Höhere Preissensibilität

Bestattungskultur in Deutschland hat sich stark gewandelt

von Robert Klatt

Die Bestattungskultur in Deutschland hat sich aufgrund von veränderten Lebensverhältnissen und einem geringeren Stellenwert der Religion in den vergangenen Jahren stark entwickelt.

Berlin (Deutschland). In Deutschland gehörten Bestatter eine lange Zeit zu den wenigen Branchen, die ihr Geschäft fast ohne Werbung, Preisvergleiche und Verkaufsverhandlungen führen konnten. Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln hat sich das Nachfrageverhalten in den letzten zwei Jahrzehnten jedoch stark geändert, was dazu führte, dass auch Bestatter sich zunehmend an die Gegebenheiten der freien Marktwirtschaft anpassen mussten.

Dominik Akyel, Soziologe am MPI fasst die Studienergebnisse zusammen und erklärt, dass „der Trend zu individuellen Bestattungen oder Billigangeboten geht.“ Aus wirtschaftssoziologischer Perspektive Sicht ist das Forschungsfeld laut dem Wissenschaftler besonders interessant, „weil in diesem Markt vieles tabuisiert, das in anderen ökonomischen Bereichen völlig normal ist.“

Abkehr von christlichen Werten

Um die Situation auf dem Bestattungsmarkt zu erfassen, haben die Wissenschaftler rund um Akyel amtliche Statistiken ausgewertet und weitere Daten anhand von Experteninterviews Dokumentenanalysen erhoben. Es zeigte sich dabei, dass vor allem der sinkende Stellenwert der Religion in der Bundesrepublik die Bestattungskultur massiv verändert hat.

Die Abkehr von traditionellen christlichen Werten mit denen sich zunehmend weniger Menschen identifizieren können, hat laut Akyel dazu geführt, dass, „auch die traditionellen christlichen Bestattungs- und Gedenkformen an Bedeutung verloren haben.“

Andere Familienstrukturen und Lebensverhältnisse

Außerdem zeigen die Daten der Studie, dass auch der Veränderungen in den Familienstrukturen und Lebensverhältnissen in den letzten Jahrzehnten zu signifikanten Veränderungen in der Bestattungskultur geführt haben. Laut Akyel „wechseln besonders junge Menschen heute ihren Wohnort häufiger als vor 20 Jahren und leben oft weit entfernt von ihren Eltern. Dementsprechend werden die Grabstätten seltener aufgesucht.“

Klassische Friedhof-Bestattungen, die häufig hohen Kosten verbunden sind, werden aufgrund der als geringer empfundenen Stellenwertes daher von den Kindern nicht mehr so häufig nachgefragt. Der Trend geht hingegen laut der Studie zu kleineren und intimeren Trauerfeiern und Begräbnissen, die mehr zum Leben und der Persönlichkeit des Verstorbenen passen.

Höhere Preissensibilität in der Bestattungsbranche

Auch die Finanzierung der Trauerfeier und des Begräbnisses hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich verändert. Als Hauptursache dafür konnten die Studienautoren die gestiegene Anzahl an Menschen identifizieren, die bereits zu Lebzeiten ihre eigene Bestattung organisieren, um so die Hinterbliebenen vor hohen Kosten und weiteren Belastungen zu schützen. Bestatter sind dadurch gezwungen ihre Dienstleistung stärker an den individuellen Wünschen der Kunden auszurichten, statt wie zuvor nur eine Reihe von unterschiedlich teuren Standardpaketen anzubieten.

Aufgrund der hohen Kosten, die selbst bei einfachen Bestattungen schnell in die Tausende gehen können, schließen außerdem viele Menschen zur Absicherung der Begräbniskosten eine Sterbegeldversicherung ab, die auch bei einer angespannten finanziellen Situation der Hinterbliebenen eine würdevolle Beerdigung ermöglicht. Die große Nachfrage hat inzwischen dazu geführt, dass nahezu alle Versicherungsgesellschaften entsprechende Policen anbieten. Eine Übersicht über das Angebot bietet unter anderem das Portal Sterbegeldversicherung1a.de.

Günstige Angebote werden wichtiger

Akyel fügt hinzu, dass „Bestattung als soziales Ereignis ihre Bedeutung verloren haben und dass viele Menschen eine aufwändige und kostspielige Beerdigung deshalb nicht mehr für notwendig halten.“ Günstige Angebote, die inzwischen im Internet erhältlich sind, werden daher wichtiger. Ein weiterer Grund dafür ist aber auch der Wegfall des Sterbegelds, der dafür sorgt, dass viele Hinterbliebenen die Kosten einer traditionellen Friedhof-Bestattung und die spätere Grabpflege nicht finanzieren können.

Gesetzesnovelle erlaubt Privatisierung

Eine Gesetzesänderung in den 1990er Jahren hat überdies dazu geführt, dass auch im Bestattungs- und Friedhofswesen private und gewinnorientierte Unternehmen am Markt teilnehmen dürfen. Inzwischen sind laut Akyel „etwa ein Drittel der Krematorien in Deutschland in privater Hand.“ Dies führte zu einer Trendwende in einer Branche, in der ein Preiskampf zwischen den Anbietern lange als unmoralisch galt.

Zusammenfassend zeigen die Studienergebnisse zwar, dass auch traditionelle Bestatter noch Gewinne erwirtschaften können, dass diese in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Durchschnitt aber um 25 Prozent sanken. Am schlimmsten trifft der Wandel der Bestattungskultur wenig spezialisierten Institute in den Großstädten, in denen viele Unternehmen in der Bestattungsbranche um Kunden konkurrieren.

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