Macht der Gedanken

Erwartungen an das Altern werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung

 Dennis Lenz

Erwartungen an das Altern werden zur selbsterfüllenden Prophezeiung
(Symbolbild) Wie Menschen ihr eigenes Älterwerden erwarten, ist offenbar weit mehr als eine private Vorstellung, denn diese Erwartungen greifen messbar in das spätere Leben ein. Zwei Studien mit insgesamt zehn Jahren Beobachtungszeit zeigen, dass die Bilder vom Altern das Sozialleben im Alter mitformen und sogar beeinflussen, wie alltägliche Begegnungen erlebt werden. Die Psychologie rückt damit neben Bewegung und Ernährung als dritte Säule eines gesunden Lebensabends in den Blick. Da Altersbilder veränderbar sind, sehen die Forscher darin einen bislang unterschätzten Hebel gegen Einsamkeit im Alter. Entscheidend ist demnach, worauf die eigene Aufmerksamkeit im Alltag gelenkt wird. (Foto: © Forschung und Wissen)

Was Menschen von ihrem eigenen Älterwerden erwarten, bleibt keine bloße Vorstellung, sondern formt das spätere Leben aktiv mit. Zu diesem Ergebnis kommt ein internationales Forschungsteam unter Leitung der Universität Wien, das 459 Erwachsene über zehn Jahre begleitet hat. Wer sich das Alter mit engen Freundschaften und Familie ausmalte, verbrachte Jahre später tatsächlich mehr Zeit mit anderen Menschen. Die Psychologen sprechen von einem Mechanismus, der wie eine selbsterfüllende Prophezeiung wirkt, und sehen darin einen unterschätzten Hebel für ein gesundes Leben im Alter.

Jeder Mensch trägt Bilder davon in sich, wie das eigene Leben im Alter einmal aussehen wird, auch wenn sich die wenigsten bewusst damit beschäftigen. Die meisten fühlen sich ohnehin jünger, als sie sind, und schieben das Thema weit von sich. Aus der Psychologie ist jedoch seit Langem bekannt, dass Erwartungen das Verhalten steuern können. Das klassische Beispiel ist die Prüfungsangst, bei der die Furcht vor dem Scheitern so viel Stress erzeugt, dass sie das Scheitern tatsächlich herbeiführt. Ob ein vergleichbarer Mechanismus auch über Jahrzehnte hinweg das Älterwerden prägt, war bislang kaum mit belastbaren Langzeitdaten untersucht. Genau diese Lücke schließen nun zwei Studien, die unter Federführung der Wiener Psychologin Christina Ristl entstanden sind und in den Fachjournalen Psychology and Aging sowie Journal of Gerontology Series B erschienen sind.

Für die erste Untersuchung begleiteten die Forscher 459 Erwachsene im Alter zwischen 30 und 80 Jahren über einen Zeitraum von zehn Jahren. Zu drei Messzeitpunkten erfassten sie, wie sich die Teilnehmer ihr eigenes Sozialleben im Alter vorstellen, und verglichen diese Erwartungen mit der Zeit, die die Personen tatsächlich mit sozialen Aktivitäten verbrachten. Im Mittelpunkt standen dabei Familienbeziehungen, Freundschaften und freiwilliges Engagement. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt in der langen Laufzeit, denn nur so lässt sich unterscheiden, ob Erwartungen dem Verhalten vorausgehen oder lediglich beschreiben, was ohnehin schon gelebt wird. Genau diese Reihenfolge erwies sich am Ende als entscheidender Punkt der gesamten Auswertung.

