Schwedische Kohorte

Längere Elternzeit schützt Väter offenbar vor Depressionen

 Dennis Lenz

Längere Elternzeit schützt Väter offenbar vor Depressionen
(Symbolbild) Väter, die mehrere Monate Elternzeit nehmen, entwickeln in den ersten Lebensjahren ihres Kindes seltener depressive Symptome als Väter mit nur wenigen Wochen Auszeit. Das zeigt eine schwedische Kohortenstudie mit 746 Teilnehmern. Der Schutzeffekt gilt allerdings nur für ein bestimmtes Zeitfenster, und genau das macht den Befund so interessant. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die Geburt eines Kindes gilt als eine der schönsten, aber auch psychisch verletzlichsten Phasen im Leben. Eine schwedische Studie legt nun nahe, dass die Dauer der Elternzeit für die seelische Gesundheit von Vätern eine messbare Rolle spielt. Männer, die zwischen 14 und 40 Wochen zu Hause blieben, zeigten deutlich seltener depressive Symptome als Väter mit höchstens vier Wochen Auszeit. Überraschend ist, für welche Gruppen der Zusammenhang gerade nicht galt.

Die psychische Gesundheit rund um die Geburt wurde in der Forschung jahrzehntelang fast ausschließlich bei Müttern untersucht, etwa im Zusammenhang mit der postpartalen Depression. Dabei zeigen internationale Erhebungen, dass auch ein erheblicher Teil der Väter im ersten Jahr nach der Geburt depressive Symptome oder Angstzustände entwickelt. Schlafmangel, finanzielle Sorgen, veränderte Partnerschaftsdynamik und der Rollenwechsel zum Elternteil belasten beide Geschlechter, doch Angebote, Vorsorge und wissenschaftliche Aufmerksamkeit konzentrieren sich bis heute überwiegend auf Mütter. Ob und wie familienpolitische Instrumente wie die Elternzeit die seelische Verfassung von Vätern beeinflussen, ist deshalb vergleichsweise schlecht erforscht, obwohl Millionen Männer jedes Jahr vor genau dieser Entscheidung stehen: Wie viel Auszeit nehme ich mir für mein Kind, und was macht das mit mir?

Schweden bietet für diese Frage ein ideales Untersuchungsfeld, denn das Land verfügt über eines der großzügigsten Elternzeitsysteme der Welt. Jedem Elternteil stehen dort 90 nicht übertragbare Elternzeittage zu, was etwa 13 Wochen entspricht, hinzu kommen frei aufteilbare Monate. Väter nehmen in Schweden entsprechend häufig und lange Auszeiten, sodass Forscher die Auswirkungen unterschiedlicher Elternzeitdauern in großem Maßstab vergleichen können. Ein Team um Jingyi Wang und Michael B. Wells vom Karolinska-Institut in Stockholm hat genau das getan und die Ergebnisse im Juni 2026 im American Journal of Public Health veröffentlicht. Im Zentrum stand die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen der Länge der väterlichen Auszeit und späteren depressiven Symptomen gibt.

Wie die Studie zur Elternzeit ablief

Für die Untersuchung begleiteten die Forscher 746 schwedische Väter mit einem Durchschnittsalter von knapp 34 Jahren über 18 Monate. Die Beobachtung begann, als die Kinder rund neun Monate alt waren, und endete im Alter von etwa 27 Monaten. Zu beiden Zeitpunkten beantworteten die Männer standardisierte Fragen zu depressiven Symptomen, die Angaben zur tatsächlich genommenen Elternzeit wurden bei der späteren Befragung erhoben. Methodisch wichtig: Weil die seelische Verfassung eines Vaters umgekehrt auch beeinflussen kann, wie viel Auszeit er überhaupt nimmt, rechneten die Forscher die zu Studienbeginn gemessenen Symptome ebenso heraus wie familiäre und sozioökonomische Faktoren und die Elternzeitdauer der Mutter. Die Details der Untersuchung beschreibt das Karolinska-Institut in seiner Mitteilung zur Veröffentlichung.

Nur ein bestimmtes Zeitfenster zeigt den Effekt

Das zentrale Ergebnis: Väter, die zwischen 14 und 40 Wochen Elternzeit genommen hatten, zeigten bei der Nachbefragung signifikant seltener Anzeichen einer Depression als Väter, die höchstens vier Wochen pausiert hatten. Bemerkenswert ist der genaue Zuschnitt dieses Fensters. Männer mit fünf bis 13 Wochen Auszeit unterschieden sich statistisch nicht von der Kurzzeitgruppe, und auch bei Vätern mit mehr als 40 Wochen ließ sich kein Vorteil nachweisen. Der mögliche Schutzeffekt beginnt also erst oberhalb der 90 reservierten Tage, die das schwedische System jedem Elternteil garantiert, und verschwindet wieder, wenn die Auszeit sehr lang wird. Die Studienautoren formulieren es so: Väter, die über die reservierten Tage hinausgehen, aber nicht mehr als etwa 60 Prozent der gesamten Elternzeit übernehmen, könnten psychisch am meisten profitieren. Die vollständigen Daten sind in der Originalveröffentlichung im American Journal of Public Health dokumentiert.

