Zwischen 2021 und 2023 haben Pandemie und Ukrainekrieg die Inflation in Deutschland angetrieben und die Realeinkommen gedrückt. Im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt ist dieses Minus längst ausgeglichen, doch die Bevölkerung sieht ihre Kaufkraft ganz anders. Eine repräsentative Befragung von rund 7.000 Personen beziffert die Lücke zwischen Statistik und Empfinden erstmals genau. Sie zeigt zugleich, welche Konsequenzen daraus im Alltag folgen.
Die verfügbaren Realeinkommen messen, wie viel Haushalte nach Abzug von Steuern und Abgaben und nach Herausrechnung der Preissteigerung tatsächlich ausgeben können. Sie sind damit die zentrale volkswirtschaftliche Größe für die materielle Lage privater Haushalte. Zwischen 2021 und 2023 sank diese Größe deutlich, weil die Verbraucherpreise schneller stiegen als Löhne und Transferleistungen. Tarifabschlüsse, mehrere Anhebungen des Mindestlohns, Rentensteigerungen und eine nachlassende Teuerung haben den Rückgang seither rechnerisch wieder ausgeglichen. Für die wirtschaftliche Entwicklung ist dabei nicht nur die gemessene Kaufkraft entscheidend, sondern auch ihre Wahrnehmung, denn Konsumentscheidungen hängen davon ab, wie Haushalte ihre eigene finanzielle Lage einschätzen und welche Preisentwicklung sie für die kommenden Monate erwarten.
Dass gefühlte und gemessene Größen weit auseinanderliegen können, ist in der Wirtschaftsforschung seit Langem dokumentiert. Bereits während der Preisspitze von 2023 lag die von Verbrauchern geschätzte Teuerungsrate um ein Vielfaches über dem amtlichen Wert, wie die Analyse zu gefühlter und realer Inflation zeigte. Als Erklärung gilt die ungleiche Sichtbarkeit von Preisen. Güter, die mehrmals pro Woche gekauft werden, prägen das Preisgedächtnis weit stärker als selten angeschaffte Produkte, obwohl beide im Warenkorb des Verbraucherpreisindex nach ihrem Ausgabenanteil gewichtet werden. Bislang fehlten belastbare Daten dazu, ob sich diese Verzerrung auch dann hält, wenn die statistische Erholung längst abgeschlossen ist.
Jan Behringer und Lukas Endres vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung haben dafür eine repräsentative Online-Befragung ausgewertet, an der im November 2025 rund 7.000 Personen zwischen 18 und 75 Jahren teilnahmen. Die Stichprobe war nach Alter, Geschlecht, Bundesland und Haushaltseinkommen quotiert. Die im IMK Policy Brief Nr. 218 dokumentierten Ergebnisse zeigen eine erhebliche Diskrepanz. Nur 11 Prozent der Befragten gaben an, sich mehr leisten zu können als fünf Jahre zuvor, 30 Prozent sahen ihre Lage unverändert und 59 Prozent waren überzeugt, real weniger zur Verfügung zu haben. Der gemessene Durchschnitt legt für denselben Zeitraum das Gegenteil nahe.
Die Autoren führen die Lücke wesentlich auf die Zusammensetzung der Preissteigerungen zurück. Seit 2020 verteuerte sich Wohnenergie um 47 Prozent, Lebensmittel und Restaurantbesuche legten jeweils um mehr als 30 Prozent zu. Es handelt sich damit ausgerechnet um jene Ausgabenblöcke, die Haushalte regelmäßig und bewusst wahrnehmen. Entsprechend deutlich fallen die Belastungsangaben aus, denn 47 Prozent der Befragten empfinden die höheren Kosten für Wohnenergie als schwere Belastung, bei Lebensmitteln sind es 44 Prozent und bei Restaurantbesuchen 42 Prozent. Moderatere Preisentwicklungen bei selten gekauften Gütern fallen dagegen kaum ins Gewicht. Dass sich die materielle Lage regional stark unterscheidet, hatte zuvor eine Untersuchung dazu gezeigt, wo die Kaufkraft in Deutschland am höchsten liegt.
Die Wahrnehmung wirkt sich messbar auf Erwartungen und Verhalten aus. Von jenen, die sich schlechter gestellt fühlen, äußerten 55 Prozent große Sorgen über die künftigen Lebenshaltungskosten, gegenüber 16 Prozent bei unveränderter und 22 Prozent bei verbesserter Einschätzung. Entsprechend unterschiedlich fielen die Konsumpläne aus, denn 68 Prozent der stark Besorgten wollten ihre Ausgaben für Freizeit, Unterhaltung und Kultur zurückfahren, bei den Sorglosen waren es 17 Prozent. Bei Reisen lagen die Werte bei 67 und 19 Prozent. Auch politisch schlägt sich das nieder, denn fast 80 Prozent der Gruppe mit gefühltem Verlust zeigten sich unzufrieden mit der Bundesregierung und 35 Prozent gaben an, ihr überhaupt nicht zu vertrauen. Details der Erhebung dokumentiert die Mitteilung der Hans-Böckler-Stiftung, die zugleich auf die aktuelle Entwicklung der Kraftstoffpreise verweist.