Doppelte Wetterextreme

Hitze und Dürre erhöhen das Armutsrisiko von Millionen Europäern

 Dennis Lenz

Hitze und Dürre erhöhen das Armutsrisiko von Millionen Europäern
(Symbolbild). Ausgetrocknete Böden und anhaltende Hitzeperioden setzen den Haushalten in Europa zunehmend auch finanziell zu. Eine neue Studie zeigt, dass Hitze und Dürre gemeinsam deutlich größere Einkommensverluste verursachen als jedes Extrem für sich allein. Besonders einkommensschwache Haushalte tragen die größten Risiken, während sich das Problem mit fortschreitender Erderwärmung weiter verschärfen dürfte. (Foto: © Forschung und Wissen)

Extreme Hitzewellen und Dürren belasten nicht nur die Gesundheit, sondern auch die Finanzen der privaten Haushalte. Eine neue Studie des Berliner Klimaforschungsinstituts Climate Analytics beziffert erstmals, wie stark kombinierte Wetterextreme die Einkommen in Europa senken. Die Analyse von Haushaltsdaten aus den Jahren 2004 bis 2022 offenbart dabei einen Effekt, der deutlich über die Summe der Einzelereignisse hinausgeht. Und sie zeigt, dass eine Bevölkerungsgruppe die Verluste überproportional hart trifft.

Berlin (Deutschland). Der Klimawandel sorgt dafür, dass Wetterextreme in Europa häufiger, intensiver und länger auftreten. Neben immer heißeren Sommern nehmen selbst in Regionen mit steigenden Niederschlagsmengen die Dürren zu, weil höhere Temperaturen die Verdunstung verstärken und die Böden schneller austrocknen lassen. Treffen extreme Hitzeperioden und ausgeprägte Trockenheit gleichzeitig auf dieselbe Region, sprechen Forscher von kombinierten trocken-heißen Extremereignissen. Solche Ereignisse belasten die Landwirtschaft, die Energieerzeugung, die Wasserversorgung und die Gesundheit der Bevölkerung parallel und verstärken sich dabei gegenseitig. Für die Wirtschaft entsteht dadurch ein Schaden, der weit über unmittelbare Ernteausfälle hinausgeht. Wie stark Hitze und Dürre die finanzielle Lage privater Haushalte tatsächlich verändern, war bislang jedoch kaum erforscht, weil ökonomische Analysen beide Extreme meist getrennt betrachtet haben und die Wechselwirkungen zwischen ihnen dadurch systematisch unterschätzt wurden.

Ein Forschungsteam um die Klimaökonomin Jessie Ruth Schleypen vom Berliner Institut Climate Analytics hat nun untersucht, wie sich Hitzewellen, Dürren und deren gemeinsames Auftreten auf die Einkommen europäischer Haushalte auswirken. Die Forscher haben ihre Ergebnisse in einer im Fachjournal Global Environmental Change publizierten Studie vorgestellt, die im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts ACCREU entstanden ist. Für ihre Analyse kombinierten die Wissenschaftler europaweite Haushaltsbefragungen aus den Jahren 2004 bis 2022 mit hochaufgelösten Temperatur- und Dürredaten und werteten die Datensätze mit einem ökonometrischen Regressionsmodell aus. Auf diese Weise ließ sich für Hunderttausende Haushalte nachvollziehen, wie sich das verfügbare Einkommen in Jahren mit und ohne Extremereignisse entwickelt hat. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Frage, ob kombinierte Ereignisse stärkere Folgen haben als die Summe der einzelnen Extreme und welche Bevölkerungsgruppen die größten Risiken tragen.

