichen Messgebiet des äquatorialen Pazifiks liegt die Meerestemperatur 3,05 Grad Celsius über dem Normalwert und damit höher als beim bisherigen Spitzenwert von 3,02 Grad im Jahr 2015. Klimaforscher rechnen mit einem außergewöhnlich starken Ereignis. Die Jahre 2026 und 2027 könnten deshalb zu den heißesten seit Beginn der Messungen gehören.
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, das alle zwei bis sieben Jahre auftritt. Normalerweise treiben kräftige Passatwinde warmes Oberflächenwasser im tropischen Pazifik von Osten nach Westen, vor Südamerika steigt dafür kühles Wasser aus der Tiefe auf. Lassen die Passatwinde nach, schwappt das warme Wasser zurück nach Osten, und der zentrale und östliche Pazifik heizt sich auf. Diese Wärme gibt der Ozean an die Atmosphäre ab und verschiebt damit Niederschlagsmuster und Windsysteme weit über den Pazifik hinaus. Seinen Namen erhielt das Phänomen von Fischern in Peru und Ecuador, die im 19. Jahrhundert eine warme Strömung beobachteten, die kurz vor Weihnachten auftrat und ihre Fänge schrumpfen ließ. Das Gegenstück ist La Niña, bei der sich der östliche Pazifik ungewöhnlich stark abkühlt. Beide Phasen gehören zu einem Zyklus, den Fachleute als El Niño-Southern Oscillation bezeichnen.
Ob ein El Niño vorliegt und wie stark er ausfällt, bestimmen Forscher anhand der Meerestemperatur in einem festgelegten Gebiet im äquatorialen Pazifik, das als Frühwarnsystem für extreme Wetterlagen gilt. Genau dort liegt die Temperatur nun 3,05 Grad über dem langjährigen Mittel, wie der Klimaexperte Jeff Berardelli ermittelte und Scientific American am 22. September berichtete. Beim starken El Niño von 2015 hatte der Höchstwert bei 3,02 Grad gelegen. Die Atmosphärenforscherin Kim Wood von der University of Arizona bezeichnete die Temperaturen in dieser Region für die Jahreszeit schon seit Wochen als beispiellos. Der Klimaforscher Daniel Swain von der University of California hält es für wahrscheinlich, dass dieser El Niño das extremste Ereignis wird, das die heute lebenden Menschen bislang erlebt haben.
Ganz so einfach ist die Rekordbilanz allerdings nicht. Die Ozeane erwärmen sich durch den Klimawandel insgesamt, und diese Grunderwärmung hebt auch die Temperaturen im El-Niño-Messgebiet an. Rechnet man sie heraus, wie es ein relativer Index tut, hat der aktuelle El Niño noch keinen absoluten Allzeitrekord erreicht. Für die späte Septemberzeit liegt er nach dieser Messung aber höher als je zuvor. Offiziell spricht die US-Wetterbehörde NOAA ab einer Abweichung von zwei Grad von einem sehr starken El Niño, umgangssprachlich hat sich dafür der Begriff Super-El-Niño eingebürgert. Solche Ereignisse sind selten, sind aber seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufiger geworden. Noch im Frühjahr hatten Forscher der Columbia University es für überraschend gehalten, dass so kurz nach dem mäßig starken El Niño von 2023 und 2024 bereits das nächste starke Ereignis folgen könnte, und über eine schnellere Aufladung der Wärmespeicher im Pazifik durch die Erderwärmung spekuliert.
Die Folgen eines starken El Niño reichen weit über den Pazifik hinaus. Weil der Ozean große Mengen Wärme an die Atmosphäre abgibt, steigt die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend an. Nach Angaben der NOAA hebt ein typischer El Niño die weltweite Mitteltemperatur um etwa 0,1 bis 0,2 Grad an, ein außergewöhnlich starkes Ereignis entsprechend mehr. Jahre mit El Niño gehören deshalb oft zu den wärmsten der Aufzeichnungen, zuletzt 2016 und 2024. Da die Erde durch den menschengemachten Klimawandel ohnehin schon deutlich wärmer ist als vor der Industrialisierung, trifft der neue El Niño auf ein bereits aufgeheiztes System. Klimaforscher halten es daher für möglich, dass 2026 und vor allem 2027 neue Temperaturrekorde bringen. Die volle Wirkung eines El Niño auf die globale Temperatur zeigt sich meist erst einige Monate nach seinem Höhepunkt, der in der Regel um den Jahreswechsel erreicht wird.
Die Auswirkungen sind regional sehr unterschiedlich, wie die Erklärseite der NOAA zu El Niño zusammenfasst. Im Süden der USA bringt das Phänomen typischerweise heftige Regenfälle, während der Nordwesten der Vereinigten Staaten trockener bleibt. An der Westküste Südamerikas drohen Starkregen und Überschwemmungen, in Australien, Indonesien und Teilen Afrikas dagegen Dürren und ein erhöhtes Risiko für Waldbrände. Für Korallenriffe bedeuten die hohen Meerestemperaturen die Gefahr großflächiger Bleichen, bei denen die Korallen ihre lebenswichtigen Algen verlieren. Auch die Landwirtschaft ist betroffen, weil Ernten in den Dürregebieten einbrechen können. Die Vereinten Nationen stufen El Niño zudem als Gesundheitsrisiko ein, weil Hitzewellen, Überschwemmungen und die Ausbreitung von Krankheitserregern zunehmen können. Auf Europa wirkt sich El Niño dagegen nur schwach und uneinheitlich aus, direkte Vorhersagen für den Winter hierzulande lassen sich daraus kaum ableiten.
Eine Region profitiert zumindest teilweise. El Niño verstärkt die Höhenwinde über dem tropischen Atlantik, und diese Scherwinde reißen entstehende Wirbelstürme auseinander, bevor sie sich zu Hurrikanen entwickeln können. Tatsächlich verlief die Hurrikansaison 2026 bislang ungewöhnlich ruhig, wie auch eine Analyse zeigt, nach der der Atlantik seit 1966 noch nie so lange ohne Hurrikan blieb. Im Pazifik steigt dagegen das Risiko für starke Wirbelstürme, weil das warme Wasser ihnen zusätzliche Energie liefert. Wie eng Ozean und Atmosphäre in diesem System gekoppelt sind, macht El Niño zu einem der wichtigsten Faktoren für Jahreszeitenvorhersagen weltweit. Wetterdienste rund um den Globus passen ihre Prognosen für die kommenden Monate bereits an die außergewöhnlich hohen Meerestemperaturen an.
Die meisten Modelle erwarten, dass der El Niño bis zum Jahresende weiter an Stärke gewinnt und seinen Höhepunkt im Nordwinter erreicht. Danach schwächen sich solche Ereignisse in der Regel im Frühjahr ab. Wie stark er am Ende tatsächlich ausfällt, bleibt trotz des Rekords unsicher, weil sich die Kopplung zwischen Ozean und Atmosphäre noch verändern kann. Forscher diskutieren seit einiger Zeit auch, ob sich El Niño künstlich abschwächen ließe, etwa indem Schiffe Wolken über dem Pazifik aufhellen. Ein Rechenmodell zeigte kürzlich, dass künstliche Wolkenaufhellung El Niño stark schwächen könnte, dafür wären allerdings rund 2.400 Schiffe nötig. Für den aktuellen El Niño spielt das keine Rolle, er wird das Wetter der kommenden Monate auf mehreren Kontinenten prägen.
Scientific American, This year's El Niño just broke another sobering record (22. September 2026)