Kindern möglichst viel zu geben und wenig zu verwehren, erscheint vielen Eltern als liebevolle Erziehung. Eine Studie legt jedoch nahe, dass übermäßige Nachgiebigkeit einen unerwarteten Preis haben kann. Bei 720 jungen Erwachsenen ging eine erinnerte, stark nachgiebige Erziehung mit ausgeprägteren dunklen Persönlichkeitszügen einher, darunter narzisstischer Antagonismus und psychopathische Gefühlskälte. Elterliches Lob zeigte dagegen ein genau umgekehrtes Muster und wirkte offenbar schützend gegen die Entwicklung solcher Eigenschaften.
Die Psychologie fasst besonders problematische Charaktereigenschaften unter dem Begriff der Dunklen Triade zusammen. Dazu zählen Narzissmus, gekennzeichnet durch Großspurigkeit und ein überhöhtes Selbstbild, Psychopathie, geprägt von Gefühlskälte und Impulsivität, sowie Machiavellismus, ein kühl berechnendes und manipulatives Verhalten gegenüber anderen. Diese Züge existieren in unterschiedlicher Ausprägung in der ganz normalen Bevölkerung und sind nicht mit einer klinischen Störung gleichzusetzen. Woher solche Eigenschaften stammen, ist eine zentrale Frage der Entwicklungspsychologie. Seit langem wird vermutet, dass die frühe Kindheit und das elterliche Erziehungsverhalten eine wichtige Rolle spielen. Bisherige Forschung behandelte die dunklen Züge jedoch oft als grobe, einheitliche Kategorien, was zu widersprüchlichen Befunden führte. Die neue Untersuchung wählte deshalb einen feineren Zugang und zerlegte jede der drei Dimensionen in ihre einzelnen Bestandteile, um genauer zu bestimmen, welche Erziehungsstrategie mit welchem spezifischen Merkmal zusammenhängt.
Für die im Fachjournal Current Psychology veröffentlichte Studie befragte das Forschungsteam 720 Studierende, die sich an sechs verschiedene Erziehungsstrategien ihrer Eltern erinnern sollten. Erfasst wurden Lob, Nachgiebigkeit, die Betonung von Status, Fürsorge, die Verweigerung psychologischer Eigenständigkeit sowie die Ermutigung zu eigenständigem Verhalten. Diese erinnerten Erziehungsmuster setzten die Forscher anschließend mithilfe paralleler Drei-Faktor-Modelle in Beziehung zu den einzelnen Facetten von Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus. Der methodische Kern lag darin, nicht nach einem pauschalen Zusammenhang zu suchen, sondern gezielt zu prüfen, welche konkrete elterliche Verhaltensweise mit welchem konkreten Persönlichkeitsmerkmal verknüpft ist. So ließ sich ein deutlich differenzierteres Bild zeichnen, als es frühere Studien mit ihren groben Kategorien ermöglicht hatten.
Die Ergebnisse der im Fachjournal Current Psychology erschienenen Untersuchung zeichnen ein klares Muster. Eine erinnerte hohe elterliche Nachgiebigkeit ging mit ungünstigen Persönlichkeitszügen über alle drei Bereiche hinweg einher, konkret mit stärkerem narzisstischem Antagonismus sowie mit psychopathischer Gemeinheit und Enthemmung, also der Neigung, impulsiv und ohne Rücksicht auf Konsequenzen zu handeln. Zugleich hing eine solche Verwöhnung mit geringer ausgeprägten, eher förderlichen Eigenschaften zusammen, etwa weniger vorausschauender Planung und geringerer gesunder Zielstrebigkeit. Das legt nahe, dass das Erfüllen aller Wünsche eher Feindseligkeit und Impulsivität begünstigt als gesundes Selbstvertrauen und Selbststeuerung. Wie stark familiäre und genetische Faktoren bei der Entstehung solcher Züge zusammenwirken, zeigt auch die Forschung dazu, ob Narzissmus vererbt oder durch die Erziehung geprägt wird.
Auffällig ist das gegenteilige Muster beim elterlichen Lob. Hohe Werte an erinnertem Lob in der Kindheit hingen durchgängig mit geringeren feindseligen und impulsiven Zügen zusammen, weshalb die Forscher Lob als schützenden Faktor einordnen. Damit stützt die Studie die Annahme, dass unterschiedliche Erziehungsstrategien nicht pauschal, sondern sehr spezifisch einzelne Persönlichkeitsfacetten formen. Einordnend ist jedoch entscheidend, dass es sich um erinnerte Erziehung handelt, die im Nachhinein von jungen Erwachsenen berichtet wurde, und dass die Studie Zusammenhänge, aber keine eindeutige Ursache-Wirkungs-Kette belegt. Erinnerungen an die eigene Kindheit können verzerrt sein, und andere Einflüsse wie genetische Veranlagung oder das weitere soziale Umfeld spielen ebenfalls eine Rolle. Verwöhnung führt also nicht zwangsläufig zu einem dunklen Charakter. Dennoch liefert die Untersuchung einen differenzierten Hinweis darauf, wie stark das frühe Erziehungsverhalten die spätere Persönlichkeit mitprägen kann.