Pluralistische Ignoranz

Warum Menschen das Klimaschutzverhalten anderer völlig falsch einschätzen

 Dennis Lenz

(Symbolbild). Viele Menschen befürworten Klimaschutzmaßnahmen, doch nur eine Minderheit wird tatsächlich selbst aktiv. Eine neue Studie der Universität Erfurt zeigt, dass das Klimaschutzverhalten anderer Menschen gleich in zwei Richtungen falsch eingeschätzt wird. Der Befund verändert den Blick auf ein zentrales Konzept der Umweltpsychologie und auf gängige Strategien der Klimakommunikation. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die Annahme, dass Menschen die Klimaschutzbereitschaft ihrer Mitmenschen systematisch unterschätzen, prägt seit Jahren die Umweltpsychologie. Ein Forschungsteam der Universität Erfurt hat diese Annahme nun in fünf Studien mit mehr als 5.000 Teilnehmern aus Deutschland und den USA überprüft. Dabei zeigte sich ein Muster, das die bisherige Sichtweise auf den Kopf stellt. Die Ergebnisse werfen zugleich die Frage auf, warum verbreitete Strategien der Klimakommunikation bislang kaum messbare Wirkung entfalten.

Wie Menschen sich in gesellschaftlichen Fragen verhalten, hängt nicht nur von ihren eigenen Überzeugungen ab, sondern auch davon, was sie über die Einstellungen ihrer Mitmenschen glauben. In der Sozialpsychologie beschreibt der Begriff pluralistische Ignoranz einen Zustand, in dem viele Mitglieder einer Gruppe eine Meinung teilen, aber irrtümlich annehmen, damit in der Minderheit zu sein. Wer glaubt, mit seiner Haltung allein zu stehen, äußert sie seltener, engagiert sich weniger und unterstützt politische Maßnahmen zurückhaltender. Gerade beim Klimawandel gilt dieses Phänomen seit Jahren als möglicher Grund dafür, dass sich die breite Zustimmung zum Klimaschutz nicht in entsprechendem Handeln niederschlägt. Zahlreiche Untersuchungen zeigten, dass Menschen in vielen Ländern die Unterstützung für Klimaschutzmaßnahmen in der Bevölkerung deutlich zu niedrig einschätzen. Diese Wahrnehmungslücke prägt inzwischen auch die politische Debatte über wirksame Strategien gegen die Erderwärmung.

Aus diesen Befunden entstand eine populäre Strategie der Klimakommunikation: Wenn Menschen erfahren, wie groß die tatsächliche Zustimmung zum Klimaschutz ist, sollte sich ihre Fehleinschätzung korrigieren und mehr eigenes Engagement auslösen. Kampagnen, Medienberichte und wissenschaftliche Interventionen setzten in den vergangenen Jahren gezielt auf diesen Mechanismus. Die Psychologie des Klimathemas ist allerdings komplexer, als solche einfachen Botschaften nahelegen, wie auch Untersuchungen dazu zeigen, wieso Menschen den Klimawandel leugnen. Ein Forschungsteam des Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt hat die verbreitete Annahme nun systematisch überprüft und dabei ein überraschend widersprüchliches Muster gefunden. Die Ergebnisse stellen einen Teil der bisherigen Forschung infrage und liefern zugleich eine Erklärung dafür, warum gut gemeinte Aufklärung allein oft wirkungslos bleibt. Veröffentlicht wurde die Untersuchung Anfang Juli 2026, seither sorgt sie in der Fachwelt für Diskussionen über die Grundlagen der Klimapsychologie.

Fünf Studien mit mehr als 5.000 Teilnehmern

Für die aktuelle Studie in Nature Climate Change führte das Team um den Psychologen Kevin Tiede fünf Einzelstudien mit insgesamt mehr als 5.000 Teilnehmern aus Deutschland und den USA durch. Die Befragten sollten jeweils einschätzen, wie viele andere Menschen Klimaschutzmaßnahmen befürworten und wie viele tatsächlich aktiv werden, etwa indem sie Geld für den Klimaschutz spenden oder sich politisch engagieren. Zunächst bestätigte sich ein bekanntes Muster: Die große Mehrheit der Befragten unterstützte Klimaschutzmaßnahmen grundsätzlich, und genau diese Mehrheit wurde von anderen deutlich unterschätzt. Als die Forscher jedoch erstmals auch tatsächliches, vergleichsweise seltenes Klimaschutzverhalten in den Blick nahmen, zeigte sich das gegenteilige Bild: Die Teilnehmer überschätzten erheblich, wie viele andere Menschen wirklich spenden oder sich aktiv für das Klima einsetzen. Beide Verzerrungen traten in beiden Ländern gleichermaßen und über verschiedene Studiendesigns hinweg stabil auf.

