Sinnesvielfalt

Menschliche Sinne reichen weit über die bekannten fünf hinaus

 Dennis Lenz

Menschliche Sinne reichen weit über die bekannten fünf hinaus
(Symbolbild). Die verbreitete Vorstellung von genau fünf Sinnen gilt in der Forschung längst als grobe Vereinfachung. Statt getrennter Kanäle beschreibt die moderne Neurowissenschaft ein dichtes Netz parallel arbeitender Systeme, das jede Empfindung formt. Wie eng die menschliche Sinne dabei ineinandergreifen, zeigt sich schon bei Geschmack, Gleichgewicht und Körpergefühl. (Foto: © Forschung und Wissen)

Die Vorstellung von genau fünf Sinnen prägt den Alltag, doch die moderne Sinnesforschung zeichnet ein deutlich vielschichtigeres Bild. Fachleute rechnen inzwischen mit einer weit größeren Zahl parallel arbeitender Wahrnehmungssysteme, die ständig miteinander verrechnet werden. Neben Sehen und Hören steuern etwa Propriozeption, Interozeption und ein vestibuläres System unbemerkt jede Bewegung und jede Empfindung. Sogar vertraute Kategorien wie Tasten und Schmecken erweisen sich als Bündel mehrerer Einzelsinne. Warum die klassische Fünferliste damit zur groben Vereinfachung wird, zeigt ein Blick auf die menschliche Wahrnehmung im Detail.

In der Schule lernen die meisten Menschen, dass der Wahrnehmung genau fünf Kanäle zugrunde liegen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten. Diese Einteilung geht auf den Philosophen Aristoteles zurück und hat sich über zwei Jahrtausende als kulturelles Grundwissen gehalten. Aus Sicht der modernen Neurowissenschaft greift sie jedoch zu kurz, denn die menschliche Wahrnehmung stützt sich auf zahlreiche spezialisierte Systeme, die zugleich Signale liefern. Der Begriff Multisensorik beschreibt genau dieses Zusammenspiel, bei dem das Gehirn Reize aus vielen Quellen nicht getrennt verarbeitet, sondern fortlaufend zu einem einheitlichen Eindruck verrechnet. Schon einfache Alltagshandlungen wie das Greifen nach einer Tasse verbinden Sehreize, Druckempfindungen, Temperaturinformationen und die Rückmeldung der Muskeln zu einer scheinbar mühelosen Bewegung. Genau diese Selbstverständlichkeit verdeckt, wie viele einzelne menschliche Sinne im Hintergrund gleichzeitig aktiv sind und wie stark sie sich gegenseitig stützen.

Wahrnehmung ist deshalb keine passive Aufnahme fertiger Bilder, sondern eine aktive Konstruktion des Gehirns, das lückenhafte und teils widersprüchliche Daten zu einem stabilen Erleben zusammensetzt. Dass dieser Vorgang selbst bei scheinbar simplen Abläufen erstaunlich aufwendig ist, verdeutlicht die Frage, warum die Umgebung beim Blinzeln nicht kurz im Dunkeln versinkt, obwohl die Lidschläge den Lichteinfall regelmäßig unterbrechen. Weil die einzelnen Systeme so eng verzahnt sind, kann eine Veränderung in einem Kanal das Erleben in einem anderen verschieben, ohne dass es bewusst auffällt. Diese gegenseitige Beeinflussung ist kein Störfaktor, sondern das eigentliche Funktionsprinzip. Erst durch die ständige Verrechnung vieler Reize entsteht ein zusammenhängendes Bild der Umwelt, das verlässlich genug ist, um sich sicher zu bewegen, Nahrung einzuschätzen und Gefahren früh zu erkennen.

Weit mehr Sinne als die klassischen fünf

Der Experimentalpsychologe Charles Spence von der Universität Oxford geht davon aus, dass der Mensch je nach Zählweise zwischen 22 und 33 unterscheidbare Sinnessysteme besitzt. Zu den weniger bekannten zählt die Propriozeption, also das Wissen über die Stellung der eigenen Gliedmaßen, das es erlaubt, mit geschlossenen Augen die Nasenspitze zu treffen. Die Interozeption meldet innere Zustände wie Hunger, Puls oder Atmung, während ein vestibuläres System im Innenohr über den Gleichgewichtssinn Lage und Beschleunigung des Körpers erfasst. Hinzu kommen ein Gefühl der Urheberschaft eigener Bewegungen und ein Gefühl des Körperbesitzes, die beide bei bestimmten Schlaganfallpatienten gestört sein können. Dass mehrere Kanäle gemeinsam zu einem stärkeren Eindruck führen, zeigt sich auch beim Lernen, etwa wenn sich Vokabeln über mehrere Sinne zugleich besser einprägen. Diese multisensorische Integration erklärt, warum die einzelnen Systeme so eng und verlustarm zusammenarbeiten.

Wenn ein Sinn heimlich den anderen verändert

Selbst die vertrauten Sinne erweisen sich bei genauer Betrachtung als zusammengesetzt. Was umgangssprachlich als Tasten gilt, umfasst getrennte Anteile für Druck, Temperatur, Juckreiz und Schmerz. Noch deutlicher wird die Vermischung beim Schmecken, denn der wahrgenommene Geschmack entsteht erst aus dem Zusammenspiel von Zunge, Nase und Mundgefühl, das gemeinsam das ergibt, was als Aroma erlebt wird. Wie stark diese Verknüpfungen wirken, beschreibt die Forschung zur multisensorischen Verrechnung von Aromen, in der sich zeigt, dass der Geruch eines Shampoos das Gefühl von seidigem Haar verstärken und ein intensives Aroma fettarmen Joghurt cremiger erscheinen lassen kann, ohne dass tatsächlich Fett hinzukommt. Solche Effekte sind keine Täuschungen im engeren Sinn, sondern folgerichtige Ergebnisse eines Systems, das Reize verschiedener Herkunft zu einem stimmigen Gesamteindruck verbindet und dabei Erwartungen aktiv einbezieht.

Warum viele Speisen im Flugzeug anders schmecken

Besonders anschaulich wird das Zusammenspiel in der Flugzeugkabine. Der konstante Hintergrundlärm dämpft die Wahrnehmung von salzig, süß und sauer, während herzhafte Umami-Noten wie im Tomatensaft vergleichsweise kräftig bleiben, was erklärt, warum bestimmte Getränke über den Wolken beliebter sind als am Boden. Untersuchungen zum akustischen Einfluss auf die Geschmackswahrnehmung zeigen, dass schon die Geräuschkulisse beim Essen verändert, wie intensiv einzelne Komponenten erlebt werden. Dass laute Umgebungen den Körper unmittelbar beeinflussen, ist auch von extrem lauten Schallereignissen bekannt, die Gleichgewicht und Kreislauf spürbar stören können. Zugleich prägt der Gleichgewichtssinn sogar das Sehen, denn in einem startenden Flugzeug wirkt die Kabine leicht geneigt, weil das Innenohr die Rücklage des Körpers meldet. Solche alltäglichen Kreuzeffekte, die auch interaktive Ausstellungen wie Senses Unwrapped erfahrbar machen, zeigen die menschliche Wahrnehmung als fortlaufende Aushandlung vieler Sinne.

Cell, Multisensory flavor perception; doi:10.1016/j.cell.2015.03.007
Flavour, Eating with our ears assessing the importance of the sounds of consumption; doi:10.1186/2044-7248-4-3

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