Zwischen 2022 und 2023 haben skeptische Haltungen gegenüber dem Klimawandel und der Klimapolitik in Deutschland erstmals seit Jahren wieder deutlich zugenommen. Eine neue Auswertung repräsentativer Befragungsdaten ordnet die Zweifel fünf verschiedenen Dimensionen zu und untersucht gezielt, welche sozialstrukturellen Merkmale mit dem Anstieg zusammenhängen. Das Ergebnis widerspricht der verbreiteten Annahme, wirtschaftliche Belastung sei der wesentliche Treiber. Stattdessen rücken Vertrauen und Weltbild in den Mittelpunkt.
Unter Klimaskepsis versteht die Forschung kein einheitliches Meinungsbild, sondern ein Bündel unterschiedlicher Zweifel, die sich analytisch klar voneinander trennen lassen. Die erste Dimension betrifft die Frage, ob eine ökologische Krise überhaupt existiert. Die zweite bezieht sich darauf, ob diese Krise vom Menschen verursacht wird. Die dritte richtet sich auf die Anerkennung der bereits eingetretenen Folgen. Die vierte betrifft Prozesse zur Eindämmung, also insbesondere Energiewende und Dekarbonisierung. Die fünfte schließlich zielt auf konkrete klimapolitische Instrumente wie Umweltsteuern. Diese Aufteilung ist methodisch bedeutsam, weil eine Person die naturwissenschaftliche Grundlage vollständig anerkennen und dennoch einzelne Maßnahmen ablehnen kann. Wer beide Ebenen vermischt, erhält verzerrte Werte. Untersuchungen zum Klimawandel und seinen messbaren physikalischen Folgen berühren dabei nur die erste dieser fünf Ebenen und sagen wenig darüber aus, wie eine Gesellschaft politische Konsequenzen bewertet.
Für die aktuelle Untersuchung haben Wissenschaftler der Europa-Universität Flensburg Längsschnittdaten von 3.074 Personen ausgewertet, die zwischen 2014 und 2023 wiederholt befragt wurden. Der Vorteil dieses Designs liegt darin, dass sich Veränderungen innerhalb derselben Personen nachvollziehen lassen und nicht nur Momentaufnahmen verschiedener Stichproben verglichen werden. Damit lässt sich unterscheiden, ob sich die Zusammensetzung der Befragten geändert hat oder ob tatsächlich einzelne Menschen ihre Einstellung verschoben haben. Im Fokus steht der Übergang von 2022 auf 2023, weil dort erstmals seit Jahren ein deutlicher Anstieg auftrat. Anders als frühere Arbeiten, die vor allem individuelle Merkmale wie Bildung oder Alter betrachteten, richtet die Analyse den Blick gezielt auf sozialstrukturelle Faktoren. Untersucht wurde also nicht nur, wer skeptisch ist, sondern in welchen gesellschaftlichen Konstellationen sich Skepsis verstärkt und welche Merkmale dabei besonders eng miteinander verknüpft auftreten.
Nach Angaben der Forscher zeigten 59 Prozent der Befragten im Jahr 2023 insgesamt stärkere skeptische Einstellungen als im Vorjahr. Noch aussagekräftiger ist ein zweiter Wert: Bei 93 Prozent der Teilnehmer wurden in mindestens einer der fünf untersuchten Dimensionen stärkere Zweifel gemessen. Damit handelt es sich nicht um eine Verschiebung innerhalb einer kleinen, klar abgrenzbaren Gruppe, sondern um eine Bewegung, die sich quer durch nahezu alle Bevölkerungssegmente zieht. Besonders auffällig ist, dass die Zunahme gerade dort ausgeprägt war, wo die Ausgangswerte zuvor niedrig lagen, wo also bislang kaum Zweifel geäußert wurden. Gestiegen sind nicht nur die Vorbehalte gegenüber einzelnen Instrumenten der Klimapolitik und ihren langfristigen Szenarien, sondern auch Zweifel am Bestehen einer ökologischen Krise sowie an Notwendigkeit und Wirksamkeit der Dekarbonisierung.
Am deutlichsten fiel der Anstieg bei Personen mit rechter politischer Orientierung, mit geringem Vertrauen in die Bundesregierung und mit hierarchisch geprägten Weltbildern aus. Wirtschaftliche Belastung erwies sich dagegen als schwächerer Erklärungsfaktor, als es die verbreitete Deutung nahelegt, Klimaschutz scheitere in erster Linie an dessen Kosten. Die Autoren um Emanuel Deutschmann veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachjournal Global Environmental Change und ordnen den Befund als Hinweis darauf ein, dass Klimaskepsis inzwischen eng mit allgemeinem Institutionsmisstrauen verwoben ist. Aus dieser Perspektive wäre der Anstieg weniger ein Streit über Messdaten als ein Symptom einer breiteren Vertrauenskrise. Das erklärt auch, warum reine Faktenkommunikation in Studien häufig geringe Wirkung zeigt: Wer der Quelle misstraut, bewertet auch deren Zahlen anders.
Einschränkend ist festzuhalten, dass die Untersuchung Zusammenhänge beschreibt und keine Ursachen beweist. Ob sinkendes Vertrauen die Skepsis erzeugt oder ob beides gemeinsam aus einer dritten Entwicklung hervorgeht, lässt sich aus Beobachtungsdaten nicht abschließend klären. Auch bildet der Zeitraum bis 2023 die jüngste politische Entwicklung nicht ab, sodass die aktuellen Werte höher oder niedriger liegen können. Die Europa-Universität Flensburg weist zudem darauf hin, dass Skepsis ein komplexes Phänomen mit mehreren Facetten bleibt und sich nicht auf eine einzelne Gruppe reduzieren lässt. Für die praktische Einordnung heißt das, dass Zustimmung zur Energiewende und Zustimmung zu einem konkreten Instrument getrennt erhoben werden sollten. Wie stark die realen Folgen inzwischen messbar sind, zeigen Auswertungen dazu, dass der Klimawandel die Ernten der Landwirtschaft regional stark verschiebt.
Global Environmental Change, As the Planet Heats, Public Doubt Grows: The Social Structure behind Rising Climate Change Scepticism in Germany; doi:10.1016/j.gloenvcha.2026.103202