Misstrauen gegen Eliten

Verschwörungsglaube untergräbt den Glauben an Leistung

 Dennis Lenz

Verschwörungsglaube untergräbt den Glauben an Leistung
(Symbolbild) Verschwörungsglaube über Regierungen und Konzerne schwächt die Überzeugung, dass es in einer Gesellschaft gerecht zugeht. Experimente in den USA und China zeigen, dass schon das Lesen solcher Erzählungen den Glauben an eine Verteilung nach Leistung, Gleichheit und Bedarf senkt. Vermittelt wird der Effekt über wachsendes Misstrauen gegenüber Institutionen. Eine unabhängige französische Studienreihe kommt zu einem ähnlichen Zusammenhang. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Wer an Verschwörungen der Mächtigen glaubt, verliert offenbar auch den Glauben daran, dass sich Leistung lohnt. Experimente in den USA und China zeigen, dass schon das Lesen von Verschwörungserzählungen über Regierungen und Konzerne die Überzeugung schwächt, eine Gesellschaft verteile ihre Güter gerecht. Eine unabhängige Studienreihe aus Frankreich stützt diesen Zusammenhang. Der Verschwörungsglaube wirkt damit weit über einzelne Theorien hinaus.

Leistung soll sich lohnen: Auf dieser Idee beruhen viele politische Programme und gesellschaftliche Erzählungen. Fachleute sprechen von Meritokratie, der Vorstellung, dass eine Gesellschaft Talent und harte Arbeit belohnt. Sie ist Teil dessen, was Psychologen Verteilungsgerechtigkeit nennen, also die empfundene Fairness, mit der eine Gemeinschaft Wohlstand, Chancen und Ressourcen aufteilt. Neben der Leistung zählen dazu die Grundsätze der Gleichheit und des Bedarfs. Politiker berufen sich gerne auf das Leistungsprinzip, um Menschen zu motivieren und bestehende wirtschaftliche Strukturen zu begründen. Doch was bestimmt, ob Menschen ihre Gesellschaft überhaupt als gerecht erleben? Bisherige Forschung konzentrierte sich vor allem auf die tatsächliche Ungleichheit, auf soziale Aufstiegschancen oder auf Unterschiede im Erfolg. Kaum untersucht wurde dagegen der Einfluss eines anderen Faktors, der in vielen Ländern weit verbreitet ist: der Verdacht, dass mächtige Akteure im Verborgenen gegen die Bevölkerung arbeiten.

Verschwörungstheorien über Machthaber enthalten fast immer eine Annahme über Ungerechtigkeit. Sie unterstellen, dass Eliten nur zu ihrem eigenen Vorteil handeln und die Masse ausbeuten, dass sie also heimlich Unrecht begehen. Ein bekanntes Beispiel ist die Behauptung von Anhängern unterlegener Kandidaten, eine Wahl sei von den Eliten der Gegenseite manipuliert worden. Solche Erzählungen erschüttern das Vertrauen in faire Verfahren. Frühere Arbeiten hatten bereits gezeigt, dass Verschwörungsglaube negativ mit dem Glauben an eine gerechte Welt zusammenhängt. Offen blieb jedoch, ob Verschwörungsglaube tatsächlich die Ursache für ein schwindendes Gerechtigkeitsempfinden ist oder ob Menschen, die ihre Gesellschaft ohnehin als ungerecht erleben, eher Verschwörungstheorien zuneigen. Genau diese Frage wollten die Psychologen Qi Zhao, Jan-Willem van Prooijen und Giuliana Spadaro mit Experimenten klären, in denen sie den Verschwörungsglauben gezielt beeinflussten, statt ihn nur zu messen.

Wie Verschwörungsglaube das Gerechtigkeitsempfinden verändert

In ihren Experimenten legten die Forscher Teilnehmern in den USA und in China Verschwörungserzählungen über Regierungen und Konzernvorstände vor. Anschließend maßen sie, wie gerecht die Teilnehmer die Verteilung von Ressourcen in ihrer Gesellschaft einschätzten. Das Ergebnis war eindeutig: Der Kontakt mit Verschwörungserzählungen senkte die Überzeugung, dass Güter nach Leistung, Gleichheit oder Bedarf verteilt werden. Der Effekt beschränkte sich also nicht auf das Leistungsprinzip, sondern erfasste alle drei Grundsätze der Verteilungsgerechtigkeit. Als vermittelnden Weg identifizierten die Forscher das Misstrauen gegenüber Institutionen. Verschwörungserzählungen nähren den Verdacht, dass Regierungen und Unternehmen nicht fair handeln, und dieser Verdacht färbt die Wahrnehmung der gesamten sozialen und wirtschaftlichen Ordnung. Veröffentlicht wurde die Studie zu Verschwörungsglauben und Verteilungsgerechtigkeit in der Fachzeitschrift Political Psychology, online bereits im Oktober 2025.

