Rund jeder siebte erwachsene Deutsche will laut einer repräsentativen INSA-Umfrage innerhalb der nächsten fünf Jahre auswandern. Hochgerechnet auf etwa 59,2 Millionen Erwachsene entspricht das mehr als acht Millionen Menschen. Besonders hoch liegt der Anteil in den Altersgruppen zwischen 18 und 39 Jahren. Die amtliche Wanderungsstatistik weist für das Jahr 2025 allerdings völlig andere Größenordnungen aus. Die Migrationsforschung kennt diese Kluft zwischen geäußerter Absicht und tatsächlichem Verhalten seit Langem.
Umfragen zur Auswanderungsbereitschaft gehören zu den am häufigsten missverstandenen Instrumenten der empirischen Sozialforschung. Wer angibt, auswandern zu wollen, trifft damit keine überprüfbare Aussage über sein künftiges Verhalten, sondern beschreibt einen momentanen Wunsch, eine Unzufriedenheit oder eine grundsätzlich offene Lebensoption. Die Migrationsforschung unterscheidet deshalb streng zwischen der Migrationsabsicht, also dem geäußerten Vorhaben, und der realisierten Wanderung, die erst in Melderegistern und amtlichen Statistiken sichtbar wird. Zwischen beiden Größen liegt ein breiter Filter aus rechtlichen Hürden, Sprachkenntnissen, Arbeitsmarktzugang, familiären Bindungen, Wohneigentum und schlicht finanziellen Möglichkeiten. Jede einzelne dieser Bedingungen kann ein Vorhaben scheitern lassen, ohne dass die betroffene Person ihre ursprüngliche Einschätzung je revidieren müsste. Ob und wann Menschen tatsächlich auswandern, entscheidet sich damit an ganz anderen Faktoren als denen, die eine Momentaufnahme abfragt.
Die Gegengröße liefert die Wanderungsstatistik, die alle An- und Abmeldungen bei den Meldebehörden erfasst. Nach den endgültigen Ergebnissen für 2025 verzeichnete Deutschland rund 1,48 Millionen Zuzüge und 1,25 Millionen Fortzüge über die Landesgrenzen. Für Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit besteht dabei seit 2005 durchgehend eine Nettoabwanderung, wie das Statistische Bundesamt in seiner Auswertung der Wanderungsdaten festhält, und 2025 fiel dieser Saldo mit rund 97.000 Personen höher aus als im Vorjahr mit etwa 81.000. Hauptzielländer waren die Schweiz mit 23.000, Österreich mit 14.000 und Spanien mit 10.000 Fortzügen. Diese Werte beschreiben keine Wünsche, sondern vollzogene Umzüge, und sie liegen in einer anderen Größenordnung als das Umfrageergebnis.
Die Erhebung kommt auf 14 Prozent der erwachsenen Deutschen, die einen Wegzug innerhalb der nächsten fünf Jahre planen. 68 Prozent schließen den Schritt aus, 18 Prozent zeigen sich unentschlossen oder machen keine Angabe. Deutlich wird vor allem ein Altersgefälle: Bei den 18- bis 29-Jährigen liegt der Anteil bei 24 Prozent, bei den 30- bis 39-Jährigen bei 27 Prozent, bei den über 70-Jährigen dagegen nur bei vier Prozent. Nach Parteianhängerschaft reicht die Spanne von sieben Prozent bei Anhängern der FDP und zehn Prozent bei den Grünen bis zu 18 Prozent bei der Linken und 19 Prozent bei der AfD. Auffällig ist, dass die höchsten Werte an beiden Rändern des Parteienspektrums auftreten, was gegen eine eindimensionale politische Deutung spricht. Dass subjektive Lagebilder solche Antworten prägen, zeigt sich auch daran, dass viele Menschen ihre eigene Kaufkraft deutlich schlechter einschätzen, als die amtlichen Preisdaten es nahelegen.
Rechnerisch würden mehr als acht Millionen Auswanderungswillige in fünf Jahren rund 1,64 Millionen Fortzüge pro Jahr bedeuten. Tatsächlich registrierte die amtliche Statistik für 2025 etwa 289.000 Fortzüge von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit, also knapp ein Sechstel der aus der Umfrage abgeleiteten Größe. Noch deutlicher fällt der Abstand aus, wenn die Rückwanderung berücksichtigt wird: Rund 190.000 Deutsche kehrten im selben Jahr aus dem Ausland zurück, sodass unter dem Strich eine Nettoabwanderung von etwa 97.000 Personen blieb. Über fünf Jahre hochgerechnet wären das knapp eine halbe Million Menschen und damit rund sechs Prozent der acht Millionen. Wie viele Menschen am Ende wirklich auswandern, hängt zudem an ökonomischen Bedingungen, und Deutschland fällt beim Medianvermögen der privaten Haushalte im internationalen Vergleich überraschend weit zurück.
In der Migrationsforschung gilt die Diskrepanz zwischen geäußerter Migrationsabsicht und vollzogener Wanderung als gut dokumentiertes Phänomen. Eine vielzitierte Analyse untersuchte für mehr als 160 Länder, wie sich Umfragewerte zur Auswanderungsbereitschaft zu offiziellen Wanderungsdaten verhalten. Das Ergebnis fiel differenziert aus: Auf aggregierter Ebene besteht durchaus ein systematischer Zusammenhang, denn Staaten mit höheren Absichtswerten weisen im Mittel auch höhere Abwanderungsraten auf, wie die Autoren in ihrer Auswertung internationaler Umfrage- und Wanderungsdaten darlegen, doch das absolute Niveau der Absichten übersteigt die realisierten Wanderungen um ein Vielfaches. Umfragewerte taugen damit als Stimmungsindikator und als grober Trendmesser, nicht jedoch als Prognose dafür, wie viele Personen auswandern. Wer eine Absichtsquote direkt in Millionen künftiger Auswanderer umrechnet, überträgt eine relative Größe auf eine absolute Ebene, für die sie nie konstruiert wurde.
Mehrere methodische Punkte begrenzen die Aussagekraft zusätzlich. Die Erhebung entstand im Auftrag eines Nachrichtenportals, und weder Stichprobengröße noch Erhebungszeitraum wurden in der Berichterstattung offengelegt, sodass sich der statistische Fehlerbereich von außen nicht beurteilen lässt. Auch die Vergleichsgröße hat Schwächen: Fortzüge werden im Melderegister unzuverlässiger erfasst als Zuzüge, weil sich viele Menschen beim Wegzug nicht abmelden, und mehrfache An- und Abmeldungen innerhalb eines Jahres zählen mehrfach. Vor allem aber ist ein erheblicher Teil der deutschen Abwanderung befristet. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verfolgt in seiner Langzeitbefragung deutscher Aus- und Rückwanderer genau diese Bewegungen, und die Daten zeigen, dass Auslandsaufenthalte häufig als befristete Berufs- oder Bildungsphase beginnen. Wer heute angibt, auswandern zu wollen, meint deshalb nicht zwangsläufig einen dauerhaften Abschied.
International Migration, Linking Migration Intentions with Flows: Evidence and Potential Use; doi:10.1111/imig.12502