Der Verdacht liegt nahe, dass geschenktes Geld schnell verpufft oder nur die Preise steigen lässt. Eine der größten Bargeldstudien der Welt widerlegt diese Sorge eindrucksvoll. In einer Untersuchung im ländlichen Kenia erhielten 10.500 arme Haushalte je einmalig rund 1.000 US-Dollar. Diese Zahlungen lösten das 2,5-Fache ihres Wertes an lokalem Wirtschaftswachstum aus, während die Preise über einen längeren Zeitraum kaum stiegen. Rund 80 Prozent des Geldes blieb dabei in der Region.
Direkte Geldzahlungen an Menschen in Armut, im Fachjargon unkonditionierte Bargeldtransfers, sind seit Jahren Gegenstand intensiver ökonomischer Forschung. Die Idee dahinter ist einfach, denn statt Sachleistungen wie Lebensmittel oder Saatgut zu verteilen, erhalten die Empfänger Geld und entscheiden selbst, was sie am dringendsten benötigen. Kritiker wenden traditionell zwei Dinge ein. Erstens könnten Empfänger das Geld unproduktiv ausgeben oder die Arbeitsmotivation verlieren. Zweitens könnte eine große Geldmenge, die auf einmal in eine arme Region fließt, vor allem die Preise in die Höhe treiben, sodass am Ende niemand tatsächlich reicher wird. Diese befürchtete Inflation gilt als zentrales Gegenargument gegen Bargeldprogramme im großen Stil. Ob sie tatsächlich eintritt, ließ sich lange nicht sauber messen, weil dafür ein sehr großer, klar abgegrenzter Geldzufluss und eine präzise Nachverfolgung nötig sind.
Genau das leistete eine Untersuchung der Organisation GiveDirectly, deren Ergebnisse Anfang 2026 vorgestellt wurden. Die Studie aus dem Jahr 2022 verfolgte mehr als 280.000 Menschen und 11.000 Unternehmen in 653 kenianischen Dörfern und zählt damit zu den bislang gründlichsten Auswertungen zur Wirkung von Bargeld. Innerhalb der Dörfer erhielten gezielt die ärmsten Haushalte, erkennbar etwa an einfachen Grasdächern, je rund 1.000 US-Dollar als einmalige Summe. Die schiere Größe des Datensatzes erlaubte es den Forschern, den Weg des Geldes durch die lokale Wirtschaft genau nachzuzeichnen, also zu verfolgen, wer es ausgibt, bei wem es landet und ob es die Region verlässt oder in ihr zirkuliert. Damit wurde erstmals belastbar messbar, wie sich große Direktzahlungen auf eine ganze Volkswirtschaft im Kleinen auswirken.
Das zentrale Ergebnis überrascht selbst Fachleute, denn jeder ausgezahlte Dollar erzeugte im Mittel das 2,5-Fache an lokaler Wirtschaftsleistung, wie GiveDirectly in seiner Auswertung darlegt. Der Grund liegt in einem Kreislaufeffekt, denn die Empfänger gaben das Geld überwiegend vor Ort aus, bei Händlern, Handwerkern und Nachbarn, die dadurch selbst mehr einnahmen und wiederum mehr ausgaben. Rund 80 Prozent der Ausgaben blieben innerhalb der lokalen Märkte, sodass sich der Effekt vervielfachte. Auch profitierten nicht nur die direkten Empfänger, sondern die gesamte Dorfgemeinschaft, weil die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen stieg. Damit widerlegt die Studie die Annahme, geschenktes Geld versickere wirkungslos, und legt nahe, dass Direktzahlungen unter bestimmten Bedingungen ganze regionale Wirtschaften ankurbeln können.
Der wohl wichtigste Befund betrifft die Preise, denn die massive Geldspritze führte kaum zu Inflation. Gestützt wird das durch ein früheres Pilotprojekt in Malawi, bei dem über 52 Millionen Dollar an 85.000 Erwachsene eines gesamten Bezirks flossen, was etwa einem Jahr lokaler Wirtschaftsleistung entsprach, und dennoch stiegen die Preise um weniger als ein Prozent, während die meisten Familien der extremen Armut entkamen. Die Forscher erklären dies damit, dass die zusätzliche Nachfrage von Händlern und Produzenten aufgefangen wurde, die ihr Angebot ausweiteten. Einordnend gilt, dass die Ergebnisse aus spezifischen ländlichen Kontexten stammen und sich nicht ungeprüft auf reiche Industrieländer oder auf die Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen übertragen lassen. Dennoch liefert die Untersuchung ein starkes Argument dafür, dass Bargeld nicht nur individuelle Not lindert, sondern als wirtschaftliches Instrument gegen Armut wirken kann.