Ein großer Teil der Demenz ist offenbar kein unabwendbares Schicksal. Eine schwedische Langzeituntersuchung mit wiederholten Hirnscans ordnet beeinflussbare Risiken erstmals gezielt bestimmten Schäden im Gehirn zu. Besonders die kleinen Blutgefäße und die weiße Substanz reagieren empfindlich auf Rauchen, hohen Blutdruck und ungünstige Blutfette. Rund 45 Prozent aller Fälle gelten als potenziell vermeidbar. Welche Stellschrauben dabei am stärksten wirken, ist nun genauer bekannt.
Demenz ist ein Sammelbegriff für einen fortschreitenden Verlust von Gedächtnis, Orientierung und Denkvermögen, der viele Ursachen haben kann. Die beiden häufigsten sind die Alzheimer-Krankheit mit ihren Eiweißablagerungen sowie die vaskuläre Demenz, bei der geschädigte Blutgefäße die Versorgung des Gehirns beeinträchtigen. Ein Teil des Risikos ist unveränderlich und hängt von Alter, Geschlecht und genetischer Veranlagung ab. Ein anderer Teil lässt sich jedoch beeinflussen, etwa durch den Umgang mit Blutdruck, Blutzucker, Blutfetten und Tabakkonsum. Genau hier setzt die aktuelle Forschung an, denn bislang war unklar, welcher einzelne Faktor welche Art von Schaden im Gehirn vorantreibt. Diese Zuordnung ist entscheidend, um Vorbeugung künftig genauer auf die tatsächlichen Krankheitsmechanismen abzustimmen und nicht länger mit einem einzigen Sammelwert zu arbeiten.
Die Weltgesundheitsorganisation und große Übersichtsarbeiten gehen davon aus, dass sich die Zahl der Demenzfälle bis zum Jahr 2050 weltweit verdreifachen könnte. Nach verbreiteten Schätzungen sind rund 45 Prozent aller Erkrankungen auf potenziell veränderbare Risiken zurückzuführen. Diese Zahl wird oft als einzelner Wert für ein einzelnes Leiden verwendet, obwohl Demenz aus mehreren Prozessen im Gehirn entstehen kann, die sich im selben Menschen überlagern. Alzheimer-typische Ablagerungen und vaskuläre Schäden treten häufig gemeinsam auf. Eine schwedische Arbeitsgruppe hat deshalb untersucht, wie sich einzelne Risiken auf klar unterscheidbare Veränderungen im Gehirn auswirken. Grundlage war eine Gruppe zunächst geistig gesunder Menschen, die über mehrere Jahre wiederholt mit bildgebenden Verfahren begleitet wurden, um Veränderungen im zeitlichen Verlauf sichtbar zu machen und nicht nur einen einzelnen Zeitpunkt zu erfassen.
Im Zentrum der Untersuchung standen drei messbare Veränderungen im Gehirn. Zum einen die sogenannten Marklagerveränderungen in der weiße Substanz, also kleine Schädigungen in jenem Gewebe, das die Nervenfasern und ihre Verbindungen enthält. Zum anderen die Ablagerung des Eiweißes Amyloid-beta sowie die Anhäufung des Tau-Proteins, die beide mit der Alzheimer-Krankheit verknüpft sind. Über wiederholte Magnetresonanztomografie und Positronen-Emissions-Tomografie ließ sich verfolgen, wie schnell diese Prozesse fortschreiten. Es zeigte sich ein klares Muster. Die meisten beeinflussbaren Risiken hingen mit Schäden an den kleinen Blutgefäßen und mit einer rascheren Zunahme der Marklagerveränderungen zusammen. Diese Gefäßschäden verschlechtern die Durchblutung und können am Ende in eine vaskuläre Demenz münden. Damit wird sichtbar, welche Art von Schaden im Alltag tatsächlich beeinflussbar ist und wo Vorbeugung ansetzen kann.
Die einzelnen Demenz Risikofaktoren wirken sich unterschiedlich aus, wie die an der Universität Lund im Rahmen der schwedischen BioFINDER-2-Studie durchgeführte Auswertung zeigt, deren Ergebnisse die Forschenden in einer ausführlichen Mitteilung der Universität Lund einordnen und mit mehreren klaren Zusammenhängen belegen. Hoher Blutdruck, ungünstige Blutfette, eine ischämische Herzerkrankung und Rauchen waren vor allem mit Schäden an den Blutgefäßen und der weiße Substanz verbunden. Diabetes stand dagegen mit einer stärkeren Ablagerung von Amyloid-beta in Zusammenhang, während ein niedriger Körpermasseindex mit einer schnelleren Anhäufung von Tau einherging. Bluthochdruck gilt damit als einer der beständigsten Warnhinweise für eine fortschreitende Gefäßschädigung. Auffällig ist, dass die klassischen Herz-Kreislauf-Risiken nicht die Alzheimer-typischen Eiweiße antrieben, sondern gezielt die vaskuläre Seite der Erkrankung.
Für die Demenzprävention ergibt sich daraus eine ermutigende Botschaft. Wer Blutdruck, Blutfette und Blutzucker im Blick behält und auf das Rauchen verzichtet, adressiert vor allem die vaskuläre Komponente, die sich bei den meisten Betroffenen mit den Alzheimer-Veränderungen überlagert. Die in der Fachzeitschrift The Journal of Prevention of Alzheimer’s Disease veröffentlichte prospektive Kohortenstudie legt nahe, dass sich mehrere schädliche Prozesse zugleich verlangsamen lassen, wenn diese Risiken früh und konsequent behandelt werden. Auch bei genetischer Vorbelastung bleibt der Nutzen bestehen, weil die Gefäßgesundheit unabhängig vom Alzheimer-Risiko wirkt. Sichere Aussagen über einen ursächlichen Schutz erlauben die Daten noch nicht, da es sich um Zusammenhänge und nicht um einen belegten Wirkungsnachweis handelt. Dennoch verweist der Befund auf jenen Teil der Erkrankung, den Betroffene und Behandelnde unmittelbar beeinflussen können.
The Journal of Prevention of Alzheimer’s Disease, Associations of modifiable and non-modifiable risk factors with longitudinal white matter hyperintensities, amyloid-β and tau; doi:10.1016/j.tjpad.2025.100448