An der Spitze der deutschen Gesellschaft ballt sich das Vermögen in einem Ausmaß, das selbst Fachleute aufhorchen lässt. Eine nur wenige Tausend Köpfe zählende Gruppe von Höchstvermögenden hält einen Anteil am gesamten Finanzvermögen des Landes, der in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl steht. Ein aktueller Report zeigt, wie sich diese Konzentration im vergangenen Jahr sogar noch verschärft hat und welche Rolle die Börsen dabei spielten. Die Zahlen liefern neuen Zündstoff für die Debatte über Gerechtigkeit und Teilhabe in einer der reichsten Volkswirtschaften der Welt.
Als Finanzvermögen zählen Fachleute alles, was Haushalte an Geldwerten besitzen, also Bankguthaben, Wertpapiere, Fonds und Ansprüche aus Versicherungen, nicht jedoch Immobilien oder andere Sachwerte. Diese Abgrenzung ist wichtig, weil sich gerade das Finanzvermögen sehr ungleich verteilt und stark von der Entwicklung der Aktienmärkte abhängt. Wer bereits über größere Bestände an Aktien und Fonds verfügt, profitiert überproportional, wenn die Kurse steigen, während Haushalte mit dem Großteil ihres Geldes auf niedrig verzinsten Konten kaum zulegen. Die Verteilung des Vermögens ist damit nicht nur eine Momentaufnahme, sondern ein sich selbst verstärkender Prozess. Je größer das eingesetzte Kapital, desto stärker wirken Kursgewinne, was die Kluft zwischen der Spitze und der breiten Mitte über die Jahre weiter vergrößert.
Wie stark sich diese Dynamik zuletzt entfaltet hat, dokumentiert eine der umfassendsten Erhebungen zum weltweiten Reichtum, die jährlich sowohl globale Summen als auch einzelne Länder detailliert aufschlüsselt. Sie unterscheidet sauber zwischen breiter Mittelschicht, wohlhabenden Haushalten, Multimillionären und der schmalen Gruppe der Höchstvermögenden und erlaubt so einen präzisen Blick auf die Struktur des Reichtums. Für Deutschland ergibt sich daraus ein Bild, das die verbreitete Vorstellung einer vergleichsweise gleichmäßigen Vermögensverteilung deutlich korrigiert. Der Report ordnet die aktuelle Entwicklung zudem in einen längeren Trend ein und zeigt, dass die Konzentration an der Spitze kein einmaliger Ausreißer ist, sondern sich über Jahre hinweg verfestigt hat und künftig sogar weiter zunehmen dürfte.
Nach dem Global Wealth Report der Boston Consulting Group besitzen in Deutschland rund 5.000 Menschen ein Finanzvermögen von jeweils mehr als 100 Millionen Dollar. Diese winzige Gruppe hält zusammen etwa 3,4 Billionen Dollar und damit rund 27,3 Prozent des gesamten deutschen Finanzvermögens von etwa 12,4 Billionen Dollar. Besonders auffällig ist das Tempo: Allein im Jahr 2025 wuchs die Gruppe der Superreichen um etwa 1.100 Personen, ein Zuwachs von rund 28 Prozent. Rechnet man die rund 705.000 Multimillionäre hinzu, kontrolliert die oberste Schicht mehr als die Hälfte des gesamten Finanzvermögens, während eine Mittelschicht von etwa 3,2 Millionen Menschen zusammen nur gut elf Prozent hält.
Der entscheidende Treiber dieser Entwicklung war die Börsenrally des vergangenen Jahres. Das deutsche Finanzvermögen wuchs 2025 um fast 18 Prozent und damit deutlich stärker als das globale Finanzvermögen, das um 10,7 Prozent auf rund 333 Billionen Dollar zulegte. Weltweit stiegen die Aktienkurse um über 13 Prozent, während Sachwerte spürbar zurückblieben. Da die Höchstvermögenden einen weit größeren Teil ihres Kapitals in Aktien und Fonds halten als die breite Bevölkerung, kam ihnen dieser Kursanstieg überproportional zugute. Wer dagegen sein Geld überwiegend auf dem Konto liegen hat, ging weitgehend leer aus. Dass die breite Mitte dabei ins Hintertreffen gerät, zeigt sich auch daran, dass das Medianvermögen Deutschland im internationalen Vergleich nur schwach abschneidet.
Die Zahlen dürften die Auseinandersetzung über Ungleichheit weiter befeuern, denn die Autoren erwarten, dass der Anteil der Superreichen bis 2030 sogar auf rund 29 Prozent steigt. Zu beachten ist dabei, dass sich alle Angaben auf das Finanzvermögen beziehen und Immobilien außen vor lassen, die in Deutschland einen großen Teil des Wohlstands ausmachen. Dennoch bleibt der Befund eindeutig: Der Reichtum wächst vor allem dort, wo bereits große Kapitalbestände vorhanden sind, während viele Haushalte kaum am Vermögensaufbau teilhaben. Diese Schieflage verschärft sich, weil die reale Rendite vieler Sparer nach Abzug der Inflation gering bleibt und der Abstand zur Vermögensspitze so nur schwer aufzuholen ist.