Warum ausgerechnet dieses mittlere Zeitfenster? Die Forscher haben dafür eine plausible Hypothese. Eine über Monate gelebte Zeit zu Hause erlaubt es Vätern demnach, eine enge Bindung zum Kind aufzubauen, Sicherheit in der Elternrolle zu gewinnen und stabile Alltagsroutinen zu etablieren, was depressiven Symptomen entgegenwirken könnte. Wenige Wochen reichen dafür womöglich nicht aus, weil der Alltag mit Kind gerade erst beginnt, wenn die Auszeit schon endet. Sehr lange Abwesenheiten vom Beruf könnten dagegen eigene Belastungen erzeugen, etwa finanzielle Einbußen, Karrieresorgen oder soziale Isolation, die den Bindungsgewinn wieder aufzehren. Belegt sind diese Mechanismen durch die Studie nicht, sie beschreibt zunächst nur den statistischen Zusammenhang, doch das Muster passt zu früheren Befunden über die Bedeutung von Rollensicherheit und Alltagsstruktur für die psychische Stabilität junger Eltern.

Was die Befunde über Schweden hinaus bedeuten

Interessant sind die Ergebnisse auch für Deutschland, wo das Elterngeld Vätern über die Partnermonate gezielt Anreize für längere Auszeiten setzt, die tatsächlich genommenen Väterzeiten im Schnitt aber deutlich kürzer ausfallen als in Schweden. Eine direkte Übertragung verbietet sich zwar, weil sich Absicherung, Arbeitsmarkt und Rollenbilder zwischen den Ländern unterscheiden. Der Befund stützt jedoch die Sichtweise, dass Elternzeit nicht nur ein familienpolitisches, sondern auch ein gesundheitspolitisches Instrument ist. Das gesellschaftliche Umfeld für solche Entscheidungen verändert sich derzeit ohnehin spürbar, wie auch die aktuelle Entwicklung zeigt, nach der sich der Geburtenrückgang in Deutschland spürbar verlangsamt hat. Je weniger Kinder geboren werden, desto stärker rückt die Frage in den Fokus, wie gut es jungen Familien tatsächlich geht.

In dieselbe Richtung weist eine parallel im selben Fachjournal erschienene US-Untersuchung mit 4.290 Vätern. Dort zeigte sich, dass Männer, die eine gewünschte Auszeit aus finanziellen Gründen oder aus Angst um den Arbeitsplatz nicht nehmen konnten, besonders häufig unter Depressionen und Angstsymptomen litten. Unter den Vätern, die finanzielle Hürden als Grund nannten, berichteten rund drei Viertel von depressiven Beschwerden. Zusammen ergeben beide Studien ein konsistentes Bild: Nicht die Auszeit selbst, sondern ihre Rahmenbedingungen entscheiden offenbar mit darüber, wie gesund Männer durch die erste Familienphase kommen. In den USA hängt die väterliche Psyche demnach vor allem an der Frage, ob die Auszeit bezahlt ist, in Schweden eher am Finden einer ausgewogenen Dauer.

Wo die Grenzen der Untersuchung liegen

Wie jede Beobachtungsstudie kann auch diese Untersuchung keine Ursache-Wirkung-Beziehung beweisen. Trotz der statistischen Kontrolle von Ausgangssymptomen und Lebensumständen bleibt möglich, dass Väter, die längere Auszeiten wählen, sich in unbeobachteten Merkmalen von anderen unterscheiden, etwa in Partnerschaftsqualität, Arbeitsplatzsicherheit oder Persönlichkeit. Zudem beruhen die Symptomangaben auf Selbstauskünften, und die Stichprobe von 746 Männern erlaubt keine feingliedrige Analyse einzelner Untergruppen. Dennoch gilt die Arbeit als wichtiger Baustein, weil sie die lange vernachlässigte Väterperspektive mit belastbaren Längsschnittdaten füllt. Wie prägend die frühe Familienphase langfristig sein kann, unterstreicht auch die Forschung zur Erziehung selbst, etwa eine aktuelle Studie, wonach übermäßige Nachsicht in der Kindheit dunkle Charakterzüge begünstigen kann. Die Autoren fordern nun Folgestudien, die klären, welche Elemente der Elternzeit den möglichen Schutzeffekt tatsächlich tragen.

American Journal of Public Health, Beyond the 90 Reserved Days for Each Parent: Associations Between Fathers Parental Leave Duration and Depression Symptoms in a Swedish National Cohort Study; doi:10.2105/AJPH.2026.308589

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