Aktien für jedes Kind

10 Euro Frühstartrente bringen bei 7 Prozent Rendite 53.000 Euro

 Dennis Lenz

10 Euro Frühstartrente bringen bei 7 Prozent Rendite 53.000 Euro
(Symbolbild) Das Bundeskabinett hat den Gesetzentwurf zur Frühstartrente am 12. August 2026 beschlossen. Der Staat zahlt danach für jedes Kind vom sechsten bis zum achtzehnten Lebensjahr zehn Euro im Monat in ein Altersvorsorgedepot ein, rückwirkend ab 2026 für den Jahrgang 2020. Die Erträge bleiben bis zur Auszahlung im Rentenalter steuerfrei. Fünf Wirtschaftswissenschaftler von ZEW, SAFE und UC Berkeley haben nun untersucht, wie das Geld angelegt werden muss. (Foto: © Forschung und Wissen, KI-Bild)

Der Staat zahlt ab 2027 für jedes Kind zwischen sechs und achtzehn Jahren zehn Euro im Monat in ein eigenes Altersvorsorgedepot. Das sind über zwölf Jahre 1.440 Euro, aus denen nach der Modellrechnung des Bundesfinanzministeriums bei sieben Prozent Rendite bis zum 65. Geburtstag rund 53.000 Euro werden. Ob diese Summe je erreicht wird, hängt nach einer Untersuchung von fünf Wirtschaftswissenschaftlern von ZEW, SAFE und der University of California an einer einzigen Entscheidung, die noch nicht gefallen ist: Wohin das Geld fließt, wenn Eltern nichts unternehmen.

Die Frühstartrente ist ein neues Instrument der privaten Altersvorsorge, das die Bundesregierung am 12. August 2026 als Gesetzentwurf beschlossen hat. Für jedes Kind, das seinen ersten Wohnsitz in Deutschland hat, überweist der Bund vom vollendeten sechsten bis zum achtzehnten Lebensjahr monatlich zehn Euro in ein kapitalgedecktes Depot, das auf den Namen des Kindes läuft. Die Regelung gilt rückwirkend ab dem 1. Januar 2026 für den Geburtsjahrgang 2020, ab 2027 kommt jedes Jahr der nächste Jahrgang der Sechsjährigen hinzu. Nach dem achtzehnten Geburtstag zahlt der Staat nichts mehr ein, das Kapital bleibt jedoch bis zur Regelaltersgrenze angelegt, die Erträge sind bis dahin steuerfrei, und der Bestand ist vor staatlichem Zugriff geschützt. Eltern und später die Kinder selbst dürfen bis zu 6.840 Euro im Jahr zusätzlich einzahlen.

Genau an der Frage, was mit dem Geld geschieht, setzt ein Policy Letter an, den Tabea Bucher-Koenen vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim gemeinsam mit Christine Laudenbach und Claudia Schaffranka vom Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung SAFE, Ulrike Malmendier von der University of California in Berkeley und Milena Schwarz vom Sachverständigenrat Wirtschaft vorgelegt hat. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass Eltern einen sogenannten Standarddepot-Vertrag bei einem Anbieter abschließen können. Tun sie das nicht, landet das Geld automatisch in einer kollektiven Anlage, damit kein Startkapital verloren geht. Die Autoren halten diesen Automatismus für den eigentlichen Hebel des Vorhabens, weil er nach aller Erfahrung die große Mehrheit der Familien betreffen wird. Wie dieses Standardportfolio aufgebaut ist, entscheidet deshalb über das Ergebnis von Millionen Depots.

Wie aus 1.440 Euro 53.000 Euro werden

Die Beispielrechnung, die das Bundesfinanzministerium zum Kabinettsbeschluss vorgelegt hat, beruht auf dem Zinseszinseffekt über eine ungewöhnlich lange Strecke. Zwölf Jahre lang fließen 120 Euro pro Jahr in das Depot, bei sieben Prozent jährlicher Rendite stehen zum achtzehnten Geburtstag rund 2.200 Euro auf dem Konto. Danach wird nichts mehr eingezahlt, das Kapital arbeitet aber weitere 47 Jahre bis zum 65. Lebensjahr. Bei gleichbleibender Rendite verdoppelt sich ein Betrag alle gut zehn Jahre, aus 2.200 Euro werden so etwa 53.000 Euro. Legen Eltern zusätzlich zehn Euro im Monat dazu, rechnet das Ministerium mit rund 107.000 Euro. Ob die sieben Prozent vor oder nach Inflation gemeint sind und welche Gebühren abgehen, macht über 59 Jahre einen erheblichen Unterschied, und genau hier setzt die Kritik der Wirtschaftswissenschaftler an.

