Tropische Wirbelstürme

Seit 1966 blieb der Atlantik noch nie so lange ohne Hurrikan

 Dennis Lenz

Seit 1966 blieb der Atlantik noch nie so lange ohne Hurrikan
(Symbolbild) Die atlantische Hurrikansaison 2026 verläuft so ruhig wie keine andere seit Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 1966. Bis weit nach dem 11. September entstand kein einziger Hurrikan, obwohl der statistische Höhepunkt der Saison bereits überschritten ist. Hauptursache ist ein kräftiger El Niño, der über dem tropischen Atlantik starke Höhenwinde erzeugt und sich bildende Stürme auseinanderreißt. Im Pazifik dagegen entstanden in derselben Zeit mehrere schwere Wirbelstürme bis zur höchsten Kategorie 5. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Die atlantische Hurrikansaison 2026 schreibt Geschichte, allerdings ganz anders als befürchtet. Bis weit in den September hinein hat sich im Atlantik kein einziger Hurrikan gebildet, so lange wie nie seit Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 1966. Während der Atlantik ruht, entstehen im Pazifik schwere Wirbelstürme bis zur höchsten Kategorie. Dahinter steckt ein Klimaphänomen, das derzeit auf einen außergewöhnlich starken Verlauf zusteuert.

Ein Hurrikan ist ein tropischer Wirbelsturm, dessen mittlere Windgeschwindigkeit mindestens 119 Kilometer pro Stunde erreicht. Ab dieser Schwelle beginnt die fünfstufige Saffir-Simpson-Skala, deren höchste Kategorie 5 für Stürme mit mehr als 252 Kilometern pro Stunde steht. Schwächere Systeme gelten als Tropensturm und erhalten zwar bereits einen Namen, richten aber in der Regel deutlich geringere Schäden an. Die offizielle Hurrikansaison im Atlantik dauert vom 1. Juni bis zum 30. November, ihre aktivste Phase reicht von Mitte August bis Mitte Oktober. Statistisch erreicht sie ihren Höhepunkt um den 10. September, wenn das Meer nach dem Sommer besonders warm ist und die Atmosphäre günstige Bedingungen für die Entstehung großer Wirbel bietet. Genau in dieser Phase herrschte über dem Atlantik 2026 eine Ruhe, die Meteorologen in dieser Form noch nie erlebt haben. Seit Satelliten den Ozean lückenlos überwachen, gab es kein Jahr, in dem der erste Hurrikan so lange auf sich warten ließ.

Eine ruhige Saison bedeutet dabei nicht, dass es keine Stürme gab. Bis Anfang September bildeten sich über dem Atlantik fünf benannte Tropenstürme, doch keiner von ihnen erreichte Hurrikanstärke. Der bisherige Rekord für den spätesten ersten Hurrikan der Satellitenära lag beim 11. September und wurde 2002 von Hurrikan Gustav sowie 2013 von Hurrikan Humberto markiert. Nach der Klimatologie des US-amerikanischen National Hurricane Center entsteht der erste Hurrikan eines Jahres im Mittel um den 11. August, also rund einen Monat früher. Als der 11. September 2026 ohne Hurrikan verstrich, stand der neue Rekord fest, und er wächst mit jedem weiteren Tag. Dass eine Saison komplett ohne Hurrikan bleibt, ist dagegen extrem selten und wurde in den Aufzeichnungen nur für die Jahre 1907 und 1914 verzeichnet. Ob 2026 in diese Reihe aufrückt, lässt sich nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes noch nicht seriös beurteilen, denn die Saison dauert noch gut zwei Monate.

Fünf Tropenstürme und kein einziger Hurrikan

Die ersten Stürme der Saison, Arthur, Bertha und Cristobal, waren kurzlebig und kamen zusammen auf nur wenige Tage Lebensdauer. Danach folgten Dolly und Edouard, der sich Ende August im Golf von Mexiko formierte und am 1. September an der Golfküste zwischen Louisiana und Texas an Land ging. Edouard erreichte nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes maximale Windgeschwindigkeiten von 85 bis 100 Kilometern pro Stunde und blieb damit klar unter der Hurrikanschwelle. Wie ungewöhnlich die Ruhe ist, zeigt ein Maß, das Dauer und Stärke aller Wirbelstürme zusammenfasst, die akkumulierte Zyklonenergie. Anfang September lag sie rund 91 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt, einen so schwachen Saisonstart gab es nach diesem Maß zuletzt 1988. Zum Vergleich: In der Referenzperiode von 1991 bis 2020 entstanden im Atlantik pro Jahr durchschnittlich 14 Tropenstürme, darunter sieben Hurrikane und drei schwere Hurrikane der Kategorien 3 bis 5. Die US-Wetterbehörde NOAA senkte ihre Prognose im August auf sieben bis 13 benannte Stürme, zwei bis sechs Hurrikane und höchstens zwei schwere Hurrikane.

Wie El Niño die Stürme über dem Atlantik zerreißt

Hauptursache der Flaute ist ein kräftiger El Niño, eine Erwärmung des tropischen Ostpazifiks, die das Wetter rund um den Globus verändert. Er begann im Juni und könnte nach Einschätzung von Klimaforschern zu einem der intensivsten der Messgeschichte werden, wie bereits die Prognose zeigte, nach der ein starker El Niño ab August das Wetter weltweit verändert. Über dem tropischen Nordatlantik verstärkt El Niño die Windscherung, also den Unterschied von Windrichtung und Windstärke zwischen den unteren und oberen Luftschichten. Ein Hurrikan braucht aber eine senkrecht stehende, geschlossene Säule aus aufsteigender feuchtwarmer Luft. Weht in großer Höhe ein starker Wind aus anderer Richtung, kippt er diese Säule, reißt die Gewitterwolken vom Zentrum weg und verhindert, dass sich der Wirbel organisiert. Hinzu kam 2026 wiederholt trockene, staubhaltige Luft aus der Sahara, die den Stürmen Feuchtigkeit entzog. Viele Störungen, die sich über dem Atlantik bildeten, wurden auf diese Weise zerrissen, bevor sie stärker werden konnten.

