Kein Alterslimit

Das Gehirn kann sich noch mit über 90 Jahren verbessern

 Dennis Lenz

Das Gehirn kann sich noch mit über 90 Jahren verbessern
(Symbolbild) Lange galt es als ausgemacht, dass die geistige Leistungsfähigkeit mit den Jahren zwangsläufig nachlässt. Eine große Langzeitstudie deutet nun aber darauf hin, dass sich das Gehirn bis ins hohe Alter noch messbar verbessern lässt. Entscheidend war dabei weniger das Alter der Teilnehmer als ihr tägliches Verhalten. Wer am wenigsten Fähigkeiten mitbrachte, legte im Test sogar am deutlichsten zu. (Foto: © Forschung und Wissen)

Dass die geistige Leistungsfähigkeit mit zunehmendem Alter zwangsläufig sinkt, gilt vielen als ausgemacht. Eine große Langzeitstudie stellt diese Annahme über das Gehirn nun grundlegend infrage. Über drei Jahre begleiteten Forschende fast 4000 Menschen zwischen 19 und 94 Jahren und maßen regelmäßig deren geistige Verfassung. Das Ergebnis widerspricht der verbreiteten Vorstellung vom unaufhaltsamen Abbau. Besonders eine Gruppe der Teilnehmer legte dabei deutlich stärker zu als erwartet.

Der Gedanke, dass das Gehirn ab einem gewissen Alter unweigerlich an Kraft verliert, prägt seit Langem den Blick auf das Älterwerden. Tatsächlich lassen bestimmte Leistungen wie die Verarbeitungsgeschwindigkeit im Durchschnitt mit den Jahren nach, und schwere Erkrankungen wie Demenz nehmen im hohen Alter zu. Doch daraus wird oft der falsche Schluss gezogen, geistiger Abbau sei ein Automatismus, gegen den sich nichts ausrichten lässt. Genau diesen Punkt hat ein Forschungsteam des Center for BrainHealth an der University of Texas at Dallas untersucht. Über einen Zeitraum von drei Jahren begleitete es eine große Gruppe Erwachsener und prüfte halbjährlich, wie sich deren kognitive Fähigkeiten, ihr emotionales Gleichgewicht und ihre soziale Verbundenheit entwickelten. Die Studie fragt damit nicht nur nach Verlusten, sondern ausdrücklich nach dem Potenzial für Verbesserungen über die gesamte Lebensspanne.

Erfasst wurde die geistige Verfassung mit einem eigens entwickelten Kennwert, dem BrainHealth Index. Er bündelt rund zwanzig einzelne Messgrößen und stützt sich unter anderem auf etablierte Fragebögen zu Schlafqualität und Wohlbefinden sowie auf Aufgaben zu komplexem Denken. Der Index vergleicht jede Person nicht mit anderen, sondern mit ihren eigenen früheren Werten und macht so Fortschritte wie Rückschritte über die Zeit sichtbar. Anders als klassische Tests, die vor allem Defizite aufspüren sollen, ist er darauf ausgelegt, auch nach oben gerichtete Veränderungen zu erfassen. Die Teilnehmer wandten täglich nur wenige Minuten für kurze Übungen, Strategietrainings und Anregungen zu einem gehirnfreundlichen Alltag auf. Auf dieser Grundlage lässt sich prüfen, ob und wie stark sich die Gehirnleistung im Verlauf von drei Jahren verändert, und ob das Alter dabei wirklich die entscheidende Rolle spielt.

Warum das Gehirn bis ins hohe Alter formbar bleibt

Das zentrale Ergebnis fällt deutlich aus: Über alle Altersgruppen hinweg verbesserten sich die Teilnehmer messbar, und zwar unabhängig von ihrem Ausgangsniveau. Selbst Menschen in ihren Achtzigern und Neunzigern legten zu, teils in einem ähnlichen Tempo wie deutlich jüngere Personen. Eine obere Altersgrenze, ab der keine Fortschritte mehr möglich gewesen wären, ließ sich in den Daten nicht erkennen. Veröffentlicht wurden die Resultate in der Fachzeitschrift Scientific Reports, wie aus der Veröffentlichung zur Gehirngesundheit über die Lebensspanne hervorgeht. Die Befunde stützen die Vorstellung, dass das Gehirn über das gesamte Erwachsenenleben hinweg formbar bleibt und sich durch gezieltes Verhalten beeinflussen lässt. Damit rückt weniger das kalendarische Alter in den Vordergrund als die Frage, was ein Mensch aktiv für sein Denkvermögen tut.

Wer am meisten von dem Training profitiert

Besonders bemerkenswert ist, wer die größten Fortschritte machte. Nicht die ohnehin schon leistungsstarken Teilnehmer legten am stärksten zu, sondern jene, die mit den niedrigsten Werten gestartet waren. Diese Gruppe holte über die drei Jahre spürbar auf, und der Effekt blieb auch dann bestehen, als die Forschenden den statistischen Umstand berücksichtigten, dass sehr niedrige Werte von allein etwas nach oben tendieren. Ein schwacher Ausgangswert ist demnach kein Dauerzustand, sondern lässt sich verändern. Wer regelmäßig die angebotenen Strategien und Übungen nutzte, verbesserte sich am deutlichsten, was die Bedeutung des eigenen Handelns unterstreicht. Solche Erkenntnisse ergänzen die Forschung zur Vorbeugung, die zeigt, dass sich ein großer Teil aller Demenzfälle auf beeinflussbare Risiken zurückführen lässt, und rücken den eigenen Lebensstil weiter in den Mittelpunkt.

Was die Studie aussagt und was nicht

Bei aller Ermutigung sind die Grenzen der Untersuchung wichtig. Die Teilnehmer meldeten sich freiwillig zu einem Online-Programm an, waren also vermutlich überdurchschnittlich motiviert, etwas für ihre geistige Fitness zu tun. Eine klassische Kontrollgruppe ohne jedes Training gab es in diesem Aufbau nicht, weshalb sich reine Übungseffekte nicht vollständig ausschließen lassen. Zudem ist der verwendete Index ein hauseigenes Instrument, dessen Aussagekraft nicht unmittelbar mit klinischen Standardtests gleichzusetzen ist. Die Studie belegt daher weniger einen streng kausalen Zusammenhang als vielmehr, dass Verbesserungen über die gesamte Lebensspanne möglich und messbar sind. Dass geistige, körperliche und Herz-Kreislauf-Gesundheit dabei eng zusammenhängen, zeigt sich auch daran, dass in wohlhabenden Ländern zugleich immer weniger Menschen einen Herzinfarkt erleiden. Für den Einzelnen bleibt die Kernbotschaft dennoch bemerkenswert optimistisch.

Scientific Reports, Measuring and increasing the brain health span across adulthood a public health imperative; doi:10.1038/s41598-026-51403-3

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