Kaum ein Klimaphänomen richtet weltweit so viel Schaden an wie ein starker El Niño. Forscher haben nun mit Klimamodellen berechnet, ob sich ein entstehender El Niño gezielt abschwächen lässt, indem Schiffe Wolken über dem Pazifik künstlich aufhellen. Im Modell gelang es, zwei der stärksten El-Niño-Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte nahezu zu neutralisieren. Doch der Eingriff hätte einen hohen Preis und womöglich Verlierer.
El Niño ist eine natürliche Phase eines Klimazyklus im tropischen Pazifik, bei der sich das Meer im Osten und im Zentrum des Ozeans stark erwärmt. Die Folgen reichen weit über den Pazifik hinaus. El Niño bringt Dürren in Australien, feuchtere Winter in Ostafrika und treibt die globale Durchschnittstemperatur in die Höhe. Nach Studien kann ein einzelnes El-Niño-Ereignis die Weltwirtschaft langfristig Billionen Dollar kosten. Seit Juni 2026 befindet sich die Erde wieder in einer El-Niño-Phase, und Wissenschaftler warnen seit Monaten vor einem besonders starken Verlauf. Die Folgen sind bereits zu spüren: Im Atlantik hat El Niño die Entstehung von Wirbelstürmen so stark unterdrückt, dass der Atlantik seit 1966 noch nie so lange ohne Hurrikan blieb. Andernorts bringt dasselbe Phänomen Hitze, Überschwemmungen und Ernteausfälle. Entsprechend groß ist das Interesse an der Frage, ob sich solche Ereignisse beeinflussen lassen.
Eine mögliche Antwort liefert das sogenannte Geoengineering, also gezielte technische Eingriffe in das Klimasystem. Eine der diskutierten Methoden ist die Aufhellung von Meereswolken. Dabei sprühen Schiffe feinste Salzwassertröpfchen in die untere Atmosphäre. Die Salzpartikel dienen als Keime für zusätzliche, kleinere Wolkentröpfchen, die Wolken heller machen. Hellere Wolken werfen mehr Sonnenlicht zurück ins All, und das Meer darunter kühlt sich ab. Bisher wurde diese Technik vor allem als Mittel diskutiert, um die globale Erwärmung insgesamt zu bremsen. Die Klimaforscherin Jessica Wan von der Scripps Institution of Oceanography und der University of Chicago verfolgte mit ihrem Team einen anderen Ansatz. Statt den ganzen Planeten zu kühlen, wollte sie wissen, ob gezielte, zeitlich begrenzte Eingriffe ein einzelnes Klimaereignis abmildern könnten. Beteiligt waren auch Forscher des National Center for Atmospheric Research in den USA. Einen Hinweis darauf, dass dies möglich sein könnte, lieferte ein unfreiwilliges Experiment der Natur.
Die verheerenden Buschfeuer in Australien in den Jahren 2019 und 2020 wirkten wie ein natürliches Experiment. Nach früheren Studien wehte der Rauch der Feuer über das Meer und hellte die ausgedehnte Schicht niedriger Wolken über dem südöstlichen Pazifik auf. Das trug zu einer ungewöhnlich langen La-Niña-Phase bei, dem kühlen Gegenstück zu El Niño, die von 2020 bis 2023 anhielt. Die Forscher konnten diese natürliche Wolkenaufhellung und die anschließende Abkühlung im Modell nachbilden, indem sie eine künstliche Aufhellung über dem südöstlichen Pazifik simulierten. Damit hatten sie einen Beleg, dass ihr Modell die Wirkung solcher Eingriffe realistisch abbildet. Anschließend spielten sie durch, was geschehen wäre, wenn man die beiden stärksten El-Niño-Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte in den Jahren 1997 und 1998 sowie 2015 und 2016 auf diese Weise bekämpft hätte. Die Ergebnisse erschienen am 8. Juli 2026 in der Studie zur gezielten Wolkenaufhellung gegen El Niño in der Fachzeitschrift Science Advances.