Bemerkenswert ist, dass die Flaute trotz günstiger Voraussetzungen im Ozean auftritt. Die Wassertemperaturen im Atlantik lagen in diesem Jahr über dem Durchschnitt, und warmes Wasser gilt als Treibstoff tropischer Wirbelstürme, weil es große Mengen Wasserdampf und damit Energie liefert. Wie außergewöhnlich warm die Meere 2026 waren, zeigte sich auch in Europa, als die Wassertemperatur vor Mallorca erstmals über 33 Grad stieg. Warmes Wasser allein reicht jedoch nicht aus, entscheidend ist das Zusammenspiel mit der Atmosphäre darüber. Die Saison 2026 zeigt eindrücklich, wie stark großräumige Luftströmungen die Wirkung warmer Meere überlagern können. Für die Vorhersage bedeutet das, dass Meerestemperaturen allein ein schlechtes Maß für die zu erwartende Sturmaktivität sind. Meteorologen betrachten deshalb stets auch die Windverhältnisse in großer Höhe, die Feuchtigkeit der Luft und den Zustand des Pazifiks, der über El Niño und La Niña die Bedingungen über dem Atlantik maßgeblich steuert.

Im Pazifik toben die stärksten Wirbelstürme

Während der Atlantik schläft, zeigt sich der Pazifik von seiner heftigen Seite. El Niño begünstigt dort die Entstehung von Wirbelstürmen, weil das Wasser wärmer ist und die Windscherung schwächer ausfällt. Bis zum 10. September entstanden im Pazifikbecken bereits 14 benannte Stürme und fünf Hurrikane, im östlichen Pazifik wurden drei starke Hurrikane der Kategorie 3 oder höher beobachtet. Besonders auffällig war Hurrikan Lowell, der Anfang September im Zentralpazifik kurzzeitig die höchste Kategorie 5 erreichte und dabei Windgeschwindigkeiten von rund 259 Kilometern pro Stunde entwickelte. So stark war dort seit 2018 kein Wirbelsturm mehr. Der Kontrast zwischen den beiden Ozeanen folgt einem bekannten Muster: El-Niño-Jahre dämpfen die Hurrikanaktivität im Atlantik und fördern sie im Pazifik, La-Niña-Jahre wirken umgekehrt. Dass sich dieses Muster 2026 derart deutlich ausprägt, hängt mit der ungewöhnlichen Stärke des aktuellen El Niño zusammen. Er zeigt, wie eng die Wetterküchen der großen Ozeane über die Atmosphäre miteinander verbunden sind.

Tropensturm Fay kratzt an der Hurrikanschwelle

Am 19. September bildete sich südwestlich der Azoren das Tropische Tief Sechs, das sich am 20. September zum Tropensturm Fay verstärkte. Fay ist der sechste benannte Sturm der Saison und kam dem ersehnten ersten Hurrikan zumindest nahe. In seiner Meldung vom frühen Morgen des 21. September verortete das National Hurricane Center den Sturm rund 620 Kilometer südwestlich der Azoren mit Windgeschwindigkeiten von 110 Kilometern pro Stunde, nur wenige Kilometer pro Stunde unter der Hurrikanschwelle. Die Prognosen erwarten jedoch eine allmähliche Abschwächung, weil der Sturm zwischen zwei Zonen starker Windscherung liegt und in kühlere Regionen abdriftet. Warnungen für Küsten gibt es nicht, Fay bleibt fern von bewohnten Gebieten über dem offenen Ozean. Damit dürfte sich die hurrikanfreie Serie im Atlantik vorerst weiter verlängern. Ob sich im Oktober noch ein Hurrikan bildet, ist offen, denn El Niño soll nach den aktuellen Vorhersagen bis ins Jahr 2027 anhalten und damit auch den Rest der Saison prägen.

Entwarnung für die Küsten der Karibik und der USA bedeutet die Rekordflaute trotzdem nicht. Die Hurrikansaison läuft bis zum 30. November, und auch späte Stürme können sich rasch verstärken, sobald die Windscherung nachlässt. Die Geschichte kennt zudem Jahre mit insgesamt geringer Aktivität, in denen ein einzelner schwerer Hurrikan verheerende Schäden anrichtete, etwa 1992, als Hurrikan Andrew in einer ansonsten ruhigen Saison Florida traf. Für Meteorologen ist die Saison 2026 dennoch ein wertvolles Lehrstück. Sie zeigt, wie stark ein einzelnes Klimaphänomen die Bedingungen über einem ganzen Ozean verändern kann und wie wichtig es ist, bei Prognosen neben der Wassertemperatur auch die großräumigen Luftströmungen zu berücksichtigen. Die Daten dieser außergewöhnlichen Saison dürften in künftige Vorhersagemodelle einfließen und helfen, die Wechselwirkung zwischen Pazifik und Atlantik noch genauer zu verstehen. Bis dahin bleibt der Atlantik ein Ozean, der 2026 mit seiner Ruhe mehr Aufmerksamkeit erregt als mit seinen Stürmen.

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