Warum die Autoren ausschließlich Aktien wollen

Der zentrale Punkt des Policy Letters von SAFE und ZEW lautet, dass die kollektive Anlage vollständig in Aktien investieren muss, und zwar passiv, breit gestreut und nach festen Regeln. Die Begründung ist historisch: Aktien haben über lange Zeiträume mit real rund sieben Prozent pro Jahr die höchsten Renditen aller Anlageklassen erzielt, deutlich mehr als Anleihen. Über einen Anlagehorizont von fast sechs Jahrzehnten wächst dieser Unterschied zu einem Vielfachen des Endbetrags an. Eine regelgebundene Strategie, etwa nach Marktkapitalisierung oder ersatzweise nach Wirtschaftsleistung der Länder gewichtet, hält zudem die Kosten niedrig und verhindert zwei typische Fehler: den Versuch, den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt zu treffen, und den Zugriff der Politik auf die Anlageentscheidungen, etwa um heimische Branchen oder bestimmte Projekte zu bevorzugen.

Das Vorbild Schweden und die Macht des Standards

Als Beleg für die Wirkung eines Standardportfolios verweisen die Autoren auf Schweden. Dort fließt ein Teil der Rentenbeiträge seit Ende der 1990er Jahre in Fonds, die die Versicherten selbst auswählen können. Wer keine Wahl trifft, landet automatisch im staatlichen Standardfonds, und das ist die große Mehrheit. Die Ausgestaltung dieses einen Fonds hat das Anlageverhalten von Millionen Menschen über Jahrzehnte geprägt, weil kaum jemand später wechselt. Für Deutschland leiten die Wirtschaftswissenschaftler daraus die Forderung ab, politische Vorgaben und operative Umsetzung strikt zu trennen: eine langfristige Renditeorientierung, professionelles Management und eine unabhängige Aufsicht durch Kapitalmarktexperten. Wie stark ein einmal gesetzter Standard das Verhalten steuert, zeigt sich auch im Kleinen, etwa wenn ein einmaliger Geldbetrag ganze Dörfer aus der Armut holt.

Erfahrung prägt das Anlageverhalten ein Leben lang

Die wissenschaftliche Grundlage der Empfehlung liegt in der Forschung zu sogenannten Erfahrungseffekten, die Ulrike Malmendier über viele Jahre geprägt hat. Menschen, die in jungen Jahren steigende Aktienkurse erlebt haben, investieren ihr Leben lang mehr am Kapitalmarkt, wer dagegen Abstürze oder gar keine Berührung mit Aktien erlebt hat, bleibt dem Markt fern. Persönliche Erfahrung wiegt dabei schwerer als jedes Lehrbuchwissen. In Deutschland besitzt nur etwa jeder Sechste Aktien oder Aktienfonds, und als wichtigste Hürde nennt Christine Laudenbach die Vorstellung, man müsse sehr viel wissen, um keine Fehler zu machen. Die Frühstartrente könnte diese Schwelle für einen ganzen Jahrgang auf einmal absenken, weil jedes Kind ohne eigenes Zutun ein Depot besitzt. Wie groß der Nachholbedarf im Umgang mit Geld ist, zeigt der Befund, dass jeder Siebte in Deutschland sein Girokonto überzieht.

Was Eltern jetzt wissen müssen

Das Gesetzgebungsverfahren soll bis November 2026 abgeschlossen sein, damit die Frühstartrente zum 1. Januar 2027 in Kraft treten kann. Die Anspruchsprüfung übernimmt die Zentrale Zulagenstelle für Altersvermögen, ein Antrag der Eltern ist für die staatlichen Zahlungen nicht vorgesehen. Wer für sein Kind einen Standarddepot-Vertrag abschließen will, kann das erst tun, wenn Anbieter zugelassen sind; bis dahin und für alle Familien, die sich nicht kümmern, greift die kollektive Anlage. Die Autoren betonen, dass die im Entwurf angelegte aktienbasierte Ausrichtung dieser Sammelanlage im parlamentarischen Verfahren erhalten bleiben muss, weil sonst der Kern des Modells verloren geht. Bleibt es dabei, hat ein Kind des Jahrgangs 2020 mit 65 Jahren im Depot, was der Staat über zwölf Jahre in Zehn-Euro-Schritten eingezahlt hat, vervielfacht durch nichts anderes als Zeit.

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