Belege aus Frankreich bestätigen den Zusammenhang

Dass es sich nicht um einen Einzelbefund handelt, zeigt eine unabhängige Studienreihe aus Frankreich aus dem Jahr 2025. In fünf Studien untersuchten Forscher, wie eine allgemeine Neigung zu Verschwörungsdenken die Erklärung von Ungleichheit beeinflusst. An der ersten Studie nahmen mehr als tausend Menschen aus der französischen Allgemeinbevölkerung teil. Wer stärker zu Verschwörungsdenken neigte, glaubte weniger an Meritokratie und ordnete sich zudem häufiger einer niedrigeren sozialen Schicht zu. In weiteren Experimenten beeinflussten die Forscher die Verschwörungsmentalität gezielt. Wer eine verschwörungsorientierte Sichtweise einnahm, lehnte die Vorstellung ab, dass sozialer Status auf individuellem Verdienst beruht, und sah Ungleichheit weniger als Folge persönlichen Versagens oder Erfolgs. Zwei voneinander unabhängige Forschungsgruppen kommen damit auf verschiedenen Wegen zu einem übereinstimmenden Ergebnis: Verschwörungsglaube und der Glaube an eine leistungsgerechte Gesellschaft schließen sich weitgehend aus.

Warum der Befund für die Demokratie brisant ist

Die Folgen reichen weit über das Denken einzelner Menschen hinaus. Wer glaubt, dass sich Anstrengung nicht lohnt, weil ohnehin geheime Mächte über Erfolg und Misserfolg entscheiden, hat weniger Grund, sich in Ausbildung, Arbeit oder gesellschaftliches Engagement einzubringen. Zugleich verliert die Politik eine ihrer wichtigsten Begründungen, denn das Leistungsprinzip dient oft dazu, Unterschiede in Einkommen und Vermögen zu rechtfertigen. Wie groß solche Unterschiede sind, zeigen Auswertungen, nach denen 5000 Superreiche ein Viertel des deutschen Vermögens besitzen. Verschwörungserzählungen bieten für solche Verhältnisse eine einfache Erklärung, die ohne Leistung auskommt. Sie ersetzen nachvollziehbare Mechanismen durch die Vorstellung eines geheimen Plans. Gerade weil echte Ungleichheit und gefühlte Ungerechtigkeit Nährboden für solche Erzählungen sein können, verstärken sich beide womöglich gegenseitig.

Wo die Grenzen der Studien liegen

Die Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen hin. Die Experimente befassten sich ausschließlich mit Verschwörungstheorien über mächtige Institutionen wie Regierungen und Konzernvorstände. Ob Erzählungen, die sich gegen Minderheiten oder gewöhnliche Bürger richten, dieselbe Wirkung auf das Gerechtigkeitsempfinden haben, ist offen. Zudem zeigen die Experimente zwar, dass Verschwörungsglaube das Gerechtigkeitsempfinden senken kann. Außerhalb des Labors ist aber auch die umgekehrte Richtung denkbar: Wer echte Ungerechtigkeit erlebt, wird womöglich anfälliger für Verschwörungsdenken. Ein solcher Kreislauf könnte erklären, warum sich Misstrauen gegenüber Institutionen mit der Zeit verfestigt. Auch Geheimhaltung von Behörden liefert solchen Erzählungen regelmäßig Stoff, wie etwa die Diskussion um die UFO-Akten des Pentagon mit 37 Studien zu Warp-Antrieben zeigt. Die Forscher wollen diesen Kreislauf nun genauer untersuchen, um zu verstehen, wie sich das Misstrauen in Gesellschaften vertieft.

Political Psychology, Not a real meritocracy? How conspiracy beliefs reduce perceived distributive justice; doi:10.1111/pops.70085

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