Positive Erwartungen gehen dem aktiveren Sozialleben voraus

Das Ergebnis fiel eindeutig aus. Menschen, die für ihr Alter ein erfülltes Sozialleben erwarteten, verbrachten Jahre später tatsächlich mehr Zeit mit Familie und Freunden. Besonders deutlich zeigte sich der Zusammenhang bei familiären Beziehungen im höheren Erwachsenenalter. Vor allem aber gingen die Erwartungen dem aktiveren Sozialleben zeitlich voraus und nicht umgekehrt, was für einen echten Einfluss der inneren Bilder spricht. Ristl erklärt das damit, dass Erwartungen steuern, worauf Menschen achten, welche Ziele sie verfolgen und wie sie soziale Situationen deuten. Wer davon ausgeht, im Alter einsam zu sein, rechnet eher mit Ablehnung und lässt Kontakte schleifen. Wer dagegen enge Freundschaften erwartet, hält Verbindungen, schlägt gemeinsame Unternehmungen vor und investiert in Beziehungen, die sich später auszahlen.

Wie Altersbilder den Alltag färben

Die zweite Studie nahm den unmittelbaren Alltag in den Blick und untersuchte, wie die Wahrnehmung des eigenen Älterwerdens einzelne Begegnungen beeinflusst. An Tagen, an denen die Teilnehmer ihr Altern positiver erlebten, berichteten sie auch von angenehmeren sozialen Kontakten. Fielen ihnen dagegen verstärkt altersbezogene Verluste auf, wurden Begegnungen häufiger als belastend empfunden, und dieser Effekt reichte oft bis in den Folgetag hinein. Bemerkenswert ist, dass der Zusammenhang nur in eine Richtung wirkte, denn einzelne Begegnungen veränderten die Sicht auf das eigene Altern nicht. Nach Ristls Worten schreiben Menschen wahrgenommene Veränderungen oft recht willkürlich dem Alter zu, etwa wenn sie sich beim Sport langsamer fühlen oder den Schlüssel verlegen, während dieselbe Beobachtung ebenso gut als normale Tagesform gedeutet werden könnte.

Warum sich niemand für die Ausnahme halten sollte

Eine wichtige Rolle spielt dabei ein Phänomen, das die Forscher als Distanzierung vom eigenen Alter beschreiben. Viele Menschen betrachten das Alter zwar als etwas Negatives, sehen sich selbst aber als Ausnahme von der Regel. Diese Schutzstrategie funktioniert im Alltag erstaunlich gut, gerät jedoch in Phasen der Einsamkeit ins Wanken, die in jedem Lebensalter auftreten können. Wer Einsamkeit dann mit dem Altsein verknüpft, übernimmt verstärkt negative Altersstereotype und zieht sich weiter zurück, sodass selbst gut eingebundene Personen ihre Kontakte reduzieren. Aus einer vorübergehenden Phase kann so eine dauerhafte Abwärtsspirale werden. Wie viel Entwicklungspotenzial das Gehirn selbst im hohen Alter behält, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung, nach der sich das Gehirn noch mit über 90 Jahren verbessern kann.

Ein neuer Ansatzpunkt gegen Einsamkeit im Alter

Für die Forscher folgt aus beiden Studien eine ermutigende Botschaft, denn Altersbilder sind keine feststehenden Eigenschaften, sondern lassen sich verändern. Damit könnten sie ein bislang wenig beachteter Ansatzpunkt sein, um soziale Teilhabe zu fördern und Einsamkeit vorzubeugen, noch bevor sie chronisch wird. Ristl ordnet die Psychologie dabei ausdrücklich als dritte Säule eines gesunden Lebensabends neben Bewegung und Ernährung ein. Einschränkend gilt, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt, die keine letztgültigen Kausalbeweise liefern, auch wenn der zeitliche Vorlauf der Erwartungen klar dafür spricht. Wie groß der Spielraum für die Gesundheit im Alter insgesamt ist, unterstreicht eine Langzeitstudie, wonach fast die Hälfte aller Demenz auf vermeidbare Risiken zurückgeht.

Die zentralen Ergebnisse beider Untersuchungen fasst die Pressemitteilung der Universität Wien zusammen, in der auch das Studiendesign im Detail beschrieben wird.

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