Gemeinsames Auftreten verursacht deutlich höhere Verluste

Die Auswertung zeigt, dass bereits einzelne Extremereignisse deutliche Spuren in den Haushaltskassen hinterlassen. In Jahren mit Hitzewellen lag das durchschnittliche Haushaltseinkommen in Europa um etwa 0,7 Prozent niedriger, in Dürrejahren um rund 1,8 Prozent. Treten Hitze und Dürre gemeinsam auf, steigt der Verlust auf fast drei Prozent und übertrifft damit die Summe der Einzeleffekte deutlich. Kombinierte Hitzewellen wirkten sich zudem um 0,8 Prozentpunkte stärker auf die Einkommen aus als Hitzewellen allein. Als Ursachen nennen die Forscher unter anderem gesundheitliche Belastungen, eine sinkende Arbeitsproduktivität, Ernteausfälle sowie Einschränkungen bei wasserabhängigen Diensten wie der Energieerzeugung und der Binnenschifffahrt. In einer Mitteilung von Climate Analytics erklärt Schleypen dazu, dass der Schaden dort besonders groß werden kann, wo extreme Hitze mit Dürre zusammenfällt, und dass solche kombinierten Ereignisse mit fortschreitender Erderwärmung immer häufiger auftreten werden.

Ärmste Haushalte verlieren überproportional viel

Die Einkommensverluste verteilen sich dabei sehr ungleich über die Bevölkerung. Die ärmsten 20 Prozent der Haushalte verloren durch Hitze und Dürre rund vier Prozent ihres Einkommens, während die übrigen Einkommensgruppen auf Rückgänge zwischen 1,1 und 1,8 Prozent kamen. Die ohnehin einkommensschwächsten Haushalte büßten damit 2,7 Prozentpunkte mehr ein als die wohlhabenderen, wodurch sich die Einkommensungleichheit in Europa weiter vergrößert. Nach den Berechnungen der Forscher haben Hitze- und Dürreereignisse das Armutsrisiko in Europa zwischen 2004 und 2022 im Durchschnitt um 1,1 Prozentpunkte erhöht, was rund 5,6 Millionen zusätzlichen Menschen entspricht, deren Einkommen unter die statistische Armutsgefährdungsschwelle fiel. Besonders stark betroffen waren Regionen mit vielen kombinierten Extremereignissen, darunter der Großraum Madrid mit einem Einkommensrückgang von fast zehn Prozent, Zentralungarn mit 9,4 Prozent und Zentralspanien mit 8,8 Prozent. Verschärft wird die Lage einkommensschwacher Haushalte zusätzlich durch die global stark gestiegenen Lebensmittelpreise, weil arme Familien einen größeren Teil ihres Budgets für Grundnahrungsmittel ausgeben müssen.

Bis 2100 drohen drastische Einkommensverluste

Mit Blick auf die Zukunft zeichnen die Projektionen der Studie ein drastisches Bild. Erwärmt sich die Erde bis 2100 um 2,7 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau, was ungefähr dem Pfad der aktuellen globalen Klimapolitik entspricht, sinkt das Einkommen eines durchschnittlichen europäischen Haushalts um 27 Prozent. In Spanien würden die Haushaltseinkommen um mehr als ein Drittel fallen, in Griechenland sogar um mehr als die Hälfte. Zugleich wären in einem solchen Szenario rund 127 Millionen Menschen in Europa von Armut bedroht, während es bei einer Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius etwa 60 Millionen wären und die durchschnittlichen Verluste auf sieben Prozent schrumpfen würden. Die Forscher sehen darin ein starkes ökonomisches Argument für konsequenten Klimaschutz und bessere Anpassung, zumal Hitzewellen in Deutschland und anderen Teilen Europas bereits jetzt intensiver und schwerer vorhersehbar werden. Eine ergänzende Analyse zu den Hitzerisiken in Deutschland kam Anfang 2026 zudem zu dem Ergebnis, dass umfassende Schutzkonzepte gegen die zunehmende Hitzebelastung bislang fehlen und die Umsetzung regionaler Hitzeschutzpläne nur langsam vorankommt.

Global Environmental Change, Compound dry-and-hot extremes exacerbate income inequality and poverty in Europe; doi:10.1016/j.gloenvcha.2025.103106

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