Alle simulierten Eingriffe schwächten die beiden El-Niño-Ereignisse ab, doch wie stark, hing vom Zeitpunkt ab. Am wirksamsten war die früheste und längste Variante, bei der die Wolken von Juni bis zum folgenden Februar aufgehellt wurden. Für das Ereignis von 2015 und 2016 ergab sich in der Zone der Aufhellung eine Abkühlung um 1,67 Grad. In der für El Niño maßgeblichen Meeresregion im zentralen Pazifik sank die Temperatur der Meeresoberfläche um 1,88 Grad, womit zum Höhepunkt des Ereignisses nahezu neutrale Bedingungen herrschten. Der Eingriff unterbricht nach Darstellung der Forscher die Rückkopplungen, die einen El Niño normalerweise verstärken. Endet die Aufhellung jedoch, lässt ihre Wirkung nach. Nur die frühesten und längsten Eingriffe stellten neutrale Verhältnisse her und schwächten auch die weltweiten Fernwirkungen des Phänomens ab. Ein kurzer, später Eingriff mitten in einem bereits voll entwickelten El Niño brachte deutlich weniger. Die Technik müsste also bereits zu einem Zeitpunkt eingesetzt werden, an dem die Stärke des kommenden Ereignisses noch unsicher ist.
So vielversprechend die Zahlen klingen, die Autoren betonen, dass die Technik rein theoretisch und weit von einem Einsatz entfernt ist. Die vorhandenen Prototypen von Sprühdüsen können die nötige Menge an Salzpartikeln nicht erzeugen. Nach der Abschätzung der Studie wären rund 2.400 eigens gebaute Schiffe nötig, um eine ausreichend große Fläche des Pazifiks zu beeinflussen. Hinzu kommen politische und ökologische Risiken. Die Modelle deuten darauf hin, dass die Abschwächung von El Niño ungleiche Folgen hätte und manche Regionen eher geschädigt als geschützt würden. Berichte über die Studie verweisen auf mögliche Risiken für Europa und Asien. Wie sich wiederholte Eingriffe über Jahrzehnte auf Meeresströmungen und Klimamuster auswirken würden, haben die Forscher nicht untersucht. Genau hier liegt der Kern der Kontroverse um das Geoengineering: Wer entscheidet, ob ein Eingriff stattfindet, wenn er einem Teil der Welt nützt und einem anderen schadet? Und wer haftet, wenn ein Land nach einer künstlichen Abschwächung von El Niño von Dürre oder Überschwemmungen getroffen wird?
Die Studie zeigt eine neue Richtung in der Forschung zum Geoengineering. Statt den gesamten Planeten dauerhaft zu kühlen, zielt sie auf kurzfristige Eingriffe gegen einzelne Extremereignisse. Nach Ansicht von Wan könnten solche zeitlich begrenzten Maßnahmen ein wirkungsvoller Weg sein, auf dem Geoengineering in das Repertoire der Antworten auf den Klimawandel gelangt. Kritiker des Geoengineerings befürchten dagegen seit Langem, dass solche Techniken den Druck verringern, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken, weil sie scheinbar eine technische Abkürzung bieten. Zudem wirft jede Technik, die das Wetter über Ländergrenzen hinweg verändert, schwierige Fragen der internationalen Zusammenarbeit auf. Die Forschung zur Wolkenaufhellung steht noch am Anfang, erste Feldversuche wie am australischen Great Barrier Reef dienen dem Test der Technik im kleinen Maßstab. Ob El Niño eines Tages tatsächlich gebremst wird, hängt deshalb weniger von der Physik ab als von der Frage, ob sich die Welt auf die Regeln für einen solchen Eingriff einigen kann.
Science Advances, Targeted marine cloud brightening weakens subsequent El Niño; doi:10.1126/sciadv.adx3012