Altersarmut in Deutschland ist überwiegend weiblich. Frauen erhalten im Ruhestand im Durchschnitt gut ein Viertel weniger Alterseinkommen als Männer, und am unteren Ende der Skala fällt der Abstand noch größer aus. Eine aktuelle Analyse beziffert nun, wie sich die Streichung der sogenannten Mütterrente auf die finanzielle Lage von Rentnerinnen auswirken würde. Betroffen wären fast neun Millionen Frauen. Die Zahlen zeigen, wie eng familiäre Sorgearbeit und späteres Armutsrisiko zusammenhängen.
Wie viel Rente jemand im Alter erhält, hängt in Deutschland eng mit dem Erwerbsleben zusammen. Weil Frauen häufiger in Teilzeit arbeiten, für Kindererziehung und die Pflege von Angehörigen aus dem Beruf aussteigen und in schlechter bezahlten Branchen tätig sind, fallen ihre Ansprüche deutlich niedriger aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bezogen Frauen ab 65 Jahren zuletzt im Schnitt rund 1.720 Euro brutto an Alterseinkünften pro Monat, Männer dagegen etwa 2.320 Euro. Daraus ergibt sich ein geschlechtsspezifischer Abstand von rund 26 Prozent, der als Gender Pension Gap bezeichnet wird. Diese Lücke summiert die Ungleichheiten eines ganzen Erwerbslebens und fällt regelmäßig größer aus als der reine Lohnunterschied. Besonders folgenreich ist sie für Frauen mit unterbrochenen Erwerbsbiografien, deren eigene Rente oft nicht zum Leben reicht und die Altersarmut real werden lässt.
Wer im Alter mit sehr wenig Geld auskommen muss, hat Anspruch auf die Grundsicherung im Alter. Doch viele nehmen sie aus Scham oder Unwissenheit nicht in Anspruch, sodass ein erheblicher Teil der Berechtigten Monat für Monat auf zustehende Leistungen verzichtet. Die gesetzliche Rentenversicherung folgt dem Prinzip der Teilhabeäquivalenz: Wer während des Erwerbslebens höhere Beiträge zahlt, erhält später eine höhere Rente. Für Menschen mit langen Auszeiten oder niedrigem Einkommen wirkt dieses Prinzip nachteilig, weil sich jede Lücke im Versicherungsverlauf unmittelbar in der späteren Zahlung niederschlägt. Um solche Nachteile abzumildern, rechnet die Rentenversicherung Erziehungs- und Pflegezeiten an. Genau an dieser Stelle setzt die Mütterrente an, die Kindererziehungszeiten stärker berücksichtigt. Fällt eine solche Anrechnung weg, vergrößert sich die Rentenlücke unmittelbar und trifft vor allem jene, die ohnehin am wenigsten haben.
Wie stark eine einzelne Reform wirken kann, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Sie berechnet die Folgen eines hypothetischen Wegfalls der vor gut zehn Jahren eingeführten Mütterrente. Das Ergebnis fällt deutlich aus: Fast neun Millionen Frauen, die vor 1992 Kinder geboren haben, würden im Schnitt rund 107 Euro monatlich verlieren. Besonders hart träfe es Frauen aus unteren Einkommensgruppen, Mütter mit mehreren Kindern und Geschiedene. Die Armutsrisikoquote der Rentnerinnen stiege der Analyse zufolge von 19,4 auf 22,3 Prozent, der Gender Pension Gap von 32 auf 39 Prozent. Zwar ließen sich damit kurzfristig rund 14 Milliarden Euro einsparen, doch die sozialen Kosten wären beträchtlich, wie die Berechnung zu den Verteilungseffekten einer Streichung im Einzelnen darlegt.
Die Ursachen der weiblichen Altersarmut liegen tief in der Erwerbsbiografie. Eine Frau, die dreißig Jahre in Teilzeit gearbeitet und zwischendurch Kinder großgezogen hat, erreicht selbst nach Jahrzehnten der Erwerbstätigkeit oft nur eine Rente unterhalb der Armutsgrenze. Hinzu kommt, dass auch die betriebliche und die private Altersvorsorge diese Muster fortschreiben, weil geringere Einkommen kleinere Rücklagen bedeuten. Wer wenig verdient, kann kaum zusätzlich sparen, und selbst vorhandene Ersparnisse verlieren durch die Geldentwertung an Wert. Wie ungleich sich Vermögen im Ruhestand entwickelt, verdeutlicht die Beobachtung, dass nur die vermögendsten Haushalte real noch Gewinne erzielen, während die Mehrheit schleichend verliert.
Statt bestehende Leistungen zu streichen, empfehlen Fachleute, bereits während der Erwerbsphase anzusetzen. Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen, bessere Bedingungen für Vollzeitarbeit und eine gerechtere Verteilung von Sorgearbeit gelten als wirksamste Hebel, um die Rentenlücke langfristig zu verkleinern. Andere Länder erproben ergänzende Modelle wie eigene Rentengutschriften für Erziehungs- und Pflegezeiten. Zwar dürfte der Gender Pension Gap künftig etwas schrumpfen, doch das liegt nur zum kleineren Teil an einer besseren Absicherung von Frauen, sondern auch daran, dass die durchschnittliche Männerrente sinkt. Die weibliche Altersarmut bleibt damit ein strukturelles Problem, das sich nicht durch einzelne Zuschläge, sondern nur über die gesamte Erwerbsbiografie hinweg entschärfen lässt. Wie sehr wirtschaftliche Entwicklungen den Alltag prägen, zeigt sich auch daran, dass der reale Wert von Wohnimmobilien zuletzt gesunken ist und viele Haushalte anders trifft als erwartet.