Wahlentscheidungen

Kandidaten mit kompetentem Gesicht gewinnen häufiger Wahlen

 Dennis Lenz

Kandidaten mit kompetentem Gesicht gewinnen häufiger Wahlen
(Symbolbild) Wahlentscheidungen gelten als Ergebnis rationaler Abwägung von Programmen und Argumenten. Eine klassische Studie stellt diese Annahme infrage. Allein aufgrund eines flüchtigen Blicks auf das Gesicht von Kandidaten ließ sich der Ausgang von Wahlen erstaunlich oft vorhersagen. (Foto: © Forschung und Wissen)

Wähler entscheiden angeblich nach Programmen, Argumenten und politischen Überzeugungen. Eine vielzitierte Studie legt jedoch nahe, dass ein oberflächliches Merkmal überraschend stark mitwirkt: das Gesicht. Allein aufgrund eines flüchtigen Blicks von einer Sekunde auf die Gesichter von Kandidaten schätzten Testpersonen deren Kompetenz ein. Diese Einschätzungen sagten den Ausgang von US-Senatswahlen in fast 70 Prozent der Fälle korrekt voraus. Das rüttelt an der Vorstellung, Wahlentscheidungen seien vor allem das Ergebnis rationaler Abwägung.

Wenn Menschen ein fremdes Gesicht sehen, schreiben sie ihm blitzschnell und unbewusst Eigenschaften zu, ein Vorgang, den die Psychologie als soziale Wahrnehmung von Gesichtern bezeichnet. Zu den zentralen Dimensionen dieser schnellen Urteile gehört die wahrgenommene Kompetenz, also der Eindruck, dass jemand fähig, durchsetzungsstark und tüchtig wirkt. Solche Eindrücke entstehen innerhalb von Sekundenbruchteilen und beeinflussen nachweislich wichtige soziale Entscheidungen, von der Partnerwahl über Einstellungsgespräche bis hin zu Urteilen vor Gericht. Die Politik galt lange als Bereich, in dem sachliche Erwägungen dominieren sollten, denn eine Wahl ist eine folgenreiche Entscheidung, die idealerweise auf Programmen und Leistungen beruht. Genau deshalb war die Frage von großem Interesse, ob und wie stark der bloße erste Eindruck vom Gesicht eines Kandidaten in die Wahlentscheidung hineinwirkt, obwohl er mit dessen politischer Eignung nichts zu tun haben muss.

Ein Team um den Psychologen Alexander Todorov von der Princeton University ging dieser Frage in einer klassisch gewordenen Untersuchung nach. Die Forscher zeigten Testpersonen die Gesichter von jeweils zwei konkurrierenden, ihnen unbekannten Kandidaten aus realen US-Kongresswahlen und ließen sie allein aufgrund des Aussehens einschätzen, welcher der beiden kompetenter wirkte. Die Teilnehmer wussten nichts über die politische Zugehörigkeit oder die Positionen der Kandidaten und urteilten ausschließlich nach dem Gesicht. Um sicherzustellen, dass wirklich nur der erste Eindruck zählte, wurden die Gesichter teils nur für den Bruchteil einer Sekunde gezeigt. Anschließend verglichen die Forscher diese reinen Kompetenzurteile mit den tatsächlichen Ergebnissen der jeweiligen Wahlen. So ließ sich messen, wie eng ein flüchtiger Gesichtseindruck und der reale Wahlerfolg zusammenhängen.

Warum das Gesicht die Wahl beeinflusst

Das Ergebnis der im Fachjournal Science veröffentlichten Untersuchung war deutlich. Die allein aus dem Gesicht abgeleiteten Kompetenzurteile sagten den Ausgang der Wahlen besser voraus als der Zufall, konkret in 68,8 Prozent der Senatswahlen des Jahres 2004. Zudem hing die wahrgenommene Kompetenz linear mit dem Vorsprung des Siegers zusammen, denn je kompetenter ein Kandidat wirkte, desto größer fiel im Mittel sein Stimmenvorsprung aus. Die Urteile waren dabei spezifisch für Kompetenz und ließen sich nicht allein durch allgemeine Sympathie erklären. Bemerkenswert ist, dass diese Vorhersagekraft schon bei einer Betrachtungszeit von nur einer Sekunde bestand. Die Autoren schließen daraus, dass rasche, unreflektierte Eindrücke zu Wahlentscheidungen beitragen können, die gemeinhin als überwiegend rational und abwägend gelten. Wie schnell solche Gesichtseindrücke generell entstehen, zeigt auch die Forschung dazu, wie das Gehirn Gesichter in kürzester Zeit verarbeitet.

Was der Befund für Wahlen bedeutet

Die Tragweite dieser Erkenntnis ist beträchtlich, denn sie berührt das Fundament demokratischer Entscheidungen. Wenn ein oberflächliches Merkmal wie der Gesichtsausdruck den Wahlausgang mitbestimmt, stellt sich die Frage nach der Rationalität von Wahlentscheidungen neu. Wichtig ist die Einordnung, dass ein Zusammenhang keine alleinige Ursache ist, denn die wahrgenommene Kompetenz erklärt nur einen Teil der Wahlergebnisse und wirkt vermutlich vor allem dann, wenn Wähler wenig über die Kandidaten wissen. Programme, Parteibindung und aktuelle politische Themen bleiben entscheidend. Die Studie zeigt jedoch, wie tief unbewusste Urteilsmuster in scheinbar rationale Entscheidungen hineinreichen. Wie stark solche schnellen Eindrücke unser Verhalten prägen, offenbart sich auch in der Forschung dazu, wie das Gehirn aus vielen Sinnesreizen blitzschnell ein Gesamturteil formt. Das Wissen darum kann helfen, Wahlentscheidungen bewusster zu treffen.

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