Denkfehler verschiebt Schätzungen zur Mitte

Die Erklärung für das widersprüchliche Ergebnis sehen die Forscher in einem allgemeinen psychologischen Mechanismus, der weit über das Klimathema hinausreicht. Menschen neigen demnach dazu, extreme Anteile gedanklich zur Mitte hin zu verschieben. Sehr große Mehrheiten werden dadurch systematisch unterschätzt, während sehr kleine Minderheiten überschätzt werden. Ein Teil dessen, was in der Umweltpsychologie bislang als pluralistische Ignoranz gedeutet wurde, könnte demnach schlicht auf grundlegende Denkprozesse beim Schätzen von Anteilen zurückgehen. Nach Angaben von Studienleiter Kevin Tiede verändert dieser Befund die Perspektive auf ein Forschungsfeld, das in den vergangenen Jahren stark gewachsen ist, und damit auch die Schlussfolgerungen, die sich daraus ziehen lassen. Das Ergebnis reiht sich in eine wachsende Zahl von Studien ein, die Wahrnehmungslücken in der Klimapolitik dokumentieren, etwa zur Frage, ob Politiker nach Extremwetterereignissen den Klimawandel ernster nehmen.

Warum Aufklärung allein nicht ausreicht

Besondere Bedeutung haben die Ergebnisse für die aktuelle Klimakommunikation. In den vergangenen Jahren wurde häufig empfohlen, Menschen gezielt über die breite gesellschaftliche Unterstützung für den Klimaschutz zu informieren, um dadurch mehr eigenes Engagement auszulösen. Kampagnen und Interventionsstudien bauten weltweit auf dieser Logik auf. In den Experimenten der Erfurter Forscher erhöhte die Korrektur solcher Fehlwahrnehmungen jedoch nicht die Bereitschaft, selbst Geld für den Klimaschutz zu spenden. Nach einer Mitteilung der Universität Erfurt reicht das Korrigieren von Fehleinschätzungen allein demnach nicht aus, um tatsächliches Verhalten zu fördern. Damit gerät eine Strategie ins Wanken, die in der Wissenschaftskommunikation zuletzt als besonders vielversprechend galt und in zahlreichen Ländern erprobt wurde. Für Behörden, Medien und Umweltorganisationen bedeutet das, ihre Botschaften künftig deutlich stärker an tatsächlichen Handlungshürden auszurichten.

Statt weiter primär auf die Korrektur von Wahrnehmungen zu setzen, empfehlen die Forscher, an praktischen Hürden anzusetzen, fehlendes Wissen über wirksame Maßnahmen abzubauen und politische Rahmenbedingungen zu schaffen, die klimafreundliches Verhalten erleichtern. Die Unterstützung für den Klimaschutz sei in vielen Bereichen bereits vorhanden und dieser Befund zeige sich äußerst robust. Die zentrale Herausforderung bestehe deshalb weniger darin, Menschen zu überzeugen, sondern vielmehr darin, klimafreundliches Handeln einfacher zu machen und wirksame Lösungen sichtbar werden zu lassen. Offen bleibt, ob sich die Muster auch in anderen Ländern und bei anderen Verhaltensweisen zeigen, denn die Experimente konzentrierten sich auf Deutschland und die USA sowie auf Spenden und politisches Engagement als Messgrößen. Folgestudien sollen nun klären, welche Interventionen tatsächliches Klimaschutzverhalten in der Praxis am wirksamsten fördern.

Nature Climate Change, People systematically under- and overestimate public engagement in climate action; doi:10.1038/s41558-026